Eigener Schmus

Literatur Jörg Fauser kennt man als harten Prosaisten. Seine Lyrik ist rau und zart
Beate Tröger | Ausgabe 51/2019

Ein Freund schwärmte kürzlich von einem Zeilensprung in Goethes Wandrers Nachtlied. Der Sprung von „du“ auf „kaum“ in „Über allen Gipfeln / Ist Ruh‘, / In allen Wipfeln / Spürest du / Kaum einen Hauch“ sei nicht nur klanglich, sondern auch semantisch einer der vollkommensten, indem das „Kaum einen Hauch“ das „Spürest du“ wieder annulliere.

Jörg Fauser, geboren 1944 in Schwalbach im Taunus knapp, aber doch neben Goethes Geburtsstadt, war grade 22, als er Statt einer Antwort schrieb, das also fast noch ein Jugendgedicht ist: Da liest man: „Worauf ich warte? Ich weiß / es nicht.“ Das Gespräch über Goethe fiel mir beim Sprung von „Ich weiß“ zu „es nicht“ wieder ein. Wie vom Zehnmeterbrett ins leere Schwimmbecken: Klanglich vollkommen ist das nicht, semantisch aber explosiv, krass, irreversibel und unbedingt glaubhaft.

Kampf gegen die Sucht

Die Frage nach der Vollkommenheit seiner Gedichte, die nun erweitert um bislang unveröffentlichte vorliegen und mit einem Vorwort vom Lyriker und erklärten Fan Björn Kuhligk versehen sind, hätte Fauser wenig interessiert. In Augenblicke der Vollkommenheit, das zuerst unter dem Titel Hemingways Hirn 1976 in der Basler National-Zeitung erschien, heißt es: „Lieber Wahrheit als Vollkommenheit“, und später: „einen Augenblick lang mir selbst nicht fremd zu sein / wäre atemberaubend vollkommen atemlos frei / so frei wie Hemingways Hirn /als er den Abzug berührte / aber was soll mit solchen Augenblicken der Vollkommenheit / wer nicht weiß / wie er morgen / überleben soll“.

Über Charles Bukowski, eines seiner größten Vorbilder, schreibt er: „Wer Kunst-Gedichte im herkömmlichen Sinn mag, wird sich bei Bukowski nicht wohlfühlen. Gerade meiner Generation aber, die nach dem scheinbaren Aufbruch der sechziger Jahre sich heute kaputt und resigniert in der ziemlich gespenstischen Szenerie unserer Gegenwart zurechtfinden muss, liefert Bukowski genau das, was wir von der Literatur verlangen: Informationen fürs tägliche Überleben.“ Schreiben ist Überleben. Und Schreiben ist auch ein Kampf gegen die Sucht, wie bei Peter Kurzeck, Ernest Hemingway oder eben Bukowski. Immer ist etwas Gehetztes, Atemloses, Dionysisches im Ton. Bei Fauser oft rau gegen sich selbst, unerwartet zart gegen andere.

Fauser, der in Frankfurt, London, Istanbul, Berlin und später München lebte und mit der Natur nicht die Bohne anfangen konnte, fände auch in den Städten unserer Tage Schauplätze für seine stets szenischen Gedichte, um Trinker, Taxifahrer, Träumer und Tagediebe, Liebeskranke, Sex- und Drogensüchtige zu bedichten, die sich nächtens in Raucherkneipen treffen, sich zusehends trunkener ihre Geschichten vom Zuviel und Zuwenig erzählen und irgendwann gnadenlos auf ihre Einsamkeit zurückgeworfen sind: „später / liege ich in meiner Bude / in einer gleichgültigen Stadt / ziemlich nah am Zentrum des Schreckens / irgendeine Zone nördlich von Nirwana / Miete nicht bezahlt Telefonrechnung überfällig / und starre die Wände an / zehn Jahre Selbstmord auf Raten / zehn ganz gewöhnliche Jahre / und es gibt keine Mieze / nur die Spinne überm Türrahmen / der ich mit einer leeren Rumflasche / den Garaus mache“, heißt es in Zehn Jahre später.

Als Dichter hat sich Fauser, der 1987 bei einem Autounfall starb, allerdings kaum verstanden. In einem viel zitierten Interview 1985 charakterisiert er sich als Lohnschreiber, der nicht unterscheidet zwischen Gebrauchs- und „hoher“ Literatur: „Die Schreiberei ist ja immer ökonomisch abhängig, wenn man davon lebt … Mir haben die ökonomischen Faktoren geholfen bei der schriftstellerischen Arbeit, denn ohne das Eine wäre das Andere nicht möglich gewesen, d. h., wenn man für Zeitschriften arbeitet, hat man für eine gewisse Zeitspanne Geld und kann den eigenen Schmus machen, wenn man also trennen will. Aber ich will das nicht trennen. Seit ich im Journalismus tätig bin, gibt es für mich keine Trennung.“ Und wenn schon Autor, dann nicht Außenseiter: „Schriftsteller sind keine trotzigen Außenseiter, wären sie es, dann würden sie nichts erfahren über diese Gesellschaft … Teilhabe an der Welt, das ist schon schöner.“ In ihren besten Momenten sind Fausers Gedichte genau das: direkte, drastische Teilhabe an der Welt.

Ranzig, unverstellt traurig

Manches ist redundant, manches vom Zeitgeist überholt, den an vielen Stellen unverhohlenen Machismo, der in den 70ern salonfähig war, vernimmt man nach #Metoo oft befremdet: „Kaum aufgewacht, kaum da, / kommst du schon rein, Sweetheart, / wenn auch nur als Figur / aus meinem nassen Traum, immerhin / du als Schnappschuss unter zerlaufenem Mascara, / Finger dort, wo der Saft sonst spritzt“.

Das ist schon ziemlich ranzig, aber darin eben auch immerhin unverstellt traurig. Oft genug mischt sich auch Zärtliches, Selbstironisches in den Machismo, so in Eine Nacht mit Babette, ein Gedicht über eine Zufallsbegegnung in einer Bar: „Sie heißt / Babette. / Und ob sie trinkt? / Sie trinkt. / Sie ist aus Hildesheim. / Ich bin Poet. / Das macht schon zwei / in dieser Nacht.“ Recht hilflos verrutscht hier der Binnenreim in Richtung Lächerlichkeit – wie der Poet selbst mit seiner Zufallsbekanntschaft, mit der er in zärtlichem Rausch allerdings nur so weit versinkt, dass ihm doch noch etwas Klingendes einfällt: „Mir ist zart zumute, / mein Mund voll Wermut / in Babettes Schoß“, ehe ihn die Geliebte – und Babette so zu nennen, kommt einem wahr vor – am Morgen verlässt: „Ihr Zug fuhr um acht / und später erwischte ich / einen Zipfel Weltschmerz / und verscharrte ihn / mit Asbach Uralt / in der Musikbox vom Mörderstüberl.“ Lieber Wahrheit als Vollkommenheit: Wer deren bittere Seiten nicht aushält, dem bleibt der Weg ins Mörderstüberl. Oder die Lektüre von Fausers oft sehr trostreichen Gedichten.

Info

Ich habe große Städte gesehen. Die Gedichte Jörg Fauser Mit einem Vorwort von Björn Kuhligk, Diogenes 2019, 352 S., 24 €

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06:00 18.01.2020

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