Feiertage

A–Z Warum zum Teufel ist Heiligabend kein Feiertag? Egal. In Irland lassen sie dafür Joyce hochleben, in Hallstatt ihren Schweinsbraten. Wir können da nur lernen

A

Auszeit Ich trotte durch mein Leben, öder Alltag. Es läuft, es funktioniert, aber ist es das, wofür es sich zu leben lohnt? Nein, schreibt der Philosoph Robert Pfaller. Es braucht den Genuss der Unvernunft. Immerzu vernünftig sind nur Maschinen, menschlich sind die, die Freude an den Dummheiten haben, tanzen, trinken, vögeln, sich verlieben, rauchen.

Wichtig ist Pfaller das Rauchen. Seine Liebe scheint groß und er hat eine ausgeprägte Abneigung gegen die Lustfeindlichkeit derer, die ihm das Rauchen verbieten wollen. Laut Pfaller kann ich nur das genießen, was ich mit anderen teile, was mit gesellschaftlichen Bildern von Schönheit, Würde und Eleganz zu tun hat. Genuss ist bei Pfaller an sich politisch ( Republik) und ein Weg raus aus der Effizienz-Maschine. Der Philosoph Slavoj Žižek spricht dagegen von einem neoliberalen Imperativ des Genießens. Hier bedeutet Genießen Konsumieren. Ein falsches Versprechen. Nur Widerstand macht wirklich glücklich. Johanna Montanari

C

Cultural Appropriation Der War on Christmas ist ein Lieblingsthema der christlichen Rechten von den USA bis Deutschland: Statt „Frohe Weihnachten“ wünsche man sich nur noch ein „Frohes Fest“, den Weihnachtsbaum verstümmele man zum holiday tree – alles aus „politischer Korrektheit“, aus Selbstverleugnung „unserer“ christlichen Wurzeln vor der drohenden Islamisierung! Man sollte meinen, dieselben Leute würden es begrüßen, wenn auch Muslime Weihnachten feiern. Ebendas zeigte ein Werbespot der britischen Supermarktkette Tesco: eine augenscheinlich muslimische Familie bei den Vorbereitungen für Heiligabend. Das Ergebnis: Ein Sturm der Entrüstung folgte. Das sehe „ihre Kultur“ nicht vor! Die britische Psychologin Nilufar Ahmed entgegnete: Sie als Muslimin feiere „X-mas“ wie die meisten anderen Briten auch: als Fest der Familie und des Konsums. Pepe Egger

F

Fernsehen ist oldschool, klar. Vielleicht sind es die Erinnerungen an vergangene Tage, die beim Röhrenglotzen so behaglich stimmen. Wäre da nicht die vorhersehbare Programmplanung. Da klavier-klingelt Drei Haselnüsse für Aschenbrödel an den Weinachtstagen auf allen öffentlich-rechtlichen Kanälen. Auch Der kleine Lord ist mit von der Partie. Und jährlich schnattert die Weihnachtsgans Auguste.

Kann da nicht mal einer den Riegel vorschieben? Könnte, aber der Staat verbietet lieber andere Programme. An sogenannten stillen Feiertagen wie Karfreitag dürfen mehr als 700 Filme nicht gesendet werden, weil sie religiöse Gefühle stören könnten. Diese sind so empfindliche Kreaturen (Cultural Appropriation), dass sie sich beispielsweise an Heidi und Max und Moritz stören. Horror wie Freddy Kruegers A Nightmare on Elm Street und Religionskritik à la Das Leben des Brian gehen gleich gar nicht. Aber warum harmlose Cartoonfilme mit Alpenambiente oder die Filme von Louis de Funès verstörend sein sollen? Zum Glück gibt’s DVD-Konserven und das Netz. Es hat auch Vorteile, nicht im Gestern zu leben. Tobias Prüwer

H

Heiligabend Als Heidin bin ich mäßig bibelfest. Was genau wird gefeiert? Mit Weihnachten ist es einfach. Sogar eine waschechte Ungetaufte kennt den Grund fürs Feiern. Aber warum ist der Heilige Abend ( Auszeit) selbst kein Feiertag? Beginnt Weihnachten nicht mit der Christvesper? Stattdessen schenkt uns der Stephanstag am 26. Dezember einen weiteren freien Tag. Jedenfalls denjenigen, die an Feiertagen nicht arbeiten müssen. Da Heiligabend kein gesetzlicher Feiertag ist, bedeutet für viele Kinder der Heilige Abend: Warten auf Mutti oder Vati. Vor allem dann, wenn diese an den Parfümeriekassen dieses Landes Last-Minute-Geschenke-Gutscheine an verzweifelte Käufer ausgeben müssen. Marlen Hobrack

J

James Joyce Bloomsday ist der einzige Feiertag weltweit, der einem Roman gewidmet ist, Ulysses von James Joyce. Fans pilgern am 16. Juni an jene realen Orte Dublins, wo an einem einzigen Tag, am 16. Juni 1904, die fiktive Figur Leopold Bloom, seine Frau Molly und der junge Lehrer Stephen Dedalus etwas taten oder erlebten. Joyce soll an diesem Tag seine erste erotische Erfahrung mit Gattin Nora gehabt haben. 1954 initiierten der irische Dichter Patrick Kavanagh und Freunde die erste Tour (Nachholen). Sie feierten, dass der weltweit lange als „obszön und nichtwürdig“ verbotene Ulysses in der heutigen Fassung erscheinen konnte. Helena Neumann

K

Kritik Feiern, immer wichtig. Eine kleine Auszeit für die Arbeitstierchen des Kapitalismus. In einer aufgeklärten Demokratie würde man diese freien Tage nutzen. Für eine Besinnung auf die eigenen Werte. Deutschland, was feierst du? Den 27. Februar der Mannheimer Volksversammlung, die 1848 Menschenrechte und Pressefreiheit forderte? Die Kieler Matrosen, die sich 1918 nicht mehr von einer niederträchtigen Aristokratie in den Tod schicken lassen wollten? Feierst du Memmingen, wo Bauern 1525 erstmals in Europa Freiheitsrechte formulierten? Och nö. Feiertage? Erzählen uns, wie kleinen Kindern, Märchen aus der Antike: Bibelzeug. Ein großer unsichtbarer Zauberer habe die Welt geschaffen, um sie eines Tages, krawumms, wieder zu zerteppern. Verehren sollen wir den. Wir feiern, jahraus, jahrein: männlich geprägte Infantilität. Weihrauch und Lebkuchen obendruff. In einem Land, in dem die Atheisten längst in der Mehrheit sind. Klaus Ungerer

L

Liachtbratlmontag Irgendwas mit Licht und Schweinsbraten an einem Montag. Mehr wusste ich nicht, als ich in meiner neuen Schule in Hallstatt ankam. Ein Ort, wo im Winter die Sonnenstrahlen nur zwei Stunden (Zappenduster)täglich ins Tal treffen. Da ist es notwendig, die Bewohner bei Laune zu halten und längst vergessene Feiertage zu zelebrieren. Brauchtum, Bier und Bratl. Es herrschte der Ausnahmezustand an diesem ersten Montag nach Michaeli (29. September).

Der Ursprung liegt in der Zeit, als noch im Kerzenschein gearbeitet wurde. Im Sommer waren Gesellen und Lehrlinge dazu angewiesen, auf den Schein der Petroleumlampe zu verzichten. Die Sonnenstrahlen sollten reichen. Als Dank für das ersparte Geld spendierte der Meister im Herbst einen Schweinsbraten und das passende Gesöff. Und frei bekamen die Lehrlinge und Gesellen ebenfalls. So auch heute. Aber nur in diesem einen Tal. Laut UNESCO ein immaterielles Weltkulturerbe. Vera Deleja-Hotko

M

Muslime Mit diversen Phantomdebatten über den Islam kennen wir uns ja mittlerweile aus. War es nur Thomas de Maizières Idee? Oder haben Muslime selbst einen Feiertag gefordert? Egal, diskutiert wird trotzdem wochenlang. Und jedes Mal nutzen die üblichen Verdächtigen dies als Vorlage, ob es nun um einen muslimischen Feiertag geht oder um das Kopftuch. Wie wäre es, wenn wir statt eines muslimischen Feiertags einen Gedenktag einrichteten? Zum Gedenken an Zeit und Nerven, die uns Berufsmuslime, Möchtegern-Feministinnen, Talkshow-Dauergäste (Fernsehen) und – nicht zu vergessen – unsere tollen Islamexperten Jahr für Jahr geraubt haben? Mit einer feierlichen Kranzniederlegung am Grab der toten Debatten. Eren Güvercin

N

Nachholen Haben Sie schon durchgezählt? Für Angestellte mit einer klassischen Fünf-Tage-Woche ist 2018 ein nahezu perfektes Jahr. Kein einziger bundesweiter Feiertag (mit Ausnahme, naturgemäß, von Oster- und Pfingstsonntag) fällt auf ein Wochenende. Grämen müssen sich nur die Bayern, Baden-Württemberger und Sachsen-Anhalter, deren Exklusivfeiertag Heilige Drei Könige direkt ein Sonntag ist. Finster wird es 2021: Der Tag der Arbeit ist an einem Samstag, der Tag der Deutschen Einheit an einem Sonntag, die beiden Weihnachtsfeiertage fallen auf ein Wochenende und als heimtückisches PS geht der 1. Januar 2022 in einem Samstag auf. Drei Jahre ist jetzt aber noch Zeit, um auf ein Modell umzuschwenken, das Länder wie Belgien, Irland, Großbritannien und Griechenland schon lange praktizieren: Fällt ein Feiertag auf ein Wochenende, wird er am Montag nachgeholt. Christine Käppeler

Neunter August In der Riege kurioser Feiertage gibt es natürlich auch einen für die Kunst. Am 9. August wird er gefeiert, der „Internationale Ehrentag der Kunst“ – oder auch „International Art Appreciation Day“. Wer den Tag erfunden hat, ist nicht bekannt, auch nicht, warum dieser am gleichen Tag wie der „National Rice Pudding Day“ gefeiert wird. Überhaupt ist der 9. August ein Tag für viele. Denn zu diesem Datum feiern auch die Buchliebhaber ihren „National Book Lovers Day“. Die meisten, die Kunst lieben, lieben natürlich auch Bücher, doch wie viele davon sind auch begeisterte Milchreis-Aficionados? Das sind Fragen, die uns am 9. August beschäftigen werden. Wie man diesen Tag begeht, das sei jedem selbst überlassen. Ein Ausstellungsbesuch, ein gutes Buch, dazu ein Schüsselchen sämiger Milchreis. So in etwa. Marc Peschke

R

Republik Ganze 16 Mal im Jahr gebietet Argentinien seinen Bürgern das Feiern. Jean-Jacques Rousseau würde sich freuen: Die Mischung aus religiösen und säkularen Feiertagen ist fein abgestimmt. Neben den Klassikern wie Weihnachten und Tag der Arbeit gibt es auch einen Tag für die Gefallenen des Falklandkriegs – Verzeihung: Malwinen!

Und natürlich wird der wichtigsten Daten ( Kritik) der Unabhängigkeit (25. Mai und 9. Juli) gedacht, sowie der Todesdaten der Nationalhelden José de San Martín, Martín Miguel de Güemes und Manuel Belgrano – beziehungsweise deren „Übertritt in die Unsterblichkeit“. Da Manuel Belgrano auch die argentinische Flagge entworfen hat, wird sein Tag, der 20. Juni, auch als „Día de la Bandera“, Tag der Flagge, begangen.Doch damit nicht genug: Die Flagge bekam in der Stadt Rosario sogar ein Monument. Samt 70 Meter hohem Turm, Säulengang, Statuen, Feuerschale und allem Drum und Dran. Wer könnte sich dieses Pathos erwehren? Viva la República! Leander F. Badura

Z

Zappenduster Einmal ( Heiligabend) wurde ich aus dem Krankenhaus geworfen. Personalmangel. Ins Taxi konnte ich kaum kriechen. „Lassen Sie die anderen für sich springen“ – gute Empfehlung, wenn es keine „anderen“ gibt. Alles dunkel am Lichterfest. Der Kachelofen im vierten Stock: eiskalt. Die Gasheizung in der Küche: kein knallendes Anspringen. Vorräte im Kühlschrank: niente. Bewegungsfähigkeit: eingeschränkt. Krankheitsgefühl: ausgeprägt. Temperaturen: unter null. Schöne Bescherung.

„Ihr Kinderlein, kommet“, dachte ich hoffnungsvoll. Es kamen Freunde, sie beschenkten mich mit Briketts aus meinem Keller. Stullen und Kekse gab’s von der Nachbarin, und eine Flasche Wodka. Ich beschenkte die Kinder – mit Taschengeld und großem Lob und Dank. Kinder helfen gern, wenn man sie bittet. Es wurde warm und wieder hell. Magda Geisler

06:00 25.12.2017

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