Die Vorrats-Tannen

Die Ratgeberin Unsere Kolumnistin ist auf der Suche nach dem guten Leben und achtet dabei auf sinnlichere Eingebungen
Die Vorrats-Tannen
Um meine tägliche To-do-Liste abzuarbeiten, müsste der Tag 72 Stunden haben

Foto: imago/Arnulf Hettrich

Ich stehe am Fenster, um die Resonanzachsen in mir zu erspüren, mal zu gucken, wie’s um meine aktuelle Weltbeziehung steht, denn die ist maßgeblich für ein gutes Leben. Das sagt der Soziologe Hartmut Rosa. In seinem Schwarzwalddorf tritt er seit vielen Jahren abends ans Fenster, um über den Tag nachzudenken. Dabei hat er festgestellt, dass es verschiedene Arten des In-der-Welt-Seins gibt.

Nach einem guten Tag hat er die sinnlich-körperliche Erfahrung, die Welt draußen antworte ihm, die Pflanzen, die Nachbarn, die Tiere, der Wald und sogar die Berge in der Ferne. Er nennt es: Resonanz. Wenn er dagegen einen Tag in den Sand gesetzt hat, hat ihm die Welt nichts zu sagen, das Verhältnis ist angespannt. Darüber schrieb er den 800-Seiten-Wälzer Resonanz. Neu dazu gibt’s jetzt einen kleinen Nachklapp: Unverfügbarkeit. Nämlich die der Resonanz. Die kommt und geht, unberechenbar. Ich habe die Bücher nicht gelesen, weil ich schon lange in der von Rosa sogenannten Temporal-Insolvenz lebe. Das bedeutet: Um meine tägliche To-do-Liste abzuarbeiten, müsste der Tag 72 Stunden haben.

Dieses Missverhältnis sei nicht meine Schuld, sondern die unseres Wirtschaftssystems, sagt Rosa, weil es unerbittlich auf Steigerung bestehe. Hetze entsteht, Resonanz wird verhindert. Nur eines finde ich merkwürdig: Wieso hält er Resonanz für den Schlüssel zum guten Leben, wo doch in seinem Beispiel die zeitliche Abfolge genau andersrum ist? Erst nach einem nicht näher erklärten „guten Tag“ guckt Rosa resonant aus dem Fenster, quasi als Folge des guten Tages. Oder handelt es sich gar um die Folge einer Folge, einer Stoffwechselreaktion auf ein Erlebnis? Und die veränderte Biochemie im Körper spürt man dann abends als Resonanz? Um der Frage körperlich-sinnlich näherzukommen, trete auch ich seit einiger Zeit öfter mal ans Fenster. Nicht so oft wie der Rosa natürlich. Schließlich will ich nur eine Kolumne schreiben. Zweitens wegen meines schwebenden Temporal-Insolvenz-Verfahrens. Drittens lebe ich nicht in einem Schwarzwalddorf, sondern in Berlin im vierten Stock. Wer hier zum Fenster rausguckt, sieht massig Passanten, die sich null Komma null für Leute interessieren, die aus Fenstern gucken, sieht pappgrauen Himmel, schlierig nass geregnete Hauswände, Vorrats-Tannen auf Balkons liegen und ganz unten: zertretene Hundehaufen und anderen liebenswerten Müll.

„Verehrte Welt“, denke ich zaghaft, „hätt’ ich Zeit, würde ich sicher gerne mit dir resonanzieren – auf jeden, glaub ich ...“, und überlege wieder, was zum Geier der Rosa gemacht hat, bevor ihn die Resonanz ereilte. Urlaub, Wellness, Achtsamkeit können es schon mal nicht gewesen sein. Von derartigen Oasen des guten Lebens halte er nichts, sagt er. Das gute Leben müsse in den Alltag integriert sein. Und dann kommt’s: Resonanz, so Rosa, ereigne sich zum Beispiel, „wenn ich mich auf dem Weg zur Arbeit verliebe und deshalb gar nicht zu Arbeit komme“. Hui! Ist das in der von ihm vorgeschlagenen Wirtschaftsdemokratie so vorgesehen? Können wir uns da nicht nur krank-, sondern auch verliebtmelden oder von der Muse geküsst oder in andere wichtige Weltbeziehungen verstrickt – mit ärztlicher Bescheinigung vielleicht? Tolle Sache, das gute Leben.

06:00 13.01.2019

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