Der Preis ist die Freiheit

Gender Es zu sagen tut ein bisschen weh, aber: Ich bin Feminist
Der Preis ist die Freiheit

Illustration: der Freitag

Es sollte mir leichtfallen, diesen einfachen Satz zu sagen: Ich bin Feminist. Es müsste angesichts meines beruflichen Engagements und meines privaten Interesses eine Selbstverständlichkeit sein, mich so zu bezeichnen. Aber so einfach ist das nicht.

Vermutlich, weil ich lange mit dem Begriff gerungen habe. Zunächst begegnete er mir als irritierte Unterstellung: Ob ich „Feminist oder so etwas“ sei, wenn ich mich weigerte, in sexistische Witze reinzulachen und nachdrücklich Bücher von Autorinnen empfahl. Ziemlich bitter, wie wenig dafür nötig war.

Später betrachtete ich den Begriff als unerfüllbare Anforderung. Denn Feminismus kann immer noch komplexer gedacht werden und stellt dabei die Machtfrage so konsequent, dass er auch vor den eigenen Privilegien nicht Halt macht. Manchmal kam er als Vorwurf: Was hast du denn mit Frauenrechten zu schaffen, wenn doch dein eigenes Geschlecht unterdrückt wird?!

Und schließlich trat er immer wieder als Lüge auf. In Gestalt von bekannten Männern, denen man nachsagt, sensibler als andere zu sein, frauenverstehend – und eben feministisch. Die dann dieses Label skrupellos dafür nutzten, Frauen über den Mund zu fahren, sie zu belästigen oder gar zu vergewaltigen.

Als Mann und als Feminist stehe ich demzufolge zwischen der Verwunderung darüber, dass ich Blondinenwitze nicht lustig finde, und der Frage, ob ich auch „so einer wie dieser Comedian“ sei, der einen auf Frauenversteher macht, damit er ungebeten vor Kolleginnen masturbieren kann. Ich stecke zwischen Beschimpfungen als lila Pudel, Pimmelzwerg und Feminazi durch Geschlechtsgenossen. Und Vorwürfen von Feministinnen, mit meinem unzureichenden Wissen einen der raren Plätze an der Sonne zu belegen.

Klingt unbequem. Muss es auch. Warum sollte eine ideologie- und herrschaftskritische Idee bequem sein? Es mag nicht ganz schmerzfrei sein, als maximalprivilegierter Durchschnittstyp seine zahlreichen Vorrechte zu hinterfragen und hinterfragen zu lassen. Aber das tut nur ein bisschen weh.

Der Preis ist die Freiheit. Nicht nur die Freiheit der anderen, sondern vor allem die eigene. Feminismus verhandelt nämlich meine Anliegen und bedient meine ureigenen Interessen. Ich will weder als Übervater gefeiert noch als Aushilfskraft meiner Partnerin abgetan werden. Ich habe keine Lust, meine Ängste und Unzulänglichkeiten so lange herunterzuschlucken, bis ich an ihnen ersticke.

Ich bin dieser dämlichen Spielchen mit Frauen, zu denen ich als heterosexueller Mann scheinbar zwangsverpflichtet bin, so unendlich müde. Es muss doch möglich sein, Frauen einfach in Ruhe zuhören und sie klug, eindimensional, brillant, anmaßend, lustig oder langweilig finden zu dürfen, ohne dass ständig von mir erwartet wird, sie auf ihre Fickbarkeit hin zu taxieren.

Genau das leistet für mich der Feminismus.

Dabei verteilt er keine Streicheleinheiten, weil keine angebracht sind. Stattdessen tritt er mir in den Hintern, wenn ich auf andere herabblicke, sie marginalisiere, zu meinem Vorteil ausnutze. Er macht mir Beine, wenn ich strukturelle Ungerechtigkeit als persönliche Befindlichkeit umdeklariere und aus reiner Bequemlichkeit das Private nicht politisch finden möchte. Er hat ein grimmiges Nicken für mich, wenn ich einen bestimmten Diskriminierungszusammenhang nach langem Herumlavieren doch noch begriffen habe. Und irgendwie schafft er es dabei auch noch, hin und wieder Spaß zu machen. Deshalb ist Feminist mittlerweile nicht nur eine Fremdbezeichnung, sondern eine Eigenpositionierung.

Eins ist also klar, und es lässt sich einfach nicht leugnen: Des Pudels Kern ist feministisch.

06:00 29.12.2017

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