Ein anderes Selbstbild

Rand Das 35. Internationale Frauenfilmfestival erhellt vergessene Nischen
Vivien Kristin Buchhorn | Ausgabe 18/2018

Da ist eine Fensterfront gespickt mit gerafften Polyestergardinen, die wie schwere Augenlider auf den Architekturen der 60er Jahre liegen, die Straßen in den Geschmack vergangener Zeit hüllend. Der Reihe nach versammeln sich dazu die Leuchtreklamebuchstaben der Erdgeschossläden, in den Wohngebieten ist die Stadt ruhig, die Touristen tummeln sich an den für sie vorgesehenen Ansichtskartenmotiven: sichtbare Orte und Bilder, die einem in Köln begegnen.

Immer häufiger bahnt sich auch Unsichtbares durch mediale Formen in die öffentliche Wahrnehmung. Oft wird dabei weniger im mehrstimmigen Streitgespräch entworfen als durch das Regiment der schnellen Meinung und einer Abwägung des persönlichen Wohls. Was setzen Kulturräume dieser Entwicklung entgegen?

Der Fokus des Internationalen Frauenfilmfestivals ist nicht ausschließlich einem Geschlecht zugeordnet. Es ist ein Raum, der Multiperspektivität fördern will und auf marginalisierte Gewerke der Filmindustrie aufmerksam macht, auf Themen weist, die von gesellschaftlichen Entwicklungen an den Rand gedrängt sind.

Nicht immer finden die ausgewählten Filme in den Sektionen neben dieser inhaltlichen Linie eine mutige formale Sprache für solche Ambition. Aber als kuratorisches Mosaik, das sich klassischer Festivallogik entzieht, liegt die Qualität des IFFF in zeitlich heterogenen Programmen und sektionsübergreifenden Verbindungen. Eindrücklich zeigt sich das an der Entscheidung des 35. IFFF, das eigene Land zu thematisieren. Mit dem Fokus „Über Deutschland“ wird nach anderen Länderschwerpunkten der vergangenen Jahre der Blick aufs Eigene geworfen. Als Antwort auf nationalistische Tendenzen wird ein Selbstbild des Landes auch durch die Sicht von Reisenden oder in Deutschland lebenden Einwanderinnen gestaltet: Spiegelungen an historischen Wendepunkten, die gegenwärtige Debatten mit verblassten Zuständen konfrontieren.

Die amerikanische Künstlerin Shelly Silver besucht 1992 die gerade wiedervereinte Bundesrepublik und skizziert in Former East/Former West durch Straßeninterviews den Wandel von einer physischen zur psychologischen Spaltung der Menschen. Silver stellt prägnante, unerwartete Fragen: Was ist Demokratie? Was bedeutet Heimat und was Freiheit? Sie agiert dabei nie ausstellend, wofür die Straßenreportage im Unterhaltungsfernsehen bekannt ist, sondern gestattet einen Dialog, der spürbar macht, welches Bedürfnis zur eigenen Meinungsäußerung besteht. Vorurteile gegenüber „Fremden“ offenbaren sich.

Durch die gemeinsame Projektion mit Angelika Nguyens Bruderland ist abgebrannt (1992), die dem Alltag vietnamesischer Einwanderer nachgeht, wird der Aktualität von Rassismen nachgespürt. Diese Vergangenheitsschichten reichen in Aggregat (2018) bis in die Gegenwart. Marie Wilke dokumentiert im Heute quasi Antworten auf die Fragen von Silver und Nguyen in Bildern praktischer Begegnungen: Bürgersprechstunden, Besucherführungen im Bundestag oder Demonstrationen.

Mutmaßungen über die Zukunft ziehen sich durch die Filmgespräche bis in den Wettbewerb: Benzine (2017) von Sarra Abidi formuliert eine unbekannte Position im Reden über Flucht. In einer einfachen, wunderbar unfertigen Ästhetik interessieren hier die Gefühle derer, die bleiben: Stimmen, die nie zu uns dringen und „Familie“ von politischer Stigmatisierung befreien. Wichtig sind solche Angebote, die hinter die Gardinen des aktuell verengten Diskurses schauen, auch deshalb, damit nicht wie in der herausragenden experimentellen Arbeit Passing Drama (1999) von Angela Melitopoulos in kindlicher Verwunderung über die Schrecken der Geschehnisse konstatiert wird: „Geschichte klingt oft wie ein Märchen.“

Der Aufenthalt in Köln wurde von dem Festival unterstützt

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06:00 10.05.2018

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