Die Dienste der Nazi-Spione

Dokumentarkrimi Ulrich Effenhausers „Alias Toller“ basiert auf einem authentischen Fall

Einst hat der Agentenroman die Welt einfach erklärt. Sie war, aus Sicht seiner britischen Erfinder, klar und gegensätzlich: Empire und „Reich“, Schwarz und Weiß, die Guten besiegen die Bösen. Später natürlich West gegen Ost, global wie lokal: die Glienicker Brücke wird zum Emblem des Kalten Krieges. Erste Zweifel an der eigenen moralischen Überlegenheit säten Gentlemen wie Graham Greene, und bei John le Carré, dem Meister aller Klassen, hieß es schon 1976: „Alles grau in grau. Keiner weiß, wo die Front verläuft.“ Mit der Mauer fiel auch der Grundriss des Genres; selbst J.l.C hatte Probleme, sich auf die neue Unübersichtlichkeit, auf Überwachungsstaat und Whistleblower einzustellen. Zur Zeit arbeitet er angeblich an seinem „letzten Roman“. Aber das nur nebenbei.

Was also bleibt? Es bleiben die Rätsel der Vergangenheit, „cold cases“, wie sie ja auch im Krimi seit Längerem Konjunktur haben. Der leitende Kriminaldirektor Alwin Heller sitzt 2008 im Bundeskriminalamt, wo er solche Fälle zu klären hat, nicht ohne Erfolg, aber doch leicht frustriert und ruhestandsbedürftig: „207 alte Akten. Ungelöste Fälle. Tragische Opfer. (...) Aus den Ordnern schreit das Unrecht.“ Ein wenig mag er uns an den großen Fritz Bauer erinnern, der durch Biografien und Filme jetzt endlich wieder bekannt wird.

Heller wird nun aber nach Prag beordert, wo die Staatsanwälte zwei Funktionäre des alten Regimes angeklagt haben, die bei ungeklärten Mordfällen in der Bundesrepublik Ende der siebziger Jahre die Finger im Spiel hatten. Die Reise führt zugleich in Hellers Vergangenheit.

Als frischgebackener Kommissar hat er einst in Regensburg ebendiese Fälle bearbeitet, auch damals schon in Prag ermittelt, sie aber nicht lösen können – oder vielmehr nicht lösen dürfen? Dr. Gutleb, wegen seiner militärischen Strenge gefürchteter Musiklehrer am Gymnasium, wird mit seinem Auto in die Luft gesprengt; Hellers Vorgesetzter, der geniale Eigenbrötler Kolik, reist plötzlich nach Prag. Der VHS-Direktor in der Kleinstadt Kötzting, Toller mit Namen, verschwindet. Heller selbst entgeht nur knapp einer Autobombe; als er weiterermitteln will, wird er „von oben“ zurückgepfiffen.

Die Vergangenheit ist nicht tot, wie wir wissen, auch Lichtbilder machen sie wieder lebendig. In ihren SS-Uniformen posieren die drei genannten Herren für Filmaufnahmen nicht nur beim Gartenfest, sondern auch beim Massenmord an Partisanen und ihren Familien. Wie sie trotz späterer Auslieferung an und Verurteilung durch die damalige ČSSR zu ehrenwerten Positionen im schönen Bayern kamen, bleibt allerdings aufzuklären.

Sagen wir mal so: Nicht nur die Amerikaner oder der BND suchten und entlohnten, wie wohlbekannt, die Dienste erfahrener Nazi-Experten, und fast scheint es, als hätten Ost und West manchmal an einem Strang gezogen. Alles grau in grau, keiner weiß, wo die Front verläuft.

Der Autor Ulrich Effenhauser hat die Namen der Beteiligten verändert, die wesentlichen Ereignisse aber einem authentischen Fall entlehnt, den er im Anhang dokumentiert. Seine Story oszilliert zwischen Fakten und Fiktion wie auch zwischen verschiedenen Zeitebenen. Nicht immer ist das, trotz der ungekünstelten Erzählweise, ganz einfach nachzuvollziehen.

Ob Hellers Liebesgeschichte mit der Tochter eines der Übeltäter, die dokumentarisch natürlich nicht belegt ist, unbedingt nötig war? Immerhin trägt sie dazu bei, die Atmosphäre der siebziger Jahre, besonders die Mischung von Ausbruchswunsch und Verklemmtheit bei den jungen Leuten, ganz gut herüberzubringen. Das kann der Rezensent in seiner Eigenschaft als Zeitzeuge bestätigen.

Info

Alias Toller Ulrich Effenhauser Transit Verlag 2015, 174 S., 19,50 €

Professor em. Dr. Jochen Vogt verehrt John le Carré fast ebenso wie dieser Thomas Mann

* Bilder der Beilage

Wenn es Nacht wird. Verbrechen in New York zeigt Fotografien von realen Verbrechen im New York der Nullerjahre des vergangenen Jahrtausends. Um 1900 revolutionierte die noch junge Fotografie die Aufklärung von Kriminalfällen. Die Tatortfotografie hatte zu dokumentieren, was vorgefallen war. Die Angehörigen der Opfer, Täter und die beteiligten Ermittler sind verstorben, die Akten vernichtet. Zu einigen der etwa 200 Schwarz-Weiß-Fotografien und original Zeitungsartikel finden sich noch Notizen.

Herausgeber sind der Kölner Filmproduzent und Kameramann Wilfried Kaute und Joe Bausch, der Rechtsmediziner aus dem Kölner Tatort. Die Autoren recherchierten die Kriminalfälle in den Archiven, schrieben die Geschichten dazu und ergänzten so die eigentümliche Dramatik der Bilder. Der Band ist bei Emons erschienen und kostet 39,95 Euro.

06:00 15.11.2015

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