Feindesliebe

Gottesliebe Community-Mitglied und Theologe ChristianBerlin stellt fest: Ob Hiob, Elia oder Jeremia – bei denen, die er liebt und die ihn kennenlernen sollen, geht Gott aufs Ganze

Was ist so schön an der Liebe zu Gott? Für den Kirchenvater Augustin hatte sie mit Glückshormonen zu tun, die einen bei der Liebe selbst durchfluten. Sie war für ihn wahres Ziel des Glücksstrebens und Steigerung dessen, was er mit seiner Konkubine erleben durfte, bevor er sich bekehrte.

Auch Kirchenväter können irren – vor allem, wenn sie so auf das Happy End ihrer Geschichte mit Gott verkürzt werden. Wer die schonungs­lose Autobiografie dieses am Ende glücklich Verliebten liest, weiß, dass es zwischen ihm und Gott nicht immer harmonisch zuging. Der Name Gottes war dem Kirchenlehrer bis ins junge Erwachsenenalter hinein ein Greul, vor allem, weil ihm seine Mutter damit beständig in den Ohren lag – als Begründung dafür, dass alles verboten ist, was Spaß macht. Gladiatorenkämpfe zum Beispiel. Anders als bei heutigen Killerspielen floss da richtiges Blut. Solche Spiele faszinierten schon damals die Menschen und ihn genauso. Absolut deprimierend war dagegen sein Beziehungsabbruch mit der Konkubine, die seine Mutter wegschickte, als sie nach Rom kam und in seinem Leben aufräumte. Gott, die Spaßbremse, war sein schlimmster Feind.

Liebe zu Gott ist Feindesliebe

Feindesliebe ist ein christliches Oxymoron, das die schwierigste Art von Liebe bezeichnet, aber auch ihre lohnendste. Wer diese Kurve kriegt, hat gewonnen. Dass Gottesliebe Feindesliebe sein muss, wussten schon die Autoren der Schicksalsdramen der Antike. Deshalb wird hervorragenden Individuen mit glänzenden Tugenden und Perspektiven alles zunichte gemacht, was sie haben oder sind. Bei Gott ist das nicht anders: Ob Hiob, Elia oder Jeremia, bei denen, die er liebt und die ihn kennenlernen sollen, geht Gott aufs Ganze, bis ihnen nichts mehr bleibt als ihr Glaube und selbst der am Nullpunkt ist.

Das Christentum hat mit der frohen Botschaft vom Kreuzestod dieses Paradox auf die Spitze getrieben und zugleich verharmlost, weil nun jeder sein Happy End zu kennen glaubt. Doch der Weg dahin kann vom Schrecken gezeichnet sein. Das Trostwort des Jahres, dass wir niemals tiefer fallen könnten als in Gottes Hand, hat denselben Doppelsinn wie die Sicherheit in Abrahams Schoß oder die christliche Weihnachtsidylle mit Engeln und Hirten. Dass die letzteren beim Anblick der himmlischen Boten keine Weihnachtsfreude, sondern Furcht überkam, belächelt man normalerweise als unbegründet. Aber was, wenn sie zu Hause Kinder unter 2 Jahren hatten? Von Anfang an zieht Gottes Freudenbotschaft eine Blutspur hinter sich her, zunächst zu ihrer Unterdrückung, dann zu ihrer (angeblichen) Verbreitung.

Wenn man die Realität nicht beschönigt, ist Liebe zu Gott verdammt schwer. Mit der Selbst- und Nächstenliebe ist das nicht anders. Auch die sind nur eine Spielart von Feindesliebe, wenn wir uns ohne Beschönigung betrachten. Niemand soll meinen, er könne Gott lieben, den keiner sieht, wenn er seinen Feind nicht lieben kann, den er täglich vor Augen hat – leibhaftig, in Gedanken oder im Spiegel. Liebe zu Gott ist Feindesliebe. Wer diese geistliche Übung bei Gott bewältigt, schafft sie auch bei den Menschen und umgekehrt – was Glückshormone ohne Ende bedeutet.

Christian Johnsen ist evangelischer Theologe und freier Journalist, er bloggt auf Freitag.de als ChristianBerlin

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