Ersatzverkehr

A–Z Wegen einer Panne muss die Bahn eine wichtige Strecke sperren. Was passiert, wenn das, was man begehrt, nicht zu haben ist? Antworten in unserem Wochenlexikon

A

Aggression Warum rennen Katzen Aufziehmäusen hinterher oder springen die gefiederten Spielangeln an? Sie leben so ihren Jagdtrieb aus. Ersatzhandlung und Aggressionsverschiebung kennt man auch beim Menschen. Weil es eine wirkliche oder gefühlte Blockade gibt, wird ein Begehren auf ein anderes Objekt projiziert beziehungsweise in eine andere Handlung transformiert. Daumenlutschen bei Kleinkindern mag man als Tick durchgehen lassen. Wenn Frustration zu aggressivem Verhalten führt, wird es gefährlich. Aktuell kann man das an der Verschärfung der politischen Situation und der Zunahme von Gewalt beobachten. Von der Komplexität der Welt überforderte Menschen (Zufall) treten nach unten, suchen ihr Feindbild bei den Schwächsten: Menschen am Rand der Gesellschaft, Geflüchteten. Auch wenn man es psychologisch erklären kann, zum politischen Argument wird eine Ersatzhandlung niemals. Tobias Prüwer

Ausrede „Das hat mir nichts bedeutet, das war nur Sex“: Diese beliebte Seitensprungausrede wird von einer anderen noch getoppt. „Das war gar kein Sex“, heißt es dann (Simulation). Das bisschen Fummeln und Knutschen. Seit wann zählen Zungenküsse im Intimbereich zu sexuellen Handlungen, ist Streicheln bis zum Orgasmus denn gleich Fremdgehen? Sex wird auf den engen Begriff Geschlechtsverkehr reduziert und schon klappt das mit dem Fremdgehen trotz Beziehung.

Der Mensch macht vieles, um mit ruhigem Gewissen einen eigentlich nicht zulässigen Akt zu begehen. Die Flunkerei funktioniert nicht nur gegenüber weltlichen Partnern. Auch gegenüber göttlichen Instanzen lässt sich durch Selbstbetrug das Schuldbewusstsein besänftigen. In mehreren Religionen ist der voreheliche Sex verboten. Um die Jungfräulichkeit zu wahren, aber die Freuden der zwischenmenschlichen Leiblichkeit dennoch genießen zu können, praktizieren zum Beispiel evangelikale Christen und Muslime Analverkehr. Das gilt dann einfach nicht als Sex. Exakte Zahlen darüber gibt es der Natur der Sache nach nicht. Und mit den jeweils heiligen Schriften ist das auch nicht in Einklang zu bringen. Koran wie Bibel lehnen strenger Auslegung folgend den Coitus a Tergo als sündhaft ab, auch mit Trauschein. Aber vielleicht bedeutet das auch gar nichts. Tobias Prüwer

B

Briefe J. M. Coetzee verkehrt ungern mit Journalisten. Es existieren nur ein paar wenige Interviews, die meisten hat der Nobelpreisträger seinem Biografen, dem Literaturwissenschaftler David Attwell, gegeben. Ersatz versprachen sich seine Fans deshalb von der Veröffentlichung eines Briefwechsels, den der gebürtige Südafrikaner und Wahlaustralier drei Jahre lang mit seinem US-amerikanischen Kollegen Paul Auster führte. Coetzee trug Auster 2008 die Brieffreundschaft an, damit sie sich „gegenseitig zu Geistesblitzen inspirieren“ mögen. Beide Schriftsteller eint, dass sie den Stift und die Schreibmaschine der Tastatur vorziehen. Man erfährt aus diesem Briefverkehr beileibe nicht alles, was man schon immer über J. M. Coetzee wissen wollte, aber nicht fragen konnte (Freud). Ein wenig Gossip und kleine Indiskretionen (über Philip Roth und Charlton Heston) sind die Ausnahme. Ihre größte Sünde, lernen wir, ist ihr Sportkonsum. Christine Käppeler

C

Cybersex Früher griffen räumlich getrennte Paare zum guten alten – je nach Entfernung durchaus kostspieligen – Telefonsex, um libidinöse Durststrecken zu überbrücken. Heutzutage steht den sehnsüchtigen Gespielen ein komplexes Potpourri aus Dirty Talk, Nacktfotos, Video-Chats auf verschiedenen Medienkanälen zur Verfügung: virtuelle Erfüllungsgehilfen. In Zeiten von Online-Dating und globalisierter Liebe kann man per Smartphone oder Laptop mit einer anderen, völlig fremden Person oder dem jüngsten Urlaubsabenteuer zusammen sexuell stimulierende Szenen aufschreiben (Briefe). Je nach sprachlichem Können und ungebändigter Fantasie auf beiden Seiten mag das verdammt erotisch sein. Keine große Herausforderung an verbale Virtuosität hingegen stellt das mutual masturbating vor der jeweils eigenen Webcam dar, mündet aber am Ende im besten Fall im gleichen Ergebnis: rechtschaffener Erschöpfung. Bei C6 mit Fremden rate ich allerdings, das Gesicht zu verbergen. Elke Allenstein

F

Freud In der Berggasse 9, in Wien – da ist das Sigmund-Freud-Museum. Wunderbar düsteres Interieur, Relikte des 19. Jahrhunderts, so wie es Walter Benjamin gefallen hätte, um ein Bild der vergangenen Epoche zu zeichnen: das Wartezimmer, die Klientencouch, in der Vitrine verkleinerte Nachbildungen antiker Statuen, männliche Genitale, als Votivgabe aus Ton (Statussymbol). So wie ich mir das Unbewusste vorstelle: dunkle Räume. Freud dachte über libidinöse Energien nach, die sich in etwas „sozial Nützliches“ umwandeln ließen: Sublimierung nannte er das. In den dunklen Räumen des Unbewussten wird die Libido in Kreativität transformiert. Lars Hartmann

H

Höhe Es klingt wie eine Bagatelle, aber der Streit um die Bahnsteighöhe könnte in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt laut MDR bald zu vielen Baumaßnahmen führen. Betroffen ist die Mehrheit der circa 1.600 oft neuen Bahnsteige. Schienenersatzverkehr droht, weil die Bahn plötzlich mit anderen Normen operiert. Die Länder hatten sich im Sinne der Barrierefreiheit mit der Deutschen Bahn auf eine Standardhöhe von 55 Zentimetern geeinigt und diese auch umgesetzt. Nun sollen sie auf einen neuen bundesweiten Standard gebracht und auf 76 Zentimeter für neue Fernzüge angehoben werden. Zwischen Nah- und Fernverkehr klafft also bald wirklich eine Lücke (Aggression). Die Umbaukosten werden auf mehr als eine Milliarde Euro geschätzt. Tobias Prüwer

L

Lokführer „Lokführer will ich am liebsten sein“? Reinhard Lakomys Kinderlied wollen heute nicht mehr viele junge Menschen singen. Immer weniger haben wohl Lust, „kreuz und quer auf dem Schienenband“ zu „reisen durchs ganze Land“. Bundesweit fehlen laut Lokführergewerkschaft GDL 1.000 Triebfahrzeugführer und das seit Jahren. Trotz der Verbesserung in der Bezahlung infolge hartnäckiger Streiks – im Monat rund 2.600 Euro brutto – hat der Beruf offensichtlich ein Imageproblem.

Die Deutsche Bahn hat eine Kampagne entwickelt, um das Berufsbild aufzupolieren (Personalprobleme). Sie wirbt zudem gezielt an Schulen. Selbst wenn man die Lage langfristig ändern könnte, reicht das nicht, denn der Bedarf ist akut. Einige private Bahnanbieter bilden daher Quereinsteiger in kürzeren Kursen aus – sie tragen allerdings eine Mitschuld am Lokführermangel. Zu lange haben sie auf den Staatskonzern als Ausbilder vertraut und dann Personal abgeworben. Tobias Prüwer

P

Personalprobleme Zeit ist Geld. So weit, so bekannt. Glaubt man allerdings den Angestellten der Deutschen Bahn, dann ist Zeit einfach Zeit und Geld einfach Geld. Sie verzichten ab 2018 freiwillig auf eine Gehaltserhöhung, im Ausgleich dafür wollen sie mehr freie Tage. Sechs zusätzliche Urlaubstage oder 2,6 Prozent mehr Gehalt? Die Wahlmöglichkeit hatten die Gewerkschaften ausgehandelt.

Das erweitert die Problem-Liste der Deutschen Bahn, auf der schon zu hohe Preise, wütende Kunden und abgesackte Gleise stehen, um eine weitere Baustelle: Personalprobleme. Denn mehr Freizeit für das Personal bedeutet weniger davon im Dienst (Lokführer). Es kann also sein, dass man ab 2018 mit der ganzen großen Menge Geld, das man aus Entschädigungsgründen von der Bahn bekommen hat, weil man sich ewig im Schienenersatzverkehr herumdrückte, im Speisewagen ankommt und dort eine herbe Enttäuschung erlebt. Weil die Leute, die eigentlich dort arbeiten, verdienterweise einen Tag frei haben. Oder Züge nicht fahren. Da bliebe also alles beim Alten. Anne Höhn

S

Simulatoren Cockpit, Lokomotive oder der Fahrersitz von Truck und Bus üben eine ganz besondere Faszination aus. Die Anziehungskraft des Hinter-die-Kulissen-Blickens ist einfach enorm. Vielleicht sind es die vielen Knöpfe, die schier unglaubliche Komplexität, die dahinter vermutet wird, vielleicht ist es aber auch das Gefühl der Macht, Herrscher über eben diese Technik zu sein, das dieses Verlangen nach dem Platz in der Schaltzentrale auslöst. Jedem kann geholfen werden, dessen Sehnsucht groß ist, denn da sind ja noch die Simulatoren. Früher, in der halbdigitalisierten Welt, war das die Elektroeisenbahn. Doch das wahre Maximum an Realismus findet man heute – voll digital – in Gestalt von Zug-, Flug- und sonstigen Simulatoren (Cybersex).

Die Idee dahinter ist einfach, die Umsetzung vermutlich kompliziert. Als Pilot respektive Lokführer hat man, wie im echten Leben, alle möglichen Knöpfe zu drücken, Hebel zu verschieben und Funksprüche abzusetzen. Die Fangemeinde ist beachtlich – zumindest wenn man nach der Anzahl an Youtube-Videos geht, die simulierte Flüge von Leipzig nach Hannover oder Zugfahrten von Berlin nach Wittenberg zeigen. Mitunter hat das eine gewisse Komik, aber wen das wirklich kein bisschen fasziniert, der werfe den ersten Stein. Und doch gibt es Simulatoren, die wirklich seltsam anmuten. Angel-Simulatoren gehören definitiv zu diesen Grenzfällen. Aber vielleicht sind sie ein guter Ausgleich für überarbeitete Piloten und Lokführer. Benjamin Knödler

Statussymbol Mein Richter! Mein Koons! Mein Warhol! Was früher Villen, Yachten oder hochmotorige Karossen waren, sind heute Künstler: Die Kunst ist zum Statussymbol geworden – ist Geldanlage und Spekulationsobjekt bei Auktionen. Der Hammer fällt zu immer fantastischeren Preisen. Das Schöne für den Käufer ist aber auch: Die Kunst adelt ihren Besitzer, verschafft Distinktionsgewinn, verleiht Bedeutung, Dignität. Und so weiter. Der Klassiker: Politiker, die sich vor oft ziemlich schrillen, gerne auch kapitalismuskritischen Werken moderner Kunst ablichten lassen. Auch sie wissen: Das ist Kunst. Das ist irgendwie gut für das Image (Ausrede).

Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich hat die ganze Tragik um die zeitgenössische Kunst einmal so zusammengefasst: Sie ist, „egal wie kritisch oder unelitär sie der Intention nach sein mag, letztlich immer die Sache einer Elite. Einer Elite, die Geld hat und gesellschaftlich arriviert ist. Sie dient als Accessoire für diejenigen, die auf der Erfolgsseite des Lebens stehen. Eben weil es sich oft um Unikate handelt – und damit um etwas, was tendenziell knapp ist.“ Und daraus folgt leider: Mit Kunst lässt sich keine Revolution machen. Marc Peschke

Z

Zufall Eine geglückte Nazi-Blockade. Zum 30. Todestag von Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß vor zwei Wochen wollten Nazis durch Berlin-Spandau laufen. 250 Nazis verpassten die Demo wegen Brandanschlägen auf Bahn-Signalanlagen. Der ganze Zugverkehr Richtung Hamburg und Hannover war eingeschränkt. Die trotzdem erfolgreich Angereisten, immerhin 500, kamen nur 150 Meter weit, dann wurden auch sie von Gegendemonstranten aufgehalten. Die währenddessen in Brandenburg Festsitzenden meldeten ersatzweise eine Spontandemo in Falkensee an. Ungeklärt bleibt: Wer steckt hinter den Brandanschlägen? Und war intendiert, dass so 250 Nazis nicht anreisen konnten? Johanna Montanari

06:00 23.09.2017

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