Die Anstifterin

Stiftung Claudia Langer erklärt die 30 bis 50-Jährigen zur verlorenen Generation und setzt sich für die jungen ein. Sie weiß: Generationengerechtigkeit mobilisiert die Menschen viel eher als Nachhaltigkeit
Die Gründerin Claudia Langer
Die Gründerin Claudia Langer

Foto: Claudia Casagrande

Dann, das Aufnahmegerät zeigt schon deutlich über zwei Stunden Gespräch an, Claudia Langer hat über die „Generationen Stiftung“ geredet, ihren politischen Aktivismus, war zwischendrin mal müde, hat wenig von ihrem Bananenbrot gegessen, auf ihr Leben, die bescheidenen Verhältnisse in München-Neuperlach und die große Kinder-Freiheit in der Siedlung geblickt, die No-Future-Stimmung der 1980er, ihre Werbeagentur, mit der sie gegen all die Trägheit wirbelte, von Ohnmachtsgefühlen, Ängsten, Tränen der heutigen Jugend erzählt, nebenbei die Arbeit des Zentrums für Politische Schönheit „ziemlich geile Effekthascherei“ genannt, die aber eben nicht nachhaltig politisch was verändere, ein paar strenge Falten in die Stirn gezogen, sich vorgebeugt, was der Reporter denn nun wolle, sie nimmt einen Artikel aus der Süddeutschen zu Hilfe, da stand, dass die Jugend eben lauter brüllen solle – dann also, letzte Frage, wir müssen los, gleich beginnt das digitale Plenum an diesem Olaf-Scholz-wird-Bundeskanzler-Mittwoch, aber der Reporter muss noch einmal nachhaken: Kann es sein, dass jemand wie er, zwar etwas jünger als Langer, aber deutlich älter als die jungen Erwachsenen, die in der „Generationen Stiftung“ mitmachen, die Texte, den Aktivismus, die vielen Manifeste und Einträge in sozialen Netzwerken irgendwie nett und meist banal, ein bisschen ungenau, oft pathetisch findet, weil er aus einer Zeit kommt, die mit Ironie, Marx und Ambivalenz getauft wurde?

Man kann so einen Einstieg zu einem Text über die „Generationen Stiftung“ als kleines Abbild von beinahe drei Stunden mit ihrer Gründerin Claudia Langer lesen. Als schon vorher am Telefon zu erahnenden Rhythmus, in dem Vorwärtsdrängen und Ungeduld arbeiten. Als kleinen Geschmack vom Durchkämpfen und Nicht-abschütteln-Lassen, zentralen Eigenschaften, die Freundinnen von Claudia Langer an ihr rühmen (dass sie nicht kochen könne, platzieren sie am anderen Ende der Skala). Manchmal, erzählen sie, war Langer kurz weg, weil sie Hilfsgüter nach Bosnien brachte, den Lastwagen fuhr sie selbst.

Der Jugendrat wird laut

Ausgangsfrage vor dem Treffen: Was tut die Stiftung eigentlich, was treibt sie an, mit Bus und Megafon im Wahlkampfspätsommer Kandidat*innen hinterherzureisen, Gespräche einzufordern, laufend Forderungen und Mahnungen ins Insta-Facebook-Tiktok-Land zu ballern? Vielleicht, weil Claudia Langer darin Gewicht für eine Antwort sucht, flippern Namen durch die Unterhaltungen mit ihr, Hans Joachim Schellnhuber (Klimaforscher), Harald Lesch (Astrophysiker/Naturphilosoph), Maja Göpel (Politökonomin), Rainer Grießhammer (Chemiker) – also die Crème de la Crème der deutschen Klima-Transformations-Nachhaltigkeits-Szene. Mit denen korrespondiert sie, mit denen stehen die „Generationen Stiftung“-Jungs und -Mädchen im Austausch, aus alldem macht die Stiftung seit ihrer Gründung 2013 eindeutige, eingängige, emotional grundierte Forderungen. Mit professionellem Layout, werbetextkurz zusammenfassbar.

Man kann sich darüber mit Rifka Lambrecht unterhalten, 21, hatte kurz bei Extinction Rebellion in zivilen Ungehorsam geschnuppert, seit zwei Jahren ist sie bei der Stiftung. Ihre Aktivistinnen-Zeit finanzierte sie mit einem Job bei einer Supermarktkette. Arbeitet neben dem Politikwissenschafts-Studium immer noch dort. Mit neun Mitstreiter*innen ist sie im Jugendrat – das Herz der Stiftung. Gerade casten sie neue Bewerber*innen, 15 Aktivist*innen insgesamt wären optimal, Kandidat*innen müssen versprechen, mindestens sieben Wochenstunden für die Stiftung zu arbeiten. Wenn man die überblickt, die im Jugendrat mittun, und Lambrecht fragt, ob die Stiftung nicht auch eine recht einheitliche Blase ist, sagt sie laut „Absolut“ und „Das wollen wir auch ändern“. Sie hat einen ungebrochen jugendlichen Charme, will mit ihren Reden „Menschen auch emotional berühren“. Auch: „den Diskurs in die ältere Generation tragen“.

Na klar, die Stiftung, sagt sie, soll Debatten anstoßen. „Deutliche Worte für aktuelle Krisen finden, Verantwortliche haftbar machen.“ Lambrecht hofft, dass Menschen dann für konkrete Politik in ihrem Ort, zum Beispiel Windräder, den Faden aufnehmen, weiterstreiten. Aber kommt ihr die Formulierung, für alle Jugendlichen zu sprechen, nicht leicht überdimensioniert vor? Kein Zögern – im Gegenteil, sagt sie, wenn es um Finanzkrise und Klimakrise gehe, sei ihre ganze Generation daran interessiert, nicht die Folgen tragen zu müssen. Und die 23 Prozent FDP-Wähler*innen aus ihrer Kohorte? Tja, doof, die seien auf Alle-können-reich-werden-Erzählungen reingefallen, würden die Konsequenzen der desaströsen FDP-Klimapolitik nicht überblicken. „Aber auch die haben Interesse an einer Existenzgrundlage.“ Sie wissen es nur noch nicht? Lambrecht lacht. „Sie wissen nur noch nicht.“ In solchen Momenten kann man ahnen, wie niederschmetternd politische Realität sein kann.

Claudia Langer, 1965 in München geboren, protestantisches Elternhaus, das älteste von sieben Kindern, hat das Eckcafé im Prenzlauer Berg vorgeschlagen, erklärt das Prinzip des Jugendrates, Treffen, Schulungen, Planung von Aktionen, „jüngere Menschen gehen sonst schnell gegen Ältere, Eloquentere unter“.

Das Thema Generationengerechtigkeit, sagt sie, mobilisiere Menschen viel eher als Nachhaltigkeit – der zentrale Begriff ihrer Internetplattform, die sie vorher mit großem Aufwand betrieb. Mit Jugendrät*innen veröffentlichte sie 2019 ein Buch mit dem Titel Ihr habt keinen Plan, darum machen wir einen! (Blessing Verlag), eine Gesamtschau des politischen Selbstverständnisses, die es in die Spiegel-Bestsellerliste schaffte, 100 Forderungen, Vorschläge zu politischer Regulation, Gerechtigkeit, Frieden, einer neuen Arbeitswelt, einer weiterentwickelten Demokratie, etliches mehr. Sympathische Sachen, viel schmeckte nach Jusos und Linken, die Grünen würden es so eher nicht formulieren, weil damit vielleicht jemand verschreckt werden könnte. Wohl keine Partei übernähme die methodischen Vorschläge.

Die waren mit Verve vorgetragen, zum Beispiel soll der „globale Masterplan gegen die Klimakrise“ grob so funktionieren: „Alle Marketingstrateg*innen, Manager*innen, Ingenieur*innen und sonstigen klugen Köpfe müssen ihre Kräfte bündeln. Wir richten eine globale task force ein, in der sich alle Expert*innen versammeln. Politische Handlungsträger*innen, Wissenschaftler*innen, zivilgesellschaftliche Akteur*innen und Unternehmensführungen werden gemeinsam einen Plan machen. Sie werden bestimmen, welche Kosten die Bewältigung der Klimakrise verursachen wird und wie diese gerecht aufgeteilt werden können. Ziel eines solchen internationalen Abkommens ist es, 2040 die globale Treibhausgas-Nettonull zu erreichen.“

Abgesehen von der kuriosen Aufzählung (Marketing an erster Stelle) las sich das deutlich weniger hygge als die netten Manifeste zuvor. Heute, zwei Jahre später, ist die „task force“ noch nicht einberufen, es gibt nun eine Bundesregierung, die Grünen regieren mit. Die Stiftung hatte in einem Brief die Jugendorganisationen aufgefordert, den Koalitionsvertrag zur Scholz-Regierung nicht zu unterstützen.

Claudia Langer atmet scharf aus, erzählt, wie schwerfällig sie Parteien und politische Entscheidungen findet, wie rasend bedrohlich dagegen die Klimakatastrophe sei. Vom Ärger darüber, dass so wenig Menschen ihrer Pflicht nachkämen, sich für die Lebensgrundlage Jüngerer einzusetzen. Deshalb die Stiftung? Längere Pause, dann: „Ich tue mich unheimlich schwer mit der Situation, ich habe große Angst um meine Kinder und Enkel, vor der Welt, in der sie leben werden.“ Nach dem Verkauf ihrer Werbeagentur hatte sie alle Möglichkeiten, Kontakte in die Wissenschaft, Ideen von Vermittlung, Vorstellung, Verdichtung. Alles führt wieder zu dem Satz von Debatten, die sie anstoßen wollen.

Irrt die Pathos-Warnklingel?

Dann sind wir bei der Frage, was denn mit denen sei, die nicht mehr ganz jung sind, noch nicht ganz alt, aber globalen Das-muss-gemacht-werden-Forderungen etwas skeptisch gegenüberstehen, bei denen die Pathos-Warnklingel anspringt, wenn sie „Generationen Stiftung“-Texte lesen. Was ist also mit Menschen wie dem Reporter selbst? Claudia Langer denkt einen Moment nach, dann drückt sich ein Funkeln durch ihr Gesicht, „Danke für diese wunderbare Frage“, kurzer Umweg über Großeltern, die sich bei der Stiftung engagieren, viele seien das, unruhig, mit dem Gefühl, dass sie ihren Kindern das Kämpfen nicht beigebracht hätten. „Sie halten ihre Kinder für Waschlappen, eure Generation ist apolitisch, desinteressiert, selbstreferenziell, satt, fett, ironisch, oberflächlich, euch ist guter Rotwein wichtiger als alles andere. Aus Sicht der Stiftung sind alle zwischen 30 und 50 Jahren eine verlorene Generation.“ Sagt’s und grinst. Dann fängt das Plenum an.

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