Fenster der Sehnsucht

USA Ein Hilfsprojekt verschickt Bilder an Gefangene, die Jahre in Isolationshaft verbringen müssen
Fenster der Sehnsucht
Roberto bat um ein Porträt von sich vor blauem Himmel – um das Foto seiner Familie schicken zu können

Foto: Laurie Jo Reynolds, Courtesy: Photo Requests from Solitary

Toilette, Waschbecken, Tisch, Stuhl, Matratze, 24 Stunden am Tag mit minimalem menschlichen Kontakt, mit den Schreien und dem Lärm von psychisch kranken Mithäftlingen, schlagenden Türen, Befehlen, den Schritten der Wärter auf dem Gang – all das bedeutet Isolationshaft in den Vereinigten Staaten. Zehntausende Gefangene leben in einer Welt aus Beton und Stahl, meist ohne Blick nach draußen. Der Lebensraum ist in etwa so groß wie der Stellplatz für einen Personenkraftwagen. Reformversuche in ein paar Bundesstaaten machen Hoffnung.

Die landläufige Meinung: Gefangene in Isolationshaft müssen die besonders gefährlichen sein. Viele Briefe von diesen Inhaftierten an das Menschenrechtsprojekt Photo Requests from Solitary (deutsch: „Bitten um Fotos aus der Einzelhaft“) zeichnen ein komplexeres Bild. Die Weggesperrten schreiben an die Initiative, was sie gern sehen möchten in ihrer Trostlosigkeit. Sie wünschen sich Bilder der Hoffnung, der Sehnsucht, etwas Schönes. Freiwillige bemühen sich seit Jahren, diese Wünsche zu erfüllen. Ein Inhaftierter aus Pennsylvania schrieb, er wünsche sich ein Foto „von der natürlichen Welt ohne Menschen, von einer Welt ohne Verschmutzung, ohne Beton, Stahl, Hass, Bitterkeit, Apathie und Gleichgültigkeit“.

Barfuß auf Gras

Ein Mann namens Roberto schrieb, er hätte gern ein Foto von sich selbst, doch mit einem anderen Hintergrund als dem auf seinem amtlichen Gefängnisfoto, mit einem blauen Himmel vielleicht. Er habe nämlich kein Bild von sich, das er Angehörigen schicken könne. Ein Inhaftierter aus dem Pine-Grove-Gefängnis in Pennsylvania wünschte sich ein Foto von einem männlichen Löwen mit vier Löwenjungen. Er habe vier Kinder.

Das seit mehr als zehn Jahren laufende Projekt sei auch politisch gemeint, sagt Mitarbeiterin Laurie Jo Reynolds. Die Fotos würden im ganzen Land auf Ausstellungen zu Veranstaltungen gegen Isolationshaft gezeigt. Als vor Jahren Amnesty International die Haftbedingungen im US-Bundesgefängnis ADX Florence in Colorado untersucht hat, wurde im anschließenden Bericht beklagt, welche verheerenden physischen und psychischen Auswirkungen es auf Menschen habe, wenn sie pro Tag zwischen 22 und 24 Stunden ohne Kontakt zur Außenwelt eingesperrt seien. Dies habe im Hochsicherheitsgefängnis ADX Florence dazu geführt, dass sich einige Gefangene selbst verletzt oder das Leben genommen hätten.

Manche Häftlinge wünschen sich ein Stück Alltag, das sie nicht haben – Keith wollte einen Tisch voll Fast Food (siehe weiter unten)

Foto: Laurie Jo Reynolds, Courtesy: Photo Requests from Solitary

Der Wunsch nach einem Bild zeigt das Menschsein der Weggesperrten. „Hallo, ich schreibe, weil ich von Ihrem Fotoprogramm gehört habe“, steht auf gelbem Papier mit dem Stempel des „Pelican Bay State Prison“, eines Gefängnisses in Kalifornien. „Ich lebe seit 17 Jahren unter isolierenden Bedingungen.“ Die Vorfahren des Gefangenen seien aus Donegal in Irland eingewandert. „Ich hatte einmal einen Traum von Donegal, in dem ich barfuß auf Gras gegangen bin. Ich konnte die kühlen Halme zwischen meinen Zehen spüren. Beim Aufwachen in meiner fensterlosen Zelle habe ich einen tiefen Verlust gefühlt.“

Dan aus New York bittet um eine Aufnahme von einer schwarzen Frau in lederner schwarzer Hose vor einem puderblauen Mercedes-Benz. Manche Inhaftierte sehnen sich nach Bildern aus ihrer Kindheit und Jugend, wie dem Haus einer Tante an der 63. Straße zwischen 14 und 16 Uhr am Nachmittag. Ein Briefeschreiber möchte ein Bild von „der Jungfrau Maria, die ihren Sohn Jesus Christus in den Armen hält, und der hält die Welt in seiner Hand“. Manche Motive reflektieren das Leiden in Einzelhaft. „Ich möchte einen 62-jährigen Mann sehen, mit grau meliertem Bart, der auf das Fenster seiner Zelle schaut, und das Leben zieht vorbei.“ Er sei in der Vollzugsanstalt Pine Grove seit 25 Jahren in Einzelhaft. Manche Wünsche reflektieren das Verlangen nach Freiheit, wenn es heißt: „Ich möchte ein Bild sehen, auf dem „Polizisten und Politiker von Normalbürgern festgenommen werden.“ Der Antragsteller bekam eine Bildmontage in die Anstalt Fayette State Correctional Institution in Pennsylvania geschickt, auf der eine junge Frau einen Polizisten durchsucht.

Verlässliche Daten über die Männer und Frauen in Isolationshaft gibt es nicht. Es seien wohl an die 80.000, schätzen Menschenrechtler im Verband Solitary Watch. Zu den psychischen Schäden durch Isolierung und Hoffnungslosigkeit liegen mehr als genug wissenschaftliche Studien vor. Man kann durchaus von Folter sprechen. Bei Zivilklagen von Inhaftierten werden die Zustände in den Isolationstrakten und eine fehlende medizinische Betreuung angeprangert. Jeder Bundesstaat und der nationale Justizvollzug betreiben Isolationstrakte, die für angeblich besonders schwere Fälle vorgesehen sind. In nahezu jedem Gefängnis droht Inhaftierten Isolation, wenn sie gegen Regeln verstoßen oder Schließer nicht „respektieren“: Die Entscheidung liegt im Ermessen des jeweiligen Strafvollzugs.

Die Pandemie hat noch mehr Gefangene isoliert. In einer Abteilung des San-Quentin-Gefängnisses in Kalifornien würden „Gefangene 23 Stunden am Tag in ihre Zellen gesperrt“, schrieb Juan Moreno Haines, Redakteur der Gefängniszeitung San Quentin News. 700 Männer dürfen jeden zweiten Tag 90 Minuten aus der Zelle, „um sich in nach Hautfarbe getrennten Gemeinschaftsduschen zu waschen“, auf den Hof zu gehen oder an einem der zwölf Telefone jemanden anzurufen. In einem Washingtoner Gefängnis für Untersuchungshäftlinge und Insassen mit eher kurzen Strafen durften die 1.500 Männer monatelang nur eine Stunde am Tag ihre Zelle verlassen.

Foto: Laurie Jo Reynolds, Courtesy: Photo Requests from Solitary

Laurie Jo Reynolds hat anscheinend etwas Hoffnung. Der extreme Trend zum Strafen und nicht zur Rehabilitierung im Justizvollzug gehe in den vergangenen Jahren zurück. Einen maßgeblichen Grund sieht Reynolds in einer viele US-Amerikaner schockierenden Untersuchung des Instituts Pew Research Center von 2008, wonach einer von 100 erwachsenen US-Bürgern in Haft ist. Mehrere Bundesstaaten haben die Isolationszeit etwas begrenzt. Der Staat New York beschloss Anfang April ein für US-Verhältnisse weitreichendes Gesetz, das eine derartige Einzelhaft auf maximal 15 Tage beschränkt.

In der US-Gesellschaft stehen sich das Verlangen nach Menschlichkeit und der Wunsch nach harter Strafe gegenüber. Der wegen des gewaltsamen Todes von George Floyd schuldig gesprochene Ex-Polizist Derek Chauvin ist nun 23 Stunden am Tag in einer Zelle in einem Hochsicherheitsgefängnis in Minnesota, angeblich zu seiner Sicherheit. In den Zellen dieses Traktes sei nicht mehr als eine Bank mit einer Matratze, eine Toilette, ein Ausguss und eine „winzige Dusche“, schrieb die New York Times.

Strikte Einzelhaft in den USA geht zurück auf das 19. Jahrhundert. Damals vertraten manche christliche Denker die Idee, man könne Häftlinge zur Umkehr bringen, wenn man sie mit der Bibel und sonst nichts einsperre. Der britische Schriftsteller Charles Dickens besuchte 1842 das damalige „Mustergefängnis“ für Einzelhaft in Philadelphia. Das System sei „grausam und falsch“, befand er. Und die Fotos der Gefangenen heute? In vielen Anstalten dürfen Gefangene keine Bilder aufhängen oder an die Wand kleben. Sie müssen daher irgendwie unauffällig aufbewahrt werden.

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06:00 12.05.2021

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