Die Gruppe Ludwig

Krimi Zwischen 1977 und 1984 kam es in Oberitalien zu einer Serie von Anschlägen. Davon erzählt „Die Krieger“
Die Gruppe Ludwig
Dieses Bild entstammt der Serie „Fluss“ von Dorothee Waldenmaier, mehr Informationen im Kasten unten

Der auf unvertrautem Terrain tätige Ermittler ist ein beliebter Topos der Kriminalliteratur. Je näher die Lösung des Falles rückt, desto mehr gewinnt die Detektivfigur an Souveränität. Der Reiz solcher Lektüre liegt in ihrem beträchtlichen Identifikationspotenzial.

Gleich zweimal schickt der Berliner Autor Martin Maurer den Helden seines Romans Die Krieger in die Fremde. Den ersten Ortswechsel hat Kriminalkommissar Nick Marzek seinem Freund und Kollegen Aki zu verdanken, der ihm einen Job bei der Münchener Kripo verschafft hat. In seiner Heimatstadt Berlin wäre Marzek nach dem plötzlichen Tod seiner Frau vor die Hunde gegangen. Die Versetzung ins Bahnhofsviertel der bayrischen Hauptstadt war seine Rettung, auch wenn er sich nur schwer an die neue Umgebung gewöhnen mag. Doch lange Zeit, darüber nachzusinnen, hat er nicht.

Denn was zunächst wie ein mit rabiaten Methoden geführter Revierstreit unter Zuhältern aussieht, entwickelt rasch ganz andere Dimensionen. Nach dem verheerenden Brandanschlag auf eine Diskothek geht bei der Presseagentur ANSA in Mailand das Bekennerschreiben einer „Gruppe Ludwig“ ein. Und die ist in Italien alles andere als unbekannt. Die Spur führt also gen Süden, und schon ist Marzek unterwegs, begleitet von der temperamentvollen Graziella, die dolmetschend ihren kärglichen Verdienst als Putzfrau im Polizeirevier aufstockt. Sehr realistisch ist diese Figurenkonstellation nicht, aber im Kosmos der Kriminalliteratur ist das ungleiche Ermittlerpaar eine feste Größe. Und mit Nick und Graziella hat sich der Autor eine besonders spannungsgeladene, wenn auch nicht klischeefreie Kombination ausgedacht. Während man also darauf wartet, wann es zwischen den beiden funkt, wird in Gesprächen mit italienischen Kollegen die Geschichte einer rechtsradikalen Terrorbande in all ihrer Widersprüchlichkeit rekonstruiert. Und das Reich der Fiktion verlassen. Denn die „Gruppe Ludwig“ war kein Phantom.

Zwischen 1977 und 1984 kam es in Oberitalien zu einer Serie von Attentaten und Morden, die sich vor allem gegen die Rotlicht- und Drogenszene zu richten schienen. Diesseits der Alpen blieb es bei dem erwähnten Brandanschlag auf die Münchener Diskothek Liverpool. Regelmäßig tauchten Bekennerschreiben auf, deren Gestaltung einen faschistischen, aber auch religiös fundamentalistischen Hintergrund vermuten ließ. Detaillierte Angaben zu den Tatwerkzeugen sollten ihre Authentizität bestätigen. Gefasst wurden die mutmaßlichen Terroristen, nachdem sie vergeblich versucht hatten, bei einer Karnevalsveranstaltung in Castiglione delle Stiviere am Gardasee Feuer zu legen. „Offiziell“ hatte die Gruppe Ludwig nur zwei Mitglieder, den in Verona aufgewachsenen Deutschen Wolfgang Abel und den Italiener Marco Furlan. Die Strafprozesse gestalteten sich aufgrund mangelnder konkreter Beweise sehr schwierig, zumal sich Furlan während einer Berufungsverhandlung nach Kreta absetzte. Verurteilt wurden die beiden dennoch, sind aber inzwischen wieder auf freiem Fuß. Der Verdacht, es habe Mittäter, vielleicht sogar ein ganzes neonazistisches Netzwerk, gegeben, wurde allerdings nie ganz ausgeräumt. Unwahrscheinlich, dafür spricht eine Reihe von Indizien, ist das nicht. Und genau hier setzt Martin Maurers fiktionale Version der Geschichte an, die in dem vorliegenden Roman ihren Auftakt findet.

Wir befinden uns in den frühen 1980er-Jahren. Man raucht HB und hört Musik von selbstbespielten Kassetten. Die italienische Modemarke Fiorucci ist der letzte Schrei. Und das Wort Migrationshintergrund, mit dem Graziellas Situation allerdings nur unzureichend beschrieben wäre, ist noch nicht erfunden. Dass Maurer sich auf die Herstellung des passenden Zeit- und Lokalkolorits versteht, zeigt sich vor allem im ersten Teil des Romans. Der spielt noch in München und weckt die Erwartung, man bekomme es mit einem waschechten Polizeithriller zu tun. „Sexkinos, Stripbars und türkische Im- und Exportläden“ säumen den Weg des Ermittlers zu seiner provisorisch eingerichteten Behausung, wo eine „nackte Glühbirne“ für grelles Licht sorgt. Das gibt einen schönen Kontrast zur Villa des Rotlicht-Bosses Josef Preuss, wo die Polizisten bei Weißwurst und Bier aus erster Hand erfahren, dass ein konkurrierender Zuhälter namens „Zigeuner-Heinz“ seit neuestem „Jugos“ für sich arbeiten lasse.

Was Kollege Aki meint

Und die, das weiß der „Sepp“ aus Erfahrung, „sind Bestien“. Man ist per Du mit dem Milieu und das habe auch seinen Sinn, meint Kollege Aki, denn man müsse einander vertrauen können, damit größere Probleme, zum Beispiel mit Drogen, gar nicht erst auftreten. Nick ist diese Art friedlicher Koexistenz offenbar neu, doch bevor er in Loyalitätskonflikte geraten kann, spielt die bajuwarisch-gemütliche Variante der Polizeikorruption nur noch eine Nebenrolle. Und mit dem Themenwechsel ändert sich auch der Erzählton.

Geht es bis dahin sprachlich flott und direkt zur Sache, so dass ein Satz wie „In den folgenden Tagen überschlugen sich die Ereignisse“, mit dem das 7. Kapitel eingeleitet wird, fast unziemlich bieder wirkt, regiert ab Seite 100 der lange Atem. Immerhin will alles, was über die Gruppe Ludwig bekannt ist, in Dialogform vermittelt werden. Maurer bewältigt diese narrative Herausforderung rechtschaffen souverän, nicht zuletzt, indem er die Aufmerksamkeit immer wieder auf die Beziehung zwischen Nick und Graziella lenkt. Dass er dem deutschen Ermittler einen Anteil an der Verhaftung Abels und Furlans, mit der der Roman endet, zuschreibt, lässt für die offensichtlich geplante Fortsetzung hoffen. Ganz im Sinne von Graziellas Schlussworten: „Es hat gerade erst angefangen.“

Alles fließt

Dorothee Waldenmaier studierte als Meisterschülerin Bildende Kunst an der HGB Leipzig. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Für ihr Fotobuch Fluss erhielt sie den Förderpreis für junge Buchgestaltung der Stiftung Buchkunst und den Deutschen Fotobuchpreis. Waldenmaiers Arbeiten wurden unter anderem im Dortmunder U, Goethe-Institut Paris und im Printing Museum in Tokio ausgestellt.Alles fließt: Fluss ist eine bildnerische Abhandlung eines Flusses am Beispiel der Spree. Ein Manifest der Form. Die Bilder laden zur Reflexion über Wahrnehmung und den Mikro- und Makrokosmos der Naturformen ein. Sie zeigen die Schönheit des Formlosen und Beiläufigen.

Info

Die Krieger Martin Maurer DuMont Verlag 2020, 363 S., 16 €

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06:00 13.11.2020

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