Die Kunst den Betrachtern

Debatte In der „Zeit“ fordern zwei Insider, den Kunstmarkt gründlich zu reformieren. Es hagelt Kritik von allen Seiten. Hier kommt ihre Antwort

In der Kunst hat das Publikum nichts zu sagen. Zahlen belegen, dass ein kleines Netzwerk von Galeristen und Sammlern bestimmt, was ausgestellt wird. Vor ein paar Wochen riefen wir in einem Artikel zu mehr Demokratie in der Kunst auf. Betrachter*innen sollen mitentscheiden können, was die Kunstinstitutionen ausstellen.

Vor „Populismus“ warnen Holger Liebs im Freitag und Kolja Reichert in der FAZ. Schließlich wird ein Fußballteam auch nicht gewählt, so Reichert. Der Vergleich hinkt. In der Kunst zählen keine Tore. Sie will gesehen und empfunden werden, und zwar nicht nur von Kennern oder Sammlern, die entscheiden, welche Künstler in der Champions League spielen dürfen. Holger Liebs vergleicht die Einführung des Volksentscheids in den Museen mit dem Kunstraub in der Gemäldegalerie. Ohne Experten wäre die Masse schlicht zu blöd, überhaupt zu merken, was ihr fehlt. Außerdem würden die Vielen ständig ihre Geschmäcker ändern. Seltsam nur, dass die Leute ausgerechnet für Kunst zu doof sind, in anderen kulturellen Feldern aber durchaus souverän entscheiden können, was sie gerne sehen, lesen oder hören wollen.

Boris Pofalla geht in der Welt noch etwas weiter. Ohne den „strengen Geschmack des Obskurantismus“ in der Kunst würde er unsere Demokratie gar nicht aushalten. „Die Kunst muss antidemokratisch bleiben, damit die Demokratie weitermachen kann.“ Ist er konsequent, wird er wahre Kunst ganz pur genießen wollen, ohne den schalen Beigeschmack der mit Steuergeld besudelten Akademien und Museen. Ein kluger und produktiver Einwand kam von Anika Meier auf Monopol.de. Sie kennt die Szene auf Instagram und warnt davor, große Hoffnungen auf soziale Medien zu setzen.

Insgesamt folgt die Kritik einem einfachen Muster. Je tiefer jemand im Kunstsystem steckt, desto klarer und oft auch schriller die Ablehnung. Zuspruch dagegen kommt von denen, die wenig zu verlieren haben, und von außerhalb. Dort fragt man sich eh, wie lange es die Kunst noch durchhält, den Kopf in den Sand zu bohren.

Das Problem sind nicht Sammler. Auch nicht Kuratoren. Das System im Ganzen hat die Balance verloren, seitdem der Markt allein regiert. Ohne Widerstand dreht er hohl. Museen sind abhängig von Sammlern und Galerien. Die meisten Kuratoren bedienen den Markt, Kunstkritik ist irrelevant. Trotzdem sind die Museen voll. Mit Blockbuster-Ausstellungen alter Klassiker. Dass einer eine Banane isst, die ein Spinner an die Wand geklebt hat und für die ein anderer Spinner 120.000 Euro bezahlen will, war 2019 für viele vermutlich die einzige Nachricht aus der aktuellen Kunst. Und dafür brauchen wir Akademien und Museen? Wer kein Problem kommen sieht, dem ist nicht zu helfen. Neu ist derartiger Obskurantismus nicht, aber die Generation, die das fraglos als kulturelles Erbe abbucht, stirbt langsam weg. Was ist die Lösung? Warum sollten demokratische Verfahren aus der Sackgasse helfen? Weil sie ein Gegengewicht bilden, Balance wiederherstellen, indem sie dem Publikum eine Stimme geben.

Im Barock waren wir weiter

Nur wenn die Betrachter*innen mitentscheiden können, was ausgestellt wird, werden sie sich für Gegenwartskunst interessieren. Und nur dann werden Künstler darauf kommen, dass es sich lohnen könnte, mit ihren Werken ein breiteres Publikum zu erreichen anstatt nur ein paar Kuratoren oder Sammler.

Vermittlung ist keine Lösung, sondern Teil des Problems. Wozu versuchen, den Betrachter*innen eine Kunst nahezubringen, die auf sie pfeift. Partizipation bringt genauso wenig. Auf Dauer macht es keine Freude, an einem Spiel teilzunehmen, bei dem man nichts zu sagen hat.

Was wir brauchen, ist Empowerment. Betrachter*innen müssen respektiert werden, ihre Meinung muss Macht haben. Nichts ist leichter, als an der Demokratie zu scheitern. Dafür gibt es zahllose Beispiele. Sie laufen alle ähnlich ab. Erst haut man einen offenen Call raus, von dem sich die guten Künstler gleich fernhalten, weil sie in der Flut an Mittelmaß nur untergehen können. Dann lässt man möglichst viele Leute über den kunterbunten Haufen eingereichter Werke abstimmen. Heraus kommt eine Knallfrosch-Kardashian-Katastrophe, die nicht nur Kenner, sondern auch wohlmeinende Betrachter davon überzeugt, dass Demokratie in der Kunst nichts taugt.

Demokratie ist nicht einfach. Es gibt sehr viele verschiedene Verfahren. Alles hängt davon ab, die richtigen zu finden. Sie lässt sich nicht auf Knopfdruck einführen, sondern nur schrittweise. Wir müssen alte Methoden ausgraben, die von der zwar fortschrittlichen, aber leider auch elitären, marktabhängigen und publikumsverachtenden Moderne verschüttet wurden: die Kunstvereine des 18. Jahrhunderts, den holländischen Kunstmarkt des Barock, die Künstlerjurys und -kollektive.

Wer Demokratie will, muss die noch immer männlich dominierten Machtverhältnisse in der Kunst aufbrechen. Eine Vielzahl verschiedenster Stimmen soll mitreden, gleich welcher Herkunft, gleich welcher LGBTQ+Orientierung, gleich welcher Hautfarbe und welchen Vermögens.Wir können von Graswurzel-Kampagnen lernen und von den vielen neuen Verfahren digitaler Kooperation. Natürlich gehören auch soziale Medien dazu, von Instagram zu Snapchat zu Tiktok. Sonnenklar, dass die bildende Kunst nicht an den Bildmedien unserer Zeit vorbeigehen kann.

Von der Demokratisierung der Kunst können alle profitieren. Der Markt kann von der Begeisterung der Betrachter*innen profitieren. Experten werden wieder gehört, weil ein Publikum sich für ihre Meinung interessiert. Künstler müssen nicht mehr den Geschmack einiger weniger Kuratoren oder Sammler bedienen, sondern finden wieder öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung. Das will die Forderung nach mehr Demokratie in der Kunst.

Stefan Heidenreich unterrichtet Medientheorie an der Universität Basel und lebt in Berlin

Magnus Resch ist Gründer der MagnusClass.com und Professor für Kulturmanagment. Er lebt in New York

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