Die Corona-Chroniken

Diskurs Fakten allein schaffen keinen Sinn. Was also erzählen wir uns über die aktuelle Krise und wo führt es hin? Fünf Thesen
Die Corona-Chroniken
Wir hatten ja nichts, damals

Fotos: Rebecca Rütten

Im Anfang war das Tierroulette: War es das Pangolin, das sogenannte Tannenzapfentier? Oder doch die Fledermaus? Steckt gar eine exotische Schlange hinter dem Virus, das uns aus dem Paradies des Wirtschaftswachstums und der Haushaltsüberschüsse und unbeschwerten Sommerurlaube vertrieben hat? Die Konkurrenz um den Titel der „Virenquelle“ ist groß und noch nicht endgültig geklärt. Trotzdem gehört die Erzählung von der Natur, die an der menschlichen Hybris Rache nimmt, zu den wirkmächtigsten Narrativen der vergangenen Wochen. Gleich neben der uralten Erzählung von der Pandemie als Strafgericht Gottes, das über die toll gewordene Menschheit gekommen ist. Erzählungen sind so alt wie unsere Spezies, sie schaffen Sinn. Wem sie abhandenkommen, der fühlt sich unsicher. Jeder Krise muss mit stimmigen Erzählungen begegnet werden, sie haben wichtige moralische und politische Implikationen. Nur so ließ sich in den letzten Wochen weltweit die „Lust am reinen Funktionieren“ (Hannah Arendt) bei Regierenden und Regierten wecken. Narrative Texte sind die einzigen sprachlichen Konstrukte, die Zeit und im Zeitverlauf entstehende Veränderungen verständlich machen können.

Fakten allein können keinen Sinn schaffen. Natürlich wissen alle, dass weniger Tote besser sind als mehr Tote, aber wirkliche Bedeutung erlangen die Opferzahlen erst durch ihre erzählerische Einbettung. Der große Unterschied zwischen der Zahl der Todesopfer in Deutschland und Italien wird mit Hinweis auf „italienische Verhältnisse“ zum allseits verständlichen Selbstlob. Die sieben Corona-Toten im 24 Millionen Einwohner zählenden Taiwan verschwinden in solchen Kontexten. Niemand spricht von anstrebenswerten „taiwanesischen Verhältnissen“.

Politisch genauso relevant ist die Aufgabe, die Veränderungen, die die Menschen in ihrem Alltag erleben, sinnhaft zu machen. Gestern haben wir noch auf Mallorca Urlaub gemacht, kurz darauf durften wir nicht mehr auf den Spielplatz ums Eck. Die Frage, wie es dazu kommen konnte, kann nur durch Erzählungen beantwortet werden. Erzählungen, die zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Bezüge herstellen und oft, vor allem in den Medien, einfachen Parametern folgen. Sie haben einen klaren Anfang, ein klares Ende, deutliche Wendepunkte und ein überschaubares Inventar an Helden und Schurken.

Die USA erleben in dieser Hinsicht gerade einen merkwürdigen Wettbewerb. Präsident Trump hatte sich bei seinen täglichen Pressekonferenzen, die er als Ersatz für seine ausgefallenen politischen Wahlkampfveranstaltungen nutzte, am für ihn ungewohnten Genre des narrativen Krisenmanagements versucht. Aber es sind ihm nur wenige passende Geschichten eingefallen. Immer wieder berief er sich auf das klassische Narrativ des American Exceptionalism. Gut möglich, dass er bei der nächsten Wahl scheitert, weil er es nicht vermocht hat, die Corona-Krise zu erklären und an eine positive Zukunftsvision anzuknüpfen.

Interessanterweise hat Trumps Gegner Joe Biden mit einer für Berufspolitiker seltenen Strategie reagiert: der des intensiven Schweigens. Bidens Berater scheinen davon überzeugt zu sein, dass Trump sich gerade selbst demontiert und man diesen Prozess auf keinen Fall mit eigenen Krisengeschichten und möglichen medialen Fehltritten unterbrechen sollte. Das kann sich rächen. Funkstille ist keine gute Geschichte. Auch Wahlen werden mit Erzählungen gewonnen: „It’s the storytelling, stupid.“

Die hierzulande populären antiamerikanischen Erzählungen sind selbst ein Ausdruck problematischer Reflexe. Auch wir verlassen uns in Krisenzeiten auf eingeschliffene, politisch und moralisch fragwürdige Muster. Und wie die Amerikaner schlagen auch wir nationalistische Grenzpfosten ein. Wir ergötzen uns an Geschichten über archaische kulinarische Gelüste, denen man auf dem Tiermarkt der Acht-Millionen-Einwohner Metropole Wuhan frönt, wo man im Schatten chinesischer Hypermodernität eine Fledermaus-Suppe zu essen bekommt. Gleichzeitig grenzen sich die zivilisierten Europäer mit diesen Narrativen ab, denn keines der Lebewesen aus dem Virenquellen-Tierroulette gehört zu unserem eigenen Speiseplan.

Wir starren auf die Tragödien, die angeblich von „italienischen Verhältnissen“ verursacht wurden und dank deutscher Tüchtigkeit bei uns vermieden werden konnten. Wir blicken nach Norden und stellen mit Befriedigung fest, dass der Alleingang des kosmopolitischen Klassenprimus Schweden in einer gesundheitspolitischen Sackgasse enden könnte. Und wir blicken empört in den Südosten unseres Landes und zwingen den „leichtsinnigen“ linken Ministerpräsidenten eines Freistaates zur Umkehr.

Schon die Fixierung auf nationale Statistiken, eine Art Corona-Medaillenspiegel als Ersatz für die entgangene Olympiade, scheint Beleg zu sein für den bedenklichen Triumphzug nationaler Erzählstrategien. Doch was lernen wir aus alldem über Narrative in Corona-Zeiten, wo doch alles so neu und einmalig ist? Fünf Thesen:

Erstens sind die vermeintlich neuen Narrative weitgehend die alten. Narrative sind konservativ, selten innovativ oder originell. Sie versuchen an Bestehendes anzuknüpfen, Neues im vertrauten Gewand zu präsentieren. Das gibt in einer unsicheren Phase Sicherheit, auch in dieser Krise. So sind die Grenzschließungen als narrativer Anschluss an die Flüchtlingskrise 2015 zu verstehen. Wieder droht die Gefahr von außen, vom Fremden, vom Unbekannten. Fälle von weltweitem Corona-Rassismus, der sich gegen alles „Asiatische“ richtet, stehen in historischer Kontinuität zur „Gelben Gefahr“ aus der Kolonialzeit. Dabei waren es nachweislich rückkehrende europäische Staatsbürger, die das Coronavirus in ihre Heimatländer getragen haben. Als Resultat haben wir in einer kurzen Zeitspanne von fünf Jahren unsere europäischen Meister-Erzählungen über Toleranz, Weltoffenheit und transnationale Solidarität zweimal mutwillig unterminiert.

Zweitens ist das Krisennarrativ in der Corona-Pandemie ein Zwischennarrativ mit unbestimmtem Zeithorizont. Egal wie lange die Krise schon andauerte, stets wurde betont, wir befänden uns erst am Anfang der Pandemie, der Höhepunkt stünde noch aus, und wurde mal er auf Ostern, dann auf die zweite Welle im Sommer oder im Herbst terminiert. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Terminus der „dritten Welle“ Einzug hält, noch bevor die „erste Welle“ überhaupt mit einem zeitlichen Anfangs- und Endpunkt definiert worden ist. Deswegen hat das Krisennarrativ einen so prekären Status und gerät durch konkurrierende Erzählungen (Verschwörungsmythen etc.) unter Druck. Die Corona-Krise ist keine abgeschlossene Geschichte, anders als der Zweite Weltkrieg, diese Urkatastrophe der Deutschen, mit der Angela Merkel in ihrer ersten Fernsehansprache die Corona-Krise zu verschränken versucht hat.

Drittens stehen wir vor dem Dilemma, dass das kontrafaktische, gleichsam auch vorausdeutende Narrativ als Faktum anerkannt werden muss, um sich Geltung zu verschaffen. Es nimmt eine Katastrophe vorweg, die noch nicht eingetreten ist. Was zum Beispiel auch erklären würde, warum die Bilder des Militärkonvois aus Bergamo in Dauerschleife gezeigt wurden. Oder auch den Überschuss vermeintlich objektiver Statistiken. Zunächst ging es um einen prospektiven Verdopplungszeitraum von zehn bis 14 Tagen, der nun gar nicht mehr berechnet wird, weil er bei über einem Jahr liegt, dann um den R-Faktor, den wir heute bis auf zwei Nachkommastellen präsentiert bekommen. Doch keine der Kennziffern schafft narrative Sicherheit. Passt eine Zahl nicht mehr ins Krisennarrativ, wird sie ersetzt. So müssen die Meister der Zahlen, die Virologen des Robert Koch-Instituts, auf medialen Druck hin ihre gesellschaftliche Rolle ausweiten und versuchen sich mehr oder weniger erfolgreich als Geschichtenerzähler. Andererseits: Das Corona-Krisennarrativ ist strukturell mit dem Klimakrisennarrativ identisch. Es wird uns noch wichtige Dienste erweisen und es wäre von Vorteil, wenn wir uns an seine merkwürdige Logik gewöhnten.

Viertens sind sich „wahre“ und „falsche“ Narrative viel ähnlicher, als man annimmt. Beide sind ziemlich simpel und müssen es auch sein. So simpel wie die Erzählung von Bill Gates als Weltenherrscher ist auch die von der Bundesregierung in halbseitigen Anzeigen in Tageszeitungen beworbene AHA-Formel: Abstand halten, Hände waschen, Alltagsmaske. Ambivalenzen und Zweifel haben grundsätzlich wenig Raum.

Deshalb gilt fünftens in Deutschland auch im Jahr 2020: Es lebe das Weltmeisternarrativ! Nach dem Fußball, dem Export, dem Mittelstand, der Erinnerungspolitik etc. wollen Politik und Medien gerne auch in der Corona-Bekämpfung die Champions sein. In Dutzenden deutschen Landkreisen sind seit Tagen null Neuinfektionen zu verzeichnen – weniger als null geht nicht, doch der „Kampf“ wird fortgesetzt, um „unsere Erfolge“ nicht zu verspielen. Markus Söder, der zwischenzeitlich Zustimmungsraten von nahezu 100 Prozent erreicht hat, betont stets, wie sehr Deutschland und Bayern weltweit für ihre Maßnahmen und Erfolge bewundert werden. Und damit schließt sich der Kreis: Narrative sind konservativ und selten originell.

Dennoch führt die Krisensituation vorübergehend zu einer Unübersichtlichkeit der medialen Geschichtenproduktion und wird dadurch für viele Menschen erst als Krise erfahrbar. Obwohl in der Krise auf altbewährte Erzählmodelle zurückgegriffen wird, finden sich die Menschen plötzlich mit ungewohnten Rollen konfrontiert. Im deutschen Medienalltag sind normalerweise die Opfer von Katastrophen fast immer die anderen. Jetzt treffen die Zuschauer und Leser auf aufdringliche Erzählwelten, in denen sie selbst für die Rolle der potenziellen Todesopfer gecastet werden. Außerdem wird ihnen zugemutet, das verwirrende neue Vokabular von wissenschaftlichen Experten auszuhalten, deren Einlassungen oft ein wenig unklar oder gar widersprüchlich klingen, was die ohnehin nicht sehr ausgeprägte Toleranz für komplizierte Erklärungen weiter herabsetzt.

Gradmesser für die Rückkehr zur Normalität ist die Wiederkehr der gewohnten Geschichten. Nicht ein niedriger R-Faktor entspannt die Menschen, sondern das Auftauchen der vertrauten narrativen Rituale, die signalisieren, dass die Krise vorbei ist. Wenn in der Tagesschau Corona nur noch ein Thema unter vielen ist und keine Sondersendung folgt, dann ist ein medialer Schlusspunkt erreicht: Am 15. Mai 2020 begann die Tagesschau zum ersten Mal seit Monaten nicht mit dem Virus, vier Tage später wurde das regelmäßige ARD-Extra eingestellt.

Wulf Kansteiner ist Professor für Memory Studies und Geschichtstheorie an der Universität Aarhus in Dänemark, René Schlott ist Zeithistoriker und Publizist in Berlin

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06:00 06.06.2020

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