Eigentlich gar keine Stadt

Sachlich richtig Erhard Schütz hat Offenbarungen für Berlin-Fans, Föderalismus-Skeptiker sowie Foodtrends von Kafka bis Corona
Eigentlich gar keine Stadt
Der Franzose Pierre Mac Orlan war eine intellektuell wendige Figur, von der zum Beispiel Walter Benjamin fasziniert war. Und er besaß einen Papagei namens Dagobert

Foto: Keystone/ZUMA/Imago Images

Eine fundamentale Studie zur Rolle von Kriegen bei der Nationenbildung (und der Errichtung kolonialer Imperien) hat Dieter Langewiesche 2019 vorgelegt. Der gewaltsame Lehrer bläute unbequeme Wahrheiten ein. Nun legt er ein Bändchen nach, das sich aus dem anderen Generalthema seines Forscherlebens, dem Liberalismus, speist. Er blickt auf den internen Liberalismus der Nationalstaatlichkeit, auf den Föderalismus.

Das derzeit pandemiegetriebene Unbehagen am innerdeutschen erhält ebenso Aktualität wie das am europäischen Föderalismus. Der Blick auf solch Spannung geht dabei zurück und zugleich seitwärts auf die vielen „zusammengesetzten“ Staaten Europas. Vor allem auf das Alte Reich – in seiner Gestalt von 1648 – und den ihn ablösenden Deutschen Bund zwischen 1815 und 1866. Das eine wie der andere – ein „Kriegsgeschöpf“.

In bewundernswert souveräner Kenntnis entwickelt Langewiesche aus regionalen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Komponenten den Weg von der Vielstaatlichkeit zum Föderativen bis zur Ablösung des Kaiserreichs durch die Republik und deren Untergang im NS-zentralisierten Reich. Im Ausblick auf die Zukunft scheint nicht einmal mehr gewiss, dass sie ohne kriegerische Konflikte auskommt.

„Das ist eigentlich gar keine Stadt. Mehr wie ein Land mit Provinzen und Völkerschaften und ganz verschiedenen Arten von Menschen“, dekretierte 1943 Wolfgang Liebeneiners Film Großstadtmelodie über Berlin. Das war zwar ein ideologischer Rettungsversuch der von den Nazis zuvor als internationaler Sumpf geschmähten Stadt, traf gleichwohl zu. Seit 1920 war und ist sie wohl die föderalste Stadt Deutschlands. Michael Bienerts opulenter und gründlicher Band auf den Spuren von Irmgard Keun und ihrer „kunstseidenen Doris“– längst Ikone eigensinniger, selbstbewusster Frauen – belegt das schlagend in Wort und Bild. Ein Muss für Keun-Fans, eine Offenbarung für Berlin-Interessierte.

„Ich machte mir einen Traum und fuhr in einem Taxi eine hundertstundenlange Stunde hintereinander immerzu – und allein und durch lange Berliner Straßen.“ So die prekär lebende Doris. Vom Prekariat der damaligen Taxifahrer erzählt der russische Intellektuelle Alexander Kareno in seinem 1929 erschienenen, nun wiederentdeckten Buch. Er erzählt fantasievoll von seiner Fracht aus Ober-, Halb- und Unterwelt, renommiert damit, keine Bolschewiki mitzunehmen. Man erfährt viel Atmosphärisches über das nächtliche Berlin. Über den höchst schillernden Autor informiert ein kundiges Nachwort, auch wenn es bei Leonhard Frank Vor- und Nachnamen vertauscht.

Zu Frank gibt es übrigens eine sehr lesenswerte Biografie, die den lebemännischen Gefühlssozialisten mit unstetem Frauenverhältnis, Inklination zu den Reformhopsern des Monte Verità und Bestsellerautor in den Zwanzigern zu Kriegsschicksalen und Arbeitslosigkeit sowie 1914 schon mit einem Roman über eine jugendliche Räuberbande vorstellt.

Noch ein Blick auf Berlin, ein zeitgenössischer aus dem Beginn der Nazi-Ära, 1935, als das Ausland noch rätselte, wie lange der Spuk wohl dauern werde. Der Franzose Pierre Mac Orlan war eine intellektuell wendige Figur, von der zum Beispiel Walter Benjamin fasziniert war. Orlan war es von Deutschland. Sein aus aktuellem Pressematerial zusammengestellter Band kontrastiert, raffiniert kommentiert, jeweils zwei Fotos. Darin begegnen sich in unschlagbarer Evidenz Glamour und Spießigkeit, Sachlichkeit und Pomp, Biederes und Bösartiges. Geradezu Emblem dessen: ein naziuniformierter Hohenzollernprinz, der für Bedürftige sammelt. Aberwitzig und abgründig.

Und nun ins Hier und Heute: „Und jede Regel ist nur so schön wie seine Übertretung.“ Was dieser Satz des Herausgebers hinsichtlich der Grammatik schwerlich beweisen kann, gilt durchaus für die diversen Essensvorschriften der diversen Religionen. Cum grano salis auch für die lebensweltlichen Usualitäten der Ernährung, sofern diese pandemisch sich geändert haben. Jeder sein eigener Caterer, Rezeptblocker und -blogger. Kultursoziologische Versuche, Essen zu fassen: Beginnen wir mit Jürgen Dollase, der seine Ganzundgarküche für die FAZ betreibt. Hier unternimmt er, den anrüchigen Massengeschmack mit dem Elitismus der Glitzersterne zu versöhnen. Möge es gelingen! Gelungen jedenfalls ist der Beitrag, wie überhaupt die Komposition des Ganzen. Sei es die Kontrastierung von Foodporn mit einer Spurensuche zum Hunger oder ein Trip durch Foodtrends im Kontrast zu Essen in Corona-Zeiten. Natürlich fehlt nicht die Reflexion moralisierten Essens – und am Ende geht es um die literarisierte Wurst in einem ansehnlichen Aufschnitt aus Kafka bis Walser, Nietzsche bis Thomas Bernhard. Nerven- und Geistesnahrung!

Info

Vom vielstaatlichen Reich zum föderativen Bundesstaat. Eine andere deutsche Geschichte Dieter Langewiesche Kröner 2020, 118 S., 19,90 €

Das kunstseidene Berlin. Irmgard Keuns literarische Schauplätze Michael Bienert vbb 2020, 200 S., 25 €

Auto halt! Aufzeichnungen eines Berliner Chauffeurs Alexander Kareno Die Andere Bibliothek 2021, 308 S., 44 €

Rebell im Maßanzug. Leonhard Frank Katharina Rudolph Aufbau 2020, 496 S., 28 €

Berlin (1935) Pierre Mac Orlan, Wolfgang Asholt (Hrsg.) B&S Siebenhaar 2020, 85 S., 20 €

Kursbuch 204: Essen fassen Peter Felixberger (Hg., Autor); Armin Nassehi (Autor) Hamburg 2020, 190 S., 19 €

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