Die Zukunft des Geldes

Wandel Das Blockchain-Prinzip ermöglicht Überweisungen ohne Banken. Es kann das Finanzsystem revolutionieren und unseren Umgang mit Eigentum radikal verändern
Die Zukunft des Geldes
Neue digitale Technologien revolutionieren unser Finanzsystem

Fotos: iStock; Montage: der Freitag

Es ist noch nicht so lange her: 2013 waren sich die Experten branchenübergreifend einig, dass die Zukunft Bitcoin gehöre, jener Kryptowährung, die 2008 in einem Hinterzimmer von einem Programmierer mit dem Code-Namen Satoshi Nakamoto zum Leben erweckt wurde. Für ihre Unterstützer galt Bitcoin als Ausweg aus dem festen Griff von Zentralbanken, Regierungen und dem Finanzsektor. Für ihre Kritiker stand die Währung für blasse Computer-Hacker in abgedunkelten Räumen, für Drogenhandel in zwielichtigen Online-Börsen und für Finanzblasen, die außerhalb der etablierten Kanäle genauso schnell platzten, wie sie wuchsen. Der Faszination auf beiden Seiten tat das keinen Abbruch: Bekannte Namen wie Silicon-Valley-Investor Marc Andreessen, Schauspieler Ashton Kutcher und Rapper Snoop Dogg fingen plötzlich an, über Bitcoin zu sprechen – und der Preis schnellte auf schwindelerregende 1.216 US-Dollar nach oben.

Die Nutzer sind die Bank

Dann fiel das fragile Kartenhaus innerhalb kürzester Zeit in sich zusammen. Die größte Bitcoin-Börse, Mt. Gox, implodierte Anfang 2014 und der Preis fiel auf unter 400 Dollar. Die große Aufregung scheint vorbei, die Aufmerksamkeit von Entwicklern, Unternehmen und Investoren hat sich verschoben. Heute wird Bitcoin in Gesprächen häufig nur noch am Rande erwähnt, wenn es eigentlich um etwas anderes geht: Bitcoin ist die bekannteste Anwendung für die Blockchain-Technologie, jenem Prinzip, das das Verschieben von Online-Münzen möglich macht – und von dem sich viele Beobachter nicht weniger als die nächste große Revolution erhoffen. Selbst die Banken, die Bitcoin lange belächelt haben, nehmen den Blockchain-Hype jetzt ernst. Bitcoin, schrieb die US-Investmentbank Goldman Sachs im vergangenen Dezember an Investoren, sei nur der Auftakt gewesen. Blockchain dagegen stehe jetzt bereit, ins Rampenlicht zu treten und habe das Potenzial, „alles zu verändern“.

Bei Blockchain handelt es sich um eine weltumspannende dezentrale Datenbank, eine Art digitalen Kontoauszug, der in Echtzeit sämtliche Transaktionen aller Teilnehmer erfasst. Wer über den nötigen digitalen Schlüssel und die entsprechende Erlaubnis verfügt, kann mit einem einfachen Eintrag Eigentum an einen anderen Nutzer übertragen. Die Zahlen und Buchstaben sind dabei nicht etwa ein bloßes Versprechen oder ein Schuldschein, sondern die vollständige Definition des Eigentums. Anstatt eine zentrale Schaltstelle wie eine Bank zu benötigen, um die Transaktion abzuwickeln, wird jede kleine Veränderung direkt in die Zahlenketten eingebaut und innerhalb von Momenten an alle Rechner als Kopie geschickt. Ihren Namen hat die Blockchain von den Blocks – den Dateien, die alle Informationen über Transaktionen gespeichert haben.

Die Nutzer selbst werden so zu einer Bitcoin-Bank: Von wo wie viel Geld an wen fließt, das ist für alle einsehbar. Betrug soll dank der schier endlosen Kette des Programmcodes, wenn nicht unmöglich, so doch extrem kostenaufwendig und mühsam werden – schließlich liegt der Beweis auf Millionen von Festplatten.

Tool für eine Online-Demokratie

Eine eindeutige Identifizierung und die große Sicherheit vor Fälschungen macht Blockchain auch für jene interessant, die sich um die Demokratie sorgen und sie mittels Online-Wahlen und E-Bürgerbegehren reformieren wollen. Verschiedene Plattformen arbeiten an Software, mit der jeder vom heimischen Computer aus abstimmen kann. In Großbritannien spielt man das gedanklich schon mal durch. In einem Bericht zu den Möglichkeiten von Blockchain denkt der wissenschaftliche Berater der Regierung über die Einführung eines „Wahl-Coins“ nach, mit dem Bürger ihre Stimme abgeben können sollen. In einer Art Echtzeit-Demokratie ließe sich so über alle möglichen Entscheidungen abstimmen. Auch in Estland gibt es Versuche, Online-Wahlen voranzubringen. Einige Digital-Enthusiasten wollen aber noch weiter gehen. Levin Keller vom Bundesverband Bitcoin kann sich auch eine automatisierte Regierung vorstellen: „Es ist möglich, dass man langfristig gesehen auf der Blockchain basierend eine Art Roboterregierung installiert. Eine Regierung, die durch Maschinen gewährleistet wird, die nach einem festen Algorithmus funktionieren und alle Aktionen nachvollziehbar in einer derartigen Blockchain protokollieren müssen.“ Es ist der Traum von einer Welt ohne gebrochene Wahlversprechen. Jan Pfaff

Die Anhänger der dezentralen Zahlenketten glauben, dass damit mittelfristig fast alle unsere Transfers sicherer, kostengünstiger und schneller ablaufen werden. „Das Ganze ist Teil eines Trends zur Dezentralisierung“, sagt John Clippinger vom Massachussetts Institute of Technology. Denn längst nicht mehr nur Geldvermögen soll dank Blockchain den Besitzer wechseln, sondern auch Aktien. Anleihen sollen irgendwann sicherer als je zuvor über die Algorithmen abgewickelt werden. Die Börse in Sydney kündigte in der vergangenen Woche als erster Handelsplatz an, den Handel künftig per Blockchain erfassen zu wollen.

Geht es nach Digital-Visionären wie John Clippinger, soll hier aber noch lange nicht Schluss sein. Die Anwendungsmöglichkeiten gehen weit über klassische Bankgeschäfte hinaus. Auch Testamente und Wahlen könnten mit den Zahlenketten einfacher und sicherer werden, das Eigentum an Wertgegenständen wie Autos oder Häuser kann in der Blockchain-Zukunft theoretisch so einfach hin- und hergereicht werden, wie heutzutage E-Mails ausgetauscht werden.

Blockchain automatisiert nicht nur den Vertrag, auch der Vertragsbruch kann dank dieser Technik ohne zentrale Instanz sanktioniert werden. Kommt etwa der Käufer mit einer Ratenzahlung nicht hinterher, könnte die Tür des geleasten Wagens fortan verschlossen bleiben. Versicherer könnten die Blockchain nutzen, um Schadensmeldungen besser nachzuverfolgen und Betrug zu verhindern, selbst der Besitz von Waffen oder einem Kunstwerk könnte so jederzeit eindeutig erfasst und Missbrauch in Sekunden ermittelt werden. Die ersten Smart Contracts könnten in zwei Jahren zum Einsatz kommen, glaubt Clippinger. Viele Mittelsmänner, die heute für die Einhaltung der Verträge benötigt werden und für das nötige Vertrauen sorgen, den Tauschvorgang aber auch teuer und langsam machen – Banken, Notare oder ganze Behörden –, würden dann überflüssig, weil das Vertrauensproblem von den Computern und der Blockchain gelöst würde.

Beim Künstler aufs Konto

Auch die von digitalen Innovationen sonst eher gegeißelte Musikindustrie könnte von einer transparenten Digitalwährung profitieren. Ein großer Teil der Musik wird mittlerweile gestreamt. Das ist gut für die Branche, die im Netz bis vor wenigen Jahren noch den Feind Nummer eins sah. Streamingdienste wie Spotify und iTunes generieren Einnahmen und sind für die Nutzer bequemer als Raubkopie-Börsen. Es geht also wieder bergauf. Leider kommt von den Tantiemen, die die Streamingdienste zahlen, zur Zeit nur wenig bei den Musikern an, da sich die gesammelten Beträge in einem intransparenten Wirrwarr aus weltweiten Nutzungsverträgen verlieren. Nicht selten sind an der Produktion eines Popsongs bis zu 20 verschiedene Produzenten, Labels und Distributoren beteiligt, von denen jeder sein Kuchenstück haben möchte. Ein gestreamter Song bedeutet daher selbst für Stars in der Regel nur den Bruchteil eines Cent, weswegen Künstler wie Taylor Swift gar nicht mehr auf Spotify vertreten sein wollen. Transparente Kryptowährungen könnten mittels Blockchain dazu beitragen, dass die Verteilungsregeln für das eingenommene Geld nicht erst an Rechteverwalter abgegeben werden müssen, sondern nachvollziehbar und in Echtzeit direkt auf dem Künstlerkonto landen. Dafür bräuchte es eine Datenbank, die alle Rechteinhaber für jeden Song der Welt transparent versammelt. Zwar gibt es bereits Portale, die das versuchen, doch bleibt die Utopie der fairen Bezahlung gestreamter Musik weiter ambitioniert. Konstantin Nowotny

Vor allem aber hoffen die Befürworter auf eine dringend überfällige Reform der Finanzwelt. Heute gebe es schlicht keine solide Basis für moderne, digitale Finanzdienste, schreibt Susan Athey, Wirtschaftsprofessorin an der Stanford-Universität in Kalifornien, die sich seit Jahren mit Blockchain und Bitcoin beschäftigt. Vier Prozent aller Überweisungen scheitern komplett, bei internationalen Transfers laufen dank mehrerer Mittelsmänner häufig dreistellige Gebühren auf, um ein paar Zahlen von A nach B zu bewegen. Zudem dauert es oft Tage, bis etwa eine Überweisung aus New York wirklich in Hamburg ankommt.

Von den mehr als 500 Milliarden Dollar, die Migranten jedes Jahr zu ihren Familien in die Heimat schicken, versickern laut Schätzungen der Weltbank über fünf Prozent in Überweisungsgebühren, in Einzelfällen sind es sogar deutlich mehr. „Die Infrastruktur ist jahrzehntealt, analoge Prozesse sind zwar digitalisiert worden, aber nicht von Grund auf neu aufgebaut“, fasst Athey den Status quo zusammen. Vielerorts werde bis heute nicht mit Algorithmen, sondern mit Faxgeräten gearbeitet. Insgesamt gehen pro Jahr mehr als 1,6 Billionen Dollar in den völlig veralteten Strukturen verloren.

Es gibt also reichlich Bedarf, und zahlreiche Start-ups wollen frischen Wind in die Branche bringen. Das US-Start-up Ripple aus San Francisco etwa, in dessen Aufsichtsrat auch Ökonomin Susan Athey sitzt, will den internationalen Geldtransfer dank der Code-Ketten neu erfinden. Die Überweisungen laufen zwar weiterhin über Banken, sollen aber nicht mehr wie bisher von Schnittstelle zu Schnittstelle weitergereicht werden, sondern dank einer Blockchain-Architektur direkt von Konto zu Konto wandern. Die Kosten selbst für große Transaktionen sollen so auf wenige Centbeträge zusammenschrumpfen, die Überweisung innerhalb weniger Sekunden über die Bühne – und eine erfolgreiche Zahlung nachweisbar sein. „Grenzüberschreitende Zahlungen sind eine große Schwäche der Banken, deshalb sind sie gerade sehr interessiert an uns“, schreibt Geschäftsführer Chris Larsen per E-Mail.

Vertrauen ist gut, Blockchain ist besser

Um den Erfinder der digitalen Währung Bitcoin ranken sich einige Mythen. Angeblich ist Satoshi Nakamoto ein 37-jähriger Japaner. Viele Beobachter gehen aber davon aus, dass dahinter ein Kollektiv steht, vermutlich aus dem englischsprachigen Raum. Es wäre auch paradox, wenn die Identität von jemandem allzu einfach feststellbar wäre, der eine anonyme Online-Währung auf Grund-lage eines komplizierten Verschlüsselungsmechanismus erfunden hat. Denn bei Bitcoin geht es genau darum: Vertrauen versus Misstrauen, transparentes Kollektiv versus Machtmonopol. 2008 erschien erstmals ein Text, der die Möglichkeiten einer digitalen Währung unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto erläuterte. Dabei ging es weniger um technische Details, sondern um ein Grundproblem des Geldes: „Das Kernproblem konventioneller Währungen ist das Ausmaß an Vertrauen, das nötig ist, damit sie funktionieren. Der Zentralbank muss vertraut werden, dass sie die Währung nicht entwertet, doch die Geschichte des Geldes ist voll von Verrat an diesem Vertrauen. [...| Sie verleihen es in Wellen von Kreditblasen mit einem kleinen Bruchteil an Deckung.“ Es ist wohl kein Zufall, dass dieses Manifest für eine digitale Währung in dem Jahr erschien, in dem das globale Finanzsystem aufgrund der Spekulationsgeschäfte einiger Banken beinah komplett kollabierte. Bitcoins haben den Vorteil, dass sie kein Vertrauen benötigen, denn jeder misstraut jedem – und jede Transaktion wird einzeln nachgeprüft, ohne eine Bank als Mittelsmann. Vielleicht ist es auch dieses eher mafiöse Prinzip, das das Bitcoin-Image später zum Synonym für dunkle Machenschaften mit Waffen und Drogen gewandelt hat. Mit der Weiterentwicklung der Blockchain könnte sich das ändern. Konstantin Nowotny

Schon jetzt arbeitet Ripple nach eigenen Angaben mit zehn der 50 größten Banken zusammen, Gespräche mit mehr als 80 Instituten laufen. Inzwischen arbeitet die Firma auch an einem Protokoll, das die Kommunikation zwischen verschiedenen Blockchains ermöglichen soll.

Die Finanzbranche habe in der Vergangenheit auf starke Hierarchien und Zentralisierung gesetzt, sagt John Clippinger. Neue Bezahlsysteme wie Venmo oder WeTransfer haben Innovationen weitgehend ohne Zutun der Institute vorangetrieben, die sich auf ihrer Funktion als Mittelsmänner ausgeruht hätten. „Für sie ist ein System, das auf Dezentralität setzt, eine enorme Bedrohung.“ Wenn die Institute nicht aufpassen, könnten sie genauso weggefegt werden wie die Zeitungsindustrie vom Internet, meint Clippinger. Der Strukturwandel macht auch nicht vor Großbanken halt, die sich bisher immer für too big to fail hielten.

Die Pioniere der technischen Revolution sind auf jeden Fall andere: Das Softwareprojekt Ethereum etwa, an dessen Spitze der 21-jährige Vitalik Buterin steht und das von dem kleinen Schweizer Ort Zug die Branche aufrollt, setzt auf eine Open-Source-Variante, an deren Ausbau sich jeder im Netz beteiligen kann. Der gebürtige Russe Buterin gilt vielen im Silicon Valley und an den Finanzplätzen in New York, Zürich und London als Wunderkind. Er sei ein „digitaler Lenin“, schreiben Wirtschaftsjournalisten – und zwar nicht, weil er mit aller Vehemenz die Eigentumsfrage stellt, sondern weil er darüber sinniert, dass derjenige die Macht habe, der die Geldströme lenke. Was aber, wenn das System radikal dezentralisiert wird? Wenn jeder mitmachen kann, statt bisher nur die Profis in den Geldhäusern? Wenn die Macht über die Finanzströme nicht mehr in den Händen einiger weniger liegt?

Von Diamanten und Salaten

Finanzaktionen sind nur eine Möglichkeit, die Blockchain-Technologie zu nutzen. Sie ist im Prinzip für alle Güter interessant, die den Besitzer oder bei ihrer Herstellung auch nur den jeweiligen Bearbeiter wechseln. Großes Interesse daran haben etwa Diamantenhändler, die sichergehen wollen, dass ihre erworbenen Brillanten nicht gestohlen wurden. Genauso sind Kunsthändler interessiert, um den eindeutigen Besitzer eines Kunstwerks jederzeit nachschlagen zu können. Großkonzerne prüfen, wie sich mit Blockchain der Weg ihrer Produkte rund um den Globus besser dokumentieren ließe. Es gibt aber auch ganz alltägliche Anwendungsgebiete. So ließe sich mit der Blockchain belegen, dass ein Salat, der als Bio-Produkt verkauft wird, auch wirklich bio ist. Mit einer Markierung ließe sich der Weg des Salats von seinem Acker bis in den Supermarkt nachverfolgen, wo der Kunde mittels Smartphone-App überprüfen könnte, wo der Salat genau gewachsen ist. Jan Pfaff

Plötzlich stehen die Vorstände der Banken bei Buterin Schlange, weil sie ahnen, dass sie ihn brauchen werden, wenn sie überleben wollen. Die Deutsche Bank, die mit einem eigenen „Innovation Lab“ am Potenzial der Zahlenketten forscht, warnt in einem internen Schreiben davor, ja nicht den Anschluss zu verpassen. „Dies ist ein Weckruf für die Bankenindustrie“, schrieb das Institut im vergangenen Oktober an die Mitarbeiter. Dank Bitcoin und Blockchain könne man heute zum Milliardär werden, ohne jemals nur einen Fuß in eine Bank gesetzt zu haben.

Genau das gilt es aus Sicht der Banken zu verhindern. Statt von einem völlig dezentralen System abgelöst zu werden, arbeiten die Institute an eigenen, am liebsten geschlossenen Einheiten, auf die nur eine bestimmte Zahl institutioneller Teilnehmer Zugriff hat und über die sie im Auftrag ihrer Kunden Finanzgeschäfte abwickeln.

Die größte US-Investmentbank JP Morgan investierte 2015 neun Milliarden Dollar in neue Technologien, ein Großteil davon in Blockchain. Gerade erst hat sich die Bank of America, bislang nicht für Innovationen bekannt, eine ganze Reihe an Patenten rund um die Blockchain-Technologie gesichert. Vor knapp zwei Wochen meldete der US-Wirtschaftssender CNBC, die Bank habe bereits 15 Patente erhalten und stehe kurz davor, 20 weitere bei der Patentbehörde einzureichen. Die meisten Leute, gab die Chef-Entwicklerin Catherine Bessant zu, seien wahrscheinlich überrascht, dass das Institut die Patente besitze: „Wir wollen uns unseren Platz sichern, bevor wir wissen, was die kommerziellen Anwendungen sein werden.“ Die spanische Santander Bank schätzt, dank der Blockchain-Technologie jährlich zwischen 15 und 20 Milliarden Dollar einsparen zu können.

Reich der Anonymität

Eines der größten Sicherheitsprobleme im Internet ist nach wie vor seine Anfälligkeit für Überwachung. Jeder Kontakt hat eine feste IP-Adresse, ähnlich einer Telefonnummer. Die kann eindeutig zugeordnet und zurückverfolgt werden. Die Antwort der Hacker auf dieses Problem lautet: Jeder ist gleichzeitig Sender und Empfänger. So, als wäre jedes Telefon auch eine Schaltzentrale. Keine Nummer lässt sich mehr eindeutig zuordnen. Dieses dezentrale System heißt „Peer to Peer“ und bedeutet nicht nur größtmöglichen Schutz vor Überwachung, sondern ist auch der Traum eines jeden Kriminellen. Zunächst beschränkten sich solche Netzwerke meist auf Filesharing – den illegalen Austausch von Musik, Filmen und anderen Daten. Seitdem sich im Schutz der Anonymität aber auch eine digitale Währung verdienen lässt, rücken immer stärker handfeste Gegenstände in den Fokus des Darknet-Handels. Man kann dort so ziemlich alles kaufen – auch Drogen und Waffen. Geliefert wird oft klassisch per Post. In welchem widersprüchlichen Verhältnis der freie, quasi rechtsfreie Netzraum und die Gesetze der Offline-Welt stehen, musste vergangenen Sommer ein RTL-II-Reporter erfahren. Er bestellte im Darknet Cannabis und Kokain, ließ sich beides in eine eigens dafür angemietete Wohnung liefern. Die Drogen kamen im Umschlag. Verwundert darüber, dass sein journalistisches Experiment tatsächlich funktionierte, brachte er die Lieferung zur Polizei – und erhielt prompt selbst eine Strafanzeige. Konstantin Nowotny

Schon jetzt sorgt die Blockchain für flachere Hierarchien, dezentrale Strukturen und überraschende Allianzen. Der Computerriese IBM, Chiphersteller Intel und Softwarespezialist Cisco haben sich mit den großen Investmentbanken der Wall Street zusammengetan und arbeiten an einer eigenen Blockchain-Variante, die schon in wenigen Jahren zahlreiche Abläufe branchenweit automatisieren könnte. Das „Open Ledger Project“ wird von der Non-Profit-Softwareschmiede Linux Foundation geleitet, die wegen ihres Nischen-Betriebssystems bislang vor allem Computernerds ein Begriff war. Ein Konsortium aus 42 Banken arbeitet seinerseits mit einem Start-up in New York an einer gemeinsamen Lösung für den Markt. Auch die US-Technologiebörse Nasdaq hat sich inzwischen mit einem Blockchain-Start-up zusammengetan, um eine Handelsplattform zu erstellen.

Jagd auf Patente

Es bleiben aber auch noch viele offene Fragen beim Einsatz. Wie viel Privatsphäre kann eine Bank in einem solchen allgemein zugänglichen System noch beanspruchen? Wie viel Einblick sollen die Regulierer und Aufsichtsbehörden bekommen? Und wie kann das Vertrauen der Nutzer und Unternehmen gewonnen werden? Die Technologie sei unreif und unerprobt, kritisieren daher einige Finanzexperten.

Und auch außerhalb des Bankensektors gibt es Skepsis. Denn ob Verträge, die nicht mehr auf Mittelsmänner für ihre Umsetzung angewiesen sind, tatsächlich bessere Verträge sind, darüber streiten die Experten. Smart Contracts, die über eine Blockchain abgesichert werden, würden jeden sprachlichen Spielraum verlieren, schreibt Quinn DuPont von der University of Toronto. Das könne die Verträge der Zukunft zu eisenharten Fesseln machen, warnt der Experte für Kryptografie.

Am Ende ist die Blockchain eben doch nur eine Technik. Mit zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten und großem Veränderungspotenzial zwar. Aber wie mit dem technischen Wandel umgegangen wird, muss gesellschaftlich entschieden werden.

Thorsten Schröder arbeitet als Wirtschaftsjournalist in New York

06:00 16.03.2016
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