Die Rache heißt Büro

Alltag Schon zum sechsten Mal schickt der Autor J. J. Voskuil seinen Romanhelden – und die Leser – in die Ödnis des ganz gemeinen Angestelltenlebens. Und das macht sogar Spaß
Sabine Peters | Ausgabe 21/2017
Die Rache heißt Büro
Tod einer Stubenfliege. Neben dem Sterben von Grünpflanzen noch das Interessanteste im Büro
Illustration: der Freitag

Amsterdam in den Jahren 1982 bis 1987: Das Institut für Volkskunde dümpelt vor sich hin. Die Angestellten protokollieren, intrigieren, trinken Buttermilch und feiern kleine Jubiläen. Abteilungsleiter Maarten Koning hat seine Forschungen zur Verbreitung des Dreschflegels im 18. Jahrhundert abgeschlossen und versinkt in seinem neuen Thema: „Ohreisen“. Bei der pedantischen Arbeit über den historischen Schmuck fühlt er sich so sicher wie ein Maulwurf, unerreichbar für die feindliche Außenwelt. Dann wieder ahnt er, dass das ganze Institut nur eine Beschäftigungstherapie für überflüssige Intellektuelle ist. Alle, die hier wirken und wuseln, haben vor langer Zeit aus ihrem Hobby einen Beruf gemacht, und ihre Arbeit läuft mittlerweile aus dem Ruder. Aufsätze über die Schaukelwiege früher und heute; Vorträge über das Mittwinterhornblasen hier und dort – im Grunde ist die ganze Bürogemeinschaft ein Haufen von Holzschuhtänzern.

Maarten ist das Alter Ego des Autors J. J. Voskuil (1926 – 2008), der selbst lange als Volkskundler im Büro brütete. Voskuils siebenbändige Romanserie über nichtsnutzige Angestellte und war in den Niederlanden ein Renner: Die Fans lagerten dort sogar vor Buchläden, bevor ein neuer Band erschien, um sich dann lustvoll durch jeweils 600 bis 900 Seiten fortlaufender Ereignislosigkeit zu wühlen.

Im nun erschienenen sechsten Band, Abgang, den man auch ohne Kenntnis der vorausgegangenen Bücher versteht, drohen dem Büro schwere Zeiten. Das Ministerium beschließt Sparmaßnahmen, will die Effizienz überprüfen und fordert mehr Publikationen. Maarten sperrt sich: Wirkliche Qualität braucht Zeit, von jetzt an bis in die Ewigkeit! Doch eine Kommission rückt an, und Maarten instruiert die Kollegen: „Jeder muss genau wissen, womit er beschäftigt ist!“ Das ist ein guter Rat. Denn die buchhalterischen Existenzen des ehrwürdigen Hauses verzetteln sich permanent. Maarten selbst trödelt gern im stillen, weißen Toilettenraum herum; das sind die schönsten Momente seines Tages.

Abgang erzählt beiläufig von verschiedenen Abschieden. Direktor Balk geht in den Ruhestand, sein Vorgänger Beerta stirbt in einem Heim. Es sterben auch Maartens Schwiegermutter und ein früherer Kollege. Das Hickhack um die Nachfolge des Direktors bringt Maarten so weit, dass er in Frührente gehen will, aber bis dahin müssen noch bergeweise Karteikarten beschriftet, kommentiert und archiviert werden.

Die Gattin nörgelt nur

Voskuil setzt keine Höhepunkte, er will keine dramatische Entwicklung gestalten. Die Zeit schnurrt oft zusammen, so dass von einem Urlaub am Ende nur der Eindruck „Regen“ bleibt. Oder die Zeit wird unendlich gedehnt. Dabei drehen sich die haltlosen Dialoge der Figuren, die weder Helden noch Schurken sind, um Banalitäten. Kommunikation? Von wegen. Es finden zwar üble Machtkämpfe statt, aber sie werden hinterrücks ausgetragen. Das heißt für die gesamte Handlung des Romans: Wenn sich doch einmal ein Spannungsbogen zu ergeben scheint, dann kracht, ach was, dann sackt er bald schon in sich zusammen.

Auch das Privatleben wird von der Arbeit bestimmt. Zu Hause wartet Ehefrau Nicolien, chronisch eifersüchtig auf das Büro und auf Maartens kleine Erfolge, etwa, wenn er Beifall für einen Vortrag bekommt. Nicoliens Tiraden sind aggressiv, selbstmitleidig, und sie drehen sich im Kreis. „,Gib es einfach zu! Gib zu, dass du ein großer Wissenschaftler bist!‘ – ,Führ dich bitte nicht so auf!‘ – ,Schrecklich, so einen Mann zu haben‘, sagte sie halb weinend. ,So einen Mann will ich nicht! … Warum sagst du denn nichts? ... Bist du etwa kein großer Wissenschaftler?‘ – „Natürlich bin ich kein großer Wissenschaftler!“, platzte es aus ihm heraus. ,Dafür muss man sozial sein! Beziehungen unterhalten! Sozial bin ich wertlos!‘“ Wenn die zänkische Gattin sich dann wieder berappelt, zeigt es sich in höchst sparsamen Gesten. So serviert sie ihrem Mann etwa zum Osterfrühstück gleich zwei Eier auf einmal. Kein Wunder, dass Maarten selbst an Feiertagen gern im Büro vorbeischaut, wenigstens um die Pflanzen zu gießen. Tatsächlich: Wenn in dem Roman jemand in den Genuss von Maartens wohlwollender Aufmerksamkeit kommt, dann sind es Pflanzen und Tiere. Einer seiner Kollegen hingegen will eine Fliege aus einem Spinnennetz befreien – und reißt ihr einen Flügel ab. Der armen Kreatur ist nicht mehr zu helfen. So wenig, wie den Büromenschen zu helfen ist.

Voskuil zeigt: Arbeit ist kein Raum für Selbstverwirklichung oder gar für die Gestaltung von Welt; sie bleibt ein Fluch. Und dieser Fluch gibt den Figuren nicht einmal die Würde eines Sisyphos, der verdammt ist, einen Felsen immer wieder aufs Neue auf den Berg zu wälzen. Albert Camus hatte den antiken Mythos als Geschichte über das existenziell Absurde verstanden. Sisyphos war zwar ein tragischer Held – aber dabei auch ein glücklicher Mensch. Maarten und seinesgleichen sind dagegen postheroische Gestalten: Sie stecken fest im Korsett des protestantischen Arbeitsethos. Das Büro ist das Büro ist das Büro. Man hat es hier mit einem säkularisierten Rosenkranz zu tun. Der Leser findet zwar keine Erleuchtung, wohl aber Grund zu kritischer Reflexion: Arbeiten Büromenschen in neoliberalen Zeiten kollegial und kreativ? Oder sind sie auch bloß Holzschuhtänzer, die in den verdichteten, durchgetakteten Abläufen einfach nur schneller zappeln müssen als vor 30 Jahren?

Maarten hört einmal ein Lied: „Bist du da, mein Junge? Wo warst du all die Jahre bloß?“ Diese sentimentalen Sätze werden unverhofft zu einem Augenblick der Erkenntnis. Er denkt an das biblische Gleichnis vom verlorenen Sohn und fragt sich: Wo war er selbst all die Jahre? Gibt es für ihn ein Zuhause, wie immer das aussähe? Es gehört zur großen Kunst Voskuils, im Wust der Kleingeistigkeit solche existenziellen Fragen aufleuchten zu lassen. Dann schlägt der Alltag wieder über Maarten zusammen. Er wird zwar am Ende in den Ruhestand gehen, doch es deutet sich an, dass er das Institut auch dann noch besuchen wird, in Hassliebe besuchen muss. Im Grunde gibt es kein Außerhalb.

Zugegeben: Manchmal denkt man, es bei diesem Großprojekt mit einem Racheakt zu tun zu haben. All das, was die Romanfigur Maarten erleidet, muss auch der Leser durchmachen. Aber Voskuil verhöhnt seine Gestalten nicht, sondern ist solidarisch. Man findet hier einen staubtrockenen Humor, eine würgende Komik, eine Lust an Haarspaltereien und Spitzfindigkeiten – die Lesemühsal lohnt.

In den Niederlanden gibt es mittlerweile eine 475 Folgen umfassende Hörspielversion der Büro-Reihe, aber noch keine Verfilmung. Und dabei soll es auch bleiben. Wer wollte denn Voskuils Romane eindampfen, sie auf knackige Sketche reduzieren, wo sie doch vorsätzlich aus Abschweifungen bestehen? Lesend schweift man mit, schweift ab, macht Pausen, macht sich eigene Bilder – und man hört: Die Dialoge klappern, der Bürohengst wiehert, man hört das Gras wachsen. Und man hört die letzten Zuckungen der Fliege, die dem Netz so gern entkommen wäre.

Info

Das Büro 6: Abgang J. J. Voskuil Gerd Busse (Übers.), Verbrecher Verlag 2017, 900 S., 34 €

06:00 07.06.2017

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