Liebe und Fußball

Kino Aleksandre Koberidzes „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?“ ist ein verträumtes Porträt der georgischen Stadt Kutaissi

Zunächst zeigt die Einstellung nur eine rote Brücke, über die an einem trüben Tag vereinzelt Menschen spazieren. Ein breiter Fluss fließt unter ihren Füßen entlang. Die Szenerie hat nichts Malerisches, doch um sie geht es auch gar nicht. Schon im nächsten Moment konzentriert sich die Kamera auf einen Hund, der geduldig auf etwas zu warten scheint. Vardy, so erklärt die Stimme aus dem Off, sei ein großer Fan der englischen Fußballnationalmannschaft und mit seinem ebenfalls tierischen Freund Mertskhala verabredet. Doch weil der ihn offensichtlich versetzt hat, macht er sich allein zu einer nahe gelegenen Bierbar auf. Eigentlich wollten sie gemeinsam das Eröffnungsspiel der fiktiven Weltmeisterschaft sehen, die in diesem Sommer eine ganze georgische Stadt bewegt.

Erzählerische Ausflüge wie dieser sind für Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen? typisch. Regisseur und Drehbuchautor Alexandre Koberidze hat ein Liebesdrama gedreht, das die Frischverliebten im Zentrum immer wieder aus den Augen verliert und sich stattdessen dem widmet, was den Filmemacher ganz persönlich bewegt: die Magie des Fußballs, die Orte, an denen er in der georgischen Stadt Kutaissi geschaut wird, und die Straßenhunde, die sich zum Public Viewing verabreden, um dem Geschehen beizuwohnen. Bisweilen kommentiert Koberidze, wie in der beschriebenen Szene, das Geschehen sogar selbst, flicht einordnende Zitate oder eigene Überlegungen ein.

Das Ergebnis ist ein denkbar mäandernder Film, der durch seine unkonventionelle Erzählweise Raum für viele Ideen schafft, letztlich aber an seiner epischen Breite scheitert. Mehr noch: Die georgisch-deutsche Produktion wirft mit einer Spielzeit von zweieinhalb Stunden unbeabsichtigt die Frage auf, welches Maß an Selbstreferenz ein fiktionales Werk braucht, um sich authentisch und dringlich anzufühlen, weil sich eine reale menschliche Erfahrung erkennen lässt. Und wann eine von persönlichen Leidenschaften getriebene Fiktion zu einer Selbstbespiegelung wird, die für den Zuschauer unzugänglich und damit irrelevant wird.

Zusammenstoß mit Folgen

Koberidzes Film bewirkt streckenweise beides: Mal gelingt es ihm, den magischen Realismus, der sich durch den Plot zieht, greifbar zu machen und den Betrachtern eine wohltuend eigenwillige Perspektive auf die Welt und alles, was sich darin abspielt, zu eröffnen. Das ist besonders bei der Prämisse des Liebesfilms der Fall, die herrlich aus dem Zeitgeist gefallen wirkt: Lisa (Ani Karseladze) und Giorgi (Giorgi Botschorischwili) stoßen auf der Straße zufällig zusammen. Die Kamera ist dabei stur auf ihre Füße gerichtet, es ist lediglich zu sehen, wie Lisas Buch zu Boden fällt, wie Giorgi es aufhebt, beide sich umdrehen und doch wieder kehrtmachen, sodass sich das Ganze noch einmal abspielt.

Beide verbringen einen verträumten Nachmittag. Er als Fußballspieler auf dem Platz, sie als Medizinstudentin in der Apotheke. Als sie sich am Abend zufällig wieder begegnen, besteht kein Zweifel mehr daran, dass sie sich ineinander verliebt haben. Als sie sich für den nächsten Tag verabreden, filmt sie Kameramann Faras Fescharaki in einer Supertotalen, die vor allem den Sternenhimmel zeigt. Die Verliebten sind darin so klein, dass man sie nahezu nicht mehr erkennen kann, sie beinahe selbst wie Leuchtpunkte am Firmament wirken.

Die Einstellung passt zur Grundhaltung des Films, der das Kleine stets mit dem großen Ganzen in Verbindung bringen möchte – es aber gerade deswegen immer wieder aus dem Blick verliert. Nachdem Lisa auf dem Nachhauseweg von einem Setzling gewarnt wird, dass sie vom „bösen Blick“ beobachtet wurde, die Überwachungskamera ergänzt, dass sie verflucht wurde, und die alte Regenrinne hinzufügt, dass sie morgen wie ein gänzlich anderer Mensch aussehen wird, der Wind ihr aber leider nicht mehr mitteilen konnte, dass Georgi das gleiche Schicksal ereilt, werden auch die beiden Hauptfiguren nach und nach von den großen Zusammenhängen, die Koberidze herzustellen versucht, in den Hintergrund gedrängt.

Ab diesem Punkt rückt er immer wieder die fußballbewegte Atmosphäre der Stadt, in der sie zu Hause sind, in den Fokus. Manches Mal findet der insgesamt sehr poetisch erzählte Film dafür Bilder und Klänge, die unabhängig vom Sujet zugänglich sind. Dann wird aus einer Straßenlampe ein Flutlicht in einem Stadion, das darin widerhallende Freudengeheul zum Rauschen am Ufer des Rioni. Doch des Öfteren ist Koberidzes Liebeserklärung an Sport und Heimat zu sehr von persönlichen Eindrücken geprägt. Dann präsentiert sie sich verschlüsselt, beispielsweise in Form von schier endlosen, in Zeitlupe ablaufenden Aufnahmen spielender Kinder, untermalt mit Gianna Nanninis Notti magiche.

Um atmosphärischen Erkundungen wie diesen nachhaltig etwas abgewinnen zu können, ist die Fähigkeit, die leidenschaftlichen Emotionen des Fußballs nachzuempfinden, sicherlich hilfreich. Ganz zu schweigen von der Bereitschaft, es auf sich zu nehmen, dass der eigentliche Plot angesichts dieses ziellosen Driftens bis zur späten Ankunft eines Filmteams, durch das die verwandelten Verliebten doch noch aufeinander aufmerksam werden, im Grunde nicht vorangetrieben wird. Bringt man sie mit, ist man am Ende womöglich um den ein oder anderen liebevollen Blick auf die Welt reicher.

Info

Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen? Aleksandre Koberidze Georgien/Deutschland 2021, 150 Minuten

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