Die Liebe zum Fleisch

Kino In „Gute Manieren“ überqueren zwei Frauen in São Paulo soziale und andere Grenzen

Hinter dem Fenster der Maisonette-Wohnung in São Paulo hängt der Mond so wie einst hinter den Fenstern der Stadtwohnungen in der Ära des Hollywood-Technicolor. Sehr leuchtend und in einen sehr blauen Himmel gesetzt, dessen Farben sich im Verlauf des Films immer wieder verändern, ohne dabei an Intensität zu verlieren. Auch die Skyline, die sich unter dem Mond abzeichnet, erinnert an eine Epoche des Films, als die Stadt vor dem Fenster vor allem Dekor gewesen ist, und das Interieur auf der anderen Seite dem Theater stets näher als der Realität.

Der Mond wird bleiben, die Farben auch. Genauer: Der Mond wird wiederkehren, Mal für Mal, als Vollmond, dessen Auftreten (wann, wie lange, wie bald?) nach den ersten Vorfällen anhand eines Kalenders verfolgt wird. Es gibt ein Vollmondproblem, so viel steht fest nach einigen Wochen in der Maisonette-Wohnung, in die Clara (Isabél Zuaa) nach einem kurzen Vorstellungsgespräch einzieht, um dort als Putzfrau, Köchin, Pflegerin und Gesellschafterin tätig zu werden, auch wenn sie sich eigentlich auf eine Stelle als Kindermädchen beworben hat.

Das Kind kommt noch, der Mond indessen ist schon da. Kein Freund des Hauses, eher eine Größe, mit der zu rechnen ist, was Clara fortan mit viel Umsicht und ebenso viel Diskretion tut. Auch dafür hat sie sich nicht beworben, jedoch kann man sich erstens den Job nicht immer aussuchen (Clara nicht, die in der Zwei-Klassen-Gesellschaft Brasiliens in jeder Hinsicht auf der falschen Seite steht), und zweitens ist der Job sehr bald kein Job mehr, sondern ein Werk der Liebe, die alles weiß und sehr wenig spricht: Schweigen können gehört zu den Eigenschaften, die Claras Glück sichern werden, sieben Jahre lang, wie in einem Märchen, in dem die Zeit von Anfang an gestundet ist.

In dem Märchen, das in der Maisonette-Wohnung beginnt, heißt die Prinzessin Ana (Marjorie Estiano). Ein trauriges Party Girl mit schönen Schuhen, einer aufgelösten Verlobung und einem etwas beunruhigenden Verhältnis zu Fleisch, das sie im Kühlschrank, in der Tiefgarage und im Bett sucht, auch wenn der Arzt ihr den Konsum längst verboten hat. Zu Anas Wohnung, die aussieht, als sei sie erst vor ein paar Tagen bezogen worden, steht diese Suche in einem sehr betonten Kontrast. Zartblau gegen Dunkelrot, Flokati gegen Plastikfolie, der gepflegte Horror des Landhausstils gegen den weniger gepflegten der Fellbüschel und Kratzspuren; die City-Lage gegen eine Macht, die von anderswo herkommt und in der City nicht gut aufgehoben ist.

Ihr Geheimnis, das Ana selbst nicht kennt, wird sie in der Wohnung festhalten, solange es eben geht, was nie sehr lange ist, auch weil sie sich langweilt und gern einkauft. Gute Manieren ist kein Film der Konsumkritik; eher betrachtet er die Welt der Waren mit Interesse und einem leisen Ekel, der von den Zierkissen und Kinderbettchen an einen anderen Ort führt, wo die Dinge ärmer sind, aber nicht weniger Staffage. Eines Tages ist das Leben in der Maisonette zu Ende, es geht zurück auf die andere Seite des Flusses, woher Clara kam, und wo das Licht anders ist, die Straßen enger und die Häuser sehr viel kleiner.

Häuslichkeit und Horror

Wer es darauf anlegt, Gute Manieren als Fabel zu lesen, findet Material in der Dingwelt und in dem kleinen Versteck; in dem Geheimnis, das bei Vollmond dort eingesperrt wird; und in der sehr geordneten Lebensführung, die das Geheimnis in Schach hält, wenn die allzu hellen Nächte vorüber sind. Normalität zu leben, wo sie nicht gelebt werden kann, ist eine verzweifelte Arbeit, in diesem Film wie in dem klugen Debüt der Regisseure Marco Dutra und Juliana Rojas, das die Arbeit tatsächlich im Titel trägt (Trabalhar Cansa, 2011) und sich ebenfalls an einem Parcours aus Neonlicht, Kühlschränken, Fleischbrocken und Metalltüren entlangfädelt, unerklärliche Vorfälle und Beklemmung immer inklusive, da die Geschichte von der Zumutung des normalen Lebens vielleicht nicht anders erzählt werden kann.

Rojas und Dutra lieben Wohnungen, Interieurs; die Konvergenz von Häuslichkeit und Horror, die Ordnung der Dinge und die Tatsache, dass diese Ordnung keinen Schutz darstellt. Irgendwann, auch auf der anderen Seite des Flusses, ist wieder Vollmond.

Irgendwann ist das Märchen auserzählt. Irgendwann hält die Tür nicht mehr, und eine andere Geschichte beginnt.

Info

Gute Manieren Marco Dutra, Juliana Rojas Brasilien, Frankreich 2017, 135 Minuten

06:00 29.07.2018

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