Einsame Spitze

Inseln Drei Meilen vor der irischen Küste liegen die Blasket Islands, seit über 60 Jahren menschenleer. Doch die Bewohner haben ein Vermächtnis hinterlassen
Anja Steinbuch, Michael Marek | Ausgabe 20/2017

Dingle Bay an der irischen Westküste: Die Sarah Ellie, eine Mischung aus Fischerboot und Ausflugsdampfer, ist gerade im Hafen gestartet. Paul Flannery steht im Ruderhaus. Der 52-jährige rundliche Skipper zupft an seiner blauen Schiffermütze und nimmt Kurs aufs offene Meer.

In der Ferne erscheint ein zerklüftetes, baumloses, aber grünes Eiland. Great Blasket, erklärt Flannery. Die wohl berühmteste Geisterinsel Irlands ist über fünf Kilometer lang, einen Kilometer breit und trägt einen knapp 300 Meter hoch aufragenden Buckel. Von den kleinen, weiß gestrichenen Häusern der Insel stieg einst Rauch auf. Doch das ist Geschichte: Heute lebt niemand mehr auf den insgesamt sieben Blasket Islands. Nur ein paar Häuser und verlassene Höfe auf der Hauptinsel stehen noch. „Bewohnt waren die Inseln bis 1953“, erzählt Flannery, „dann zogen die Menschen aufs Festland. Viele Schriftsteller und Künstler kommen von den Blaskets.“

Einer von ihnen war der Fischer, Bauer und Dichter Tomás O’Crohan (1856 – 1937). „Den Festlandbewohnern, die hinüber zur Insel schauen, erscheint die Insel winzig im Vergleich zu dem ungeheuer großen Meer. Die Inselbewohner hatten eine andere Perspektive: Sie blickten auf das Festland und hatten den größten Teil ihres Lebens das offene Meer in ihrem Rücken“, sagt der Bootsmann. „Das ist eine Sichtweise, die gleichzeitig Gefühle von Nähe und Trennung hervorruft.“

Der Dichter O’Crohan ahnte seinerzeit wohl, dass die kleine Gemeinschaft keine Zukunft mehr haben würde: Vor über 60 Jahren haben die letzten Bewohner die Great Blasket verlassen. Nur fünf Kilometer vom Festland entfernt, lebten sie bis dahin in einer anderen Welt: unter einfachsten Bedingungen, ohne Strom und ohne fließend Wasser, auf einem Flecken Erde, auf dem es keine Läden und keine Handwerker gab, immer wieder von Stürmen gebeutelt und mitunter vom Hungertod bedroht.

Heinrich Böll war ein Fan

„Pure hardship“ – schlichte Not – nennt das Flannery: „Die Menschen waren total abgeschnitten. Wenn sie einen Arzt oder einen Priester brauchten, mussten sie mühsam an Land rudern und kilometerweit in die nächste Stadt laufen.“ Noch 1915 lebten etwa 180 Menschen „in“ den Blaskets, wie man es hier in dieser Gegend sagt. Sie pflegten ihre Sprache und ihre Geschichten: von tollkühnen Meeresfahrten und Jagden, von Festen mit Spiel und Trunk, von Jubel und Trauer, von knurrenden Mägen, wenn der Fischfang missglückte, von Saus und Braus, wenn der Wind unverhofft das begehrte Gut eines verlorenen Schiffes anspülte. Sie sprachen ein reines Alt-Irisch, das von den Briten verboten war. Und sie konnten so gut von all dem erzählen, dass Gelehrte vom Festland kamen und sie anspornten, ihre Geschichte aufzuschreiben, und zwar genau so, wie sie sie auch mündlich zu erzählen pflegten.

Zu den berühmtesten Werken der Blasket-Bewohner zählt Die Boote fahren nicht mehr aus von Tomás O’Crohan. Der 1929 erschienene Roman gilt als bedeutendes Werk der irischen Literatur und wurde in mehrere Sprachen übersetzt, auch ins Deutsche – von keinen Geringeren als dem Ehepaar Annemarie und Heinrich Böll. Der deutsche Literaturnobelpreisträger hatte sich ganz in der Nähe ein Ferienhaus zugelegt, lebte und arbeitete hier.

Dáithí de Mórdha ist Wissenschaftler am „Ionad an Bhlascaoid Mhóir“, auf Englisch „Blasket Centre“ genannt. Es befindet sich auf dem Festland, im Örtchen Dunquin, das gerade einmal 160 Einwohner zählt. Der schlanke Enddreißiger ist überzeugt, dass die früheren Bewohner der verlassenen Blaskets die irische Kultur wesentlich beeinflusst haben. „Wir sind kein Museum, in dem alles hinter Glasscheiben versteckt ist. Wir fragen: Was kann man in unserer globalisierten Welt von den Blaskets lernen? Und da würde ich sagen: Es schadet nicht, auf eigenen Beinen zu stehen.“

Am kurvenreichen Slea Head Drive, der sich in Sichtweite der verlassenen Inseln zwischen Dingle und Dunquin an der Küste entlangschlängelt, haben Historiker, Anthropologen und Archäologen wie Dáithí de Mórdha der Inselgruppe und ihren Bewohnern mit dem Blasket Centre ein Denkmal gesetzt. Das ebenerdige, durch große Fensterfronten lichtdurchflutete Museum liegt mitten im Grünen. Weiter unten Richtung Meer ist der Anleger, an dem die Inselbewohner einst festmachten, wenn sie mit ihren Jollen und Ruderbooten von Great Blasket rübersetzten. Im Foyer des Gebäudes hängt ein riesiges Glasbild, das die Welt der Insulaner abbilden soll: blau wie die See, grün wie die Hügel auf denen die Kühe weideten, braun wie der Torf, mit dem die Insulaner heizten, gold wie der Sandstrand, rosa wie die blühende Heide.

Der Weg in die interaktive Ausstellung führt über einen verglasten Korridor, der stets den Blick auf die Inseln freigibt. Der Boden ist uneben, wellig wie die Überfahrt zu den Inseln. Links und rechts zweigen Räume ab, in denen Alltagsgegenstände ausgestellt sind: Boote, Werkzeuge, Teekessel, alte Fotografien. Historische Tonaufnahmen erklingen aus den Lautsprechern: Stimmen mit den Erzählungen der Inseldichter, wie Tomás O’Crohan einer war.

Niemand weiß, wann sich die ersten Menschen auf Great Blasket niedergelassen haben. Vielleicht waren es steinzeitliche Bauern, die ihre Schafe auf das Eiland zum Grasen getrieben und sich dann nach und nach selbst auf der Insel niedergelassen hatten. Ob schon in der Steinzeit oder erst später, im 18. Jahrhundert: Die Menschen auf der Insel lebten fast ausschließlich vom Fischfang und der Schafzucht. Der Boden taugte allenfalls für den Anbau von Steckrüben, Hafer und später Kartoffeln. Seehunde wurden gejagt, die Eier von brütenden Möwen, Papageientauchern, Kormoranen und Lummen gesammelt.

Die Letzten gingen 1953

Armut und Entbehrungen gab es überall und immer wieder in Irland. Doch es war die Isolation, die die Bewohner der Blaskets zu so fleißigen und originellen Geschichtenerzählern machte. Die Intensität, die atmosphärische Dichte ihrer Texte sei einzigartig, sagt auch Dáithí de Mórdha: „Es waren Sprachwissenschaftler und Anthropologen, die die Blaskets eines Tages als Forschungsgegenstand entdeckten.“ Sie wollten die irische Sprache als identitätsstiftendes nationales Kulturgut für künftige Generationen aufzeichnen und bewahren. Die damals noch verbliebenen Insulaner waren zunächst wenig erfreut, sogar feindselig gegenüber den Besuchern. Sonst waren immer nur Steuereintreiber der verhassten englischen Landherren herübergekommen, um den Pachtzins zu kassieren.

Die Abgeschiedenheit der Blaskets sorgte dafür, dass sich alte Traditionen dort länger hielten als anderswo in Irland. Hier wurde das schönste Gälisch in ganz Irland gesprochen, schwärmt de Mórdha: „Sie hatten diesen Reichtum – in ihrer Sprache, in ihren Geschichten, ihren Liedern, Legenden und Märchen. Doch viele konnten weder lesen noch schreiben, weil Irisch und Gälisch im britischen Bildungssystem verboten waren. Also brachten sie sich selber bei, wieder Irisch zu schreiben. Und so entstanden Werke, die zu Klassikern der irischen Literatur wurden.“

Als im 20. Jahrhundert der Fortschritt auf dem Festland Einzug hielt, als Telefon und Radio, Krankenhäuser und Autos für immer mehr Menschen zur Selbstverständlichkeit wurden, schien in Great Blasket die Zeit stehen geblieben zu sein: Bis zu dem Tag, an dem die letzten Bewohner das Eiland verließen, gab es dort nur Petroleumlampen und Kerzen, Wärme kam vom Torffeuer im Kamin. In den 1940er Jahren bekamen die Bewohner immerhin eine Telegrafie-Anbindung mit Handkurbel, damit im Notfall Telegramme zum Festland geschickt werden konnten. So wie 1947, in dem Jahr, als das letzte Kind der Insel zur Welt kam. Ein verzweifelter Hilferuf ist aus jener Zeit dokumentiert: „Vom Sturm abgeschnitten – in Not – nichts mehr zu essen – schickt Lebensmittel – Blaskets.“

Die letzten 21 Bewohner verließen am 17. November 1953 die grünen Felsbrocken im Atlantik. Sie gingen mehr oder minder unfreiwillig. Die Behörden hatten die Blaskets räumen lassen – wegen der unmenschlichen Lebensbedingungen, wie es offiziell hieß. Die Insulaner nahmen alles mit, Möbel, Hausrat, Werkzeuge, sogar Türen. Nur ihre Häuser ließen sie zurück – und ihre Kultur. Viele zog es in die Vereinigten Staaten. Das 2.000 Seemeilen entfernte Nordamerika lag ihnen näher als das irische Festland. Ihre Nachkommen ließen sich in Springfield im US-Bundesstaat Massachusetts, nieder. Dem dichtenden Bauern Tomás O’Crohan wurde dort ein Denkmal gesetzt. Ein zweites steht heute im Garten des Blasket Centres in Dunquin: Der Wind scheint O’Crohan fast wegzuwehen, in der einen Hand hält er einen breitkrempigen Hut. In der anderen: ein Buch. „Über manches, das wir taten, habe ich ausführlich berichtet, denn es war mein Wunsch, unserem Leben ein Denkmal zu setzen, damit unser Gedächtnis uns überlebe, denn Menschen wie uns gibt es nicht mehr, wird es nicht mehr geben“, schrieb er einmal.

Es ist dieses Gefühl der Zeitlosigkeit, das vermutlich jeden ergreift, der Great Blasket besucht. Was Menschen dort vor 100 Jahren sahen, sieht heute noch genauso aus. Es ist eine Insel, an der nicht nur die industrielle Revolution spurlos vorbeiging, sondern auch alle heißen und kalten Kriege und der kulturelle Wandel. Heute ist Great Blasket als Urlaubsziel sehr beliebt. Man kann in den restaurierten Häusern der früheren Bewohner übernachten. Ohne Strom und Internetverbindung.

06:00 21.06.2017

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