Die Hymne heißt "Europa" und hat keinen Text

Im Gespräch Der kosovarische Oppositionspolitiker Albin Kurti über eine Unabhängigkeit ohne Souveränität und goldene Sterne auf blauem Grund

Der 33-jährige Kosovo-Albaner Albin Kurti führt die radikale Bürger­bewegung Vetevendosje (Selbst­bestimmung) im albanischen Teil des Kosovo. Die Gruppe äußert mit phantasievollen Aktionen ihren Unmut über die Kolonialverwaltung der UNMIK und die sich gerade etablierenden EU-Missionen. Vetevendosje tritt gegen Verhandlungen mit den Serben, aber auch gegen die internationale Administration auf.

FREITAG: Seit der so genannten Unabhängigkeit haben sich im Kosovo ausländische Verwaltungsstrukturen vervielfacht. Worauf führen Sie das zurück?
ALBIN KURTI: Darauf, dass wir unsere Unabhängigkeit nicht durch Selbstbestimmung erhalten haben. Wir leben nun eine Unabhängigkeit ohne Souveränität. Unsere Unabhängigkeit steht vorrangig auf dem Papier. In der Wirklichkeit ist sie nicht existent - dort teilen sich KFOR, Vereinte Nationen, die EU, zu einen gewissen Teil unsere Regierung und die serbischen Parallelstrukturen - sie gelten für ein Viertel des Kosovo - die Souveränität.

Nun beinhaltet die Kosovo-Verfassung den Ahtisaari-Plan als fixen Bestandteil. Und der spricht von "überwachter Unabhängigkeit".
Der Artikel 143 dieser Verfassung streicht sogar heraus, dass im Fall eines Widerspruchs zwischen Verfassung und Ahtisaari-Plan letzterer vorherrscht. Das heißt, dieser Plan steht über allen nationalen Bestimmungen. Höchste Autorität im Kosovo ist nicht Premier Thaçi, sondern Pieter Feith vom International Civil Office der EU.

Worin besteht der Unterschied zur alten Herrschaft der UN-Übergangsverwaltung UNMIK?
Während die internationale Gemeinschaft in UNMIK-Zeiten über den Kosovaren stand, kommt sie nun in die Gesellschaft herein - sie infiltriert uns. Wir sind mit einer Kolonisierung der Institutionen durch internationale Verwalter konfrontiert. EULEX zum Beispiel wird einen eigenen Polizeisektor haben, der in sämtlichen Kommandozentralen unserer Polizei tätig ist.

Die internationalen Verwalter scheinen zu planen, solange zu bleiben, bis die Kosovo-Eliten das Land im Sinne der EU-Vorgaben selbst managen können.
Nur existieren dafür keinerlei Fristen. Niemand weiß, wie lange UNMIK und EULEX bleiben. EULEX hat nur einen Minimalrahmen genannt, keine maximale Zeitspanne - mindestens 28 Monate. Das heißt, sie sagen dir, worauf du nicht hoffen kannst, aber sie sagen dir nicht, worauf du hoffen kannst. Damit sind sie die Herren der Zeit und die Herren über die Zeit. All dies hat zudem einen rassistischen Beigeschmack.

Wie das?
Pieter Feith, der ICO-Chef, ist nirgendwo auf der Welt gewählt worden, weder in den Niederlanden, woher er kommt, und schon gar nicht in Kosovo, wo er nun tätig ist. Er stammt aus der Klasse einer aristokratischen Diplomatie. Und er ist es, der uns erzählt, wann wir wofür reif sein sollen. Ein völlig falsches Konzept, das nichts mit Demokratie zu tun hat.

Können die Auftritte von Premier Hashim Thaçi vor sozialdemokratischen Gremien in EU-Europa wie vor der deutschen Friedrich Ebert-Stiftung nicht als Annäherung an Brüssel gedeutet werden?
Das scheitert schon daran, dass im Land diesbezüglich kein politischer Diskurs stattfindet. Es geht nur um die Frage, welcher ausländische Partner stärker ist. Dem Stärkeren ist die politische Elite zugetan, so einfach ist das. Und die stärkste Kraft im Lande ist vorläufig Tina Kaidanow, die amerikanische Botschafterin. Sie ist der eigentliche Ministerpräsident, sie ist der wirkliche Präsident des Kosovo. Sie hat unsere Fahne entworfen, sie entscheidet mit ihren Experten, wann welche Gesetze erlassen werden. Es wirkt lächerlich, wenn Thaçi meint, wir hätten dies und das in Koordination mit Washington oder Brüssel gemacht. Es ist nicht Koordination, sondern Subordination.

Wie kam es zu der recht seltsamen Fahne als neues Staatssymbol, auf dem vor blauem Hintergrund sechs goldene Sterne die Umrisse des Landes umkränzen?
Das ist eine Art psychologische Kompensation für die nicht vorhandene Wirklichkeit. In Wirklichkeit ist Kosovo geteilt, auf der Fahne sieht es geeint aus. Völlig bizarr war, dass die Parlamentsabgeordneten die Fahne in dem Moment zum ersten Mal sahen, als sie darüber abstimmten. Jedes andere Vorgehen hätte dazu geführt, dass über die Fahne diskutiert und sie unweigerlich abgelehnt worden wäre. Mit der Hymne war es dasselbe. Sie heißt "Europa" und hat keinen Text.

Das Gespräch führte Hannes Hofbauer

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