Et voilà: ein Homme de Lettres

Essays Friedhelm Kemp war Übersetzer und Literat, wie er im (französischen) Buch steht

Wer die französische Literatur liebt, ohne sie doch in der Originalsprache lesen zu können, ist dem Autor dieses Bekenntnisses oft begegnet: Friedhelm Kemp hat Baudelaire und Cocteau, Valéry und Jouhandeau, Simone Weil und Charles Péguy (um nur wenige zu nennen) ins Deutsche übersetzt. Kaum einer hat mehr in den Jahrzehnten nach Kriegsende für unsere Kenntnis der französischen Literatur und damit für die Versöhnung beider Kulturen getan als er. Deutlich erinnere ich mich, welch eine Offenbarung für uns junge Leser seine Prosaübertragung der Fleurs du Mal war, gerade durch ihren Verzicht, Reim und metrische Form nachzubilden. Die rhythmische Prosa erschien ihm flexibler, nuancierter, musikalisch reicher als die Versübertragung mit ihrem „Silbenzwang und ihrer Reimnot“; in unseren Augen bekräftigte sie die Modernität des französischen Dichters.

Kemp starb 2011, sein Name als großer Übersetzer ist bis heute vertraut geblieben, welch bedeutende Rolle als Essayist und Kritiker er aber zugleich spielte, ist so ziemlich in Vergessenheit geraten. Die beiden Bände, die Joachim Kalka zusammengestellt hat, umfassen nach seiner Schätzung nur ein Viertel des weit verstreuten Bestands: den kennt er besser als jeder andere und sein so sorgfältig dokumentierendes Nachwort profitiert aufs Beste davon. Wir begegnen darin einem Homme de Lettres, wie er im (französischen) Buche steht. Gab es eigentlich Irgendetwas in der Dichtung, das diesen von Neugier, Entdeckerfreude und Beherztheit getriebenen Geist nicht angelockt hätte? Da taucht aus dem frühen 16. Jahrhundert Weisskunig auf, das Buch vom „weisen König“, in dem sich Kaiser Maximilian I. selber porträtierte. Oder ein Jahrhundert später die Lieder der Catharina von Greiffenberg am „Thronaltar des Glaubens“. Die verschlungenen Wege von Kemps Abenteuerreisen über die Gebirgszüge und durch die Niederlande der Literatur sind hell beleuchtet von den Sternen, die von seinem literarischen Himmel herunterstrahlen: Goethe, Lichtenberg, Jean Paul, Däubler, Borchardt, Celan. Oder auf der anderen Seite des Rheins: Baudelaire, Valéry, Mallarmé, Gide, Jouhandeau, Paulhan. Viele kannte er persönlich, besuchte sie, korrespondierte mit ihnen. Die meisten dieser Texte sind Rezensionen, andere entfalten sich zu dichten Autorenporträts. Essays im genaueren Verständnis hat der Herausgeber für den krönenden Schluss aufgehoben. Kemps Plädoyer für das Lesen, seine Gedanken über das Vergnügen des Übersetzens oder Die Bibliothek des Autors gehören zum Schönsten und Anregendsten, das er geschrieben, und seine Betrachtungen über das Sammeln führen nun ganz ins eigene Revier. Ein unermüdlicher Sammler war auch er, ob als Übersetzer, Herausgeber oder Leser: von Büchern, von denen wir hoffen dürfen, dass sie uns immer wieder etwas Neues sagen, dass sie geeignet sind, ihnen immer Neues abzufragen.

Voller Hingabe

Seine Kritiken und Essays erfüllen diese Hoffnung auf eigene Weise. Man muss sich einstellen auf ihre manchmal unzeitgemäßen Ideen, manchmal prachtvollen Perspektiven und auf einen Begriff von Dichtung, der von sehr weit her zu kommen scheint, voller Liebe, Hingabe, ja Ehrfurcht. Oder von ihm auch einmal in ein frappierend unpoetisches Bild gefasst: „Was für ein sinnreiches, wunderbar funktionierendes Gerät ist doch das Buch! Nicht zu groß, nicht zu klein, gut gedruckt, anständig gebunden, ohne überflüssige Beigaben, unscheinbar, handlich, nicht kostbar, nicht schäbig – solch ein Buch ist vielleicht die vollkommenste Maschine, die der Mensch erfunden hat; seit Jahrhunderten ihm zuhanden, in allem Wesentlichen kaum noch zu verbessern, seiner leichten Reproduzierbarkeit wegen fast allgegenwärtig, dauernder als Erz.“

Info

Gesellige Einsamkeit. Ausgewählte Essays zur Literatur Friedhelm Kemp, Joachim Kalka (Hg.), Wallstein 2017, 2 Bde., 864 S., 39,90 €

06:00 14.06.2017

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