Fette Reime

Umfrage Wie alltagstauglich sind die Sprüche des Reformators nach 500 Jahren noch? Prominente kommentieren Luther-Zitate
der Freitag | Ausgabe 43/2016 1
Fette Reime
Martin Luther (1483 – 1546), gemalt von Lucas Cranach dem Älteren

Fotos: Norbert Neetz/EPD/DPA (Luther), imago (6), Getty Images

Gerhart Baum

Rechtsanwalt und ehemaliger Bundesinnenminister, FDP

„Das Studium des Rechts ist schmutzig und gewinnsüchtig, denn sein letzter Zweck ist Geld; man studiert die Rechte nicht zur Ergötzung und um der Kenntnis der Dinge willen“

Baum: Was hat der für eine Lebenserfahrung gemacht, der Mann? Er hat offenbar mit schlechten Juristen Umgang gehabt. Denn natürlich will ein Jurist Geld verdienen, und manche verdienen es auch auf etwas anrüchige Weise. Ich habe nicht unbedingt zur Ergötzung studiert. Das Studium war für mich nicht so wichtig. Aber dann, die Juristerei an sich, der Umgang mit dem Recht, mit den Menschen und Konfliktsituationen – dass man seine Kenntnisse einsetzen konnte, um Menschen zu helfen, zu ihrem Recht zu verhelfen –, das ist eine Sache gewesen, die das Leben bereichert hat. Also dieser Spruch von Luther zählt überhaupt nicht. Und Luther ist aus meiner Sicht mit großer Vorsicht zu genießen. Luther hat Eigenschaften und Einfluss gehabt auf eine Weise, die unser Land nicht positiv geprägt hat. Luther hat den Deutschen, ganz hart formuliert, nicht unbedingt gutgetan.

Uwe Steimle

Kabarettist, Schauspieler und Autor

„Gott will, dass wir fröhlich seien, und hasst alle Traurigkeit“

Steimle: Dazu fällt mir ein, zu diesem wunderbaren Spruch – und wenn ihn Luther gesagt hat, muss er ja wunderbar sein –, der ebenfalls in Wittenberg lebende Friedrich Schorlemmer. Für mich wäre er der neue Bundespräsident, das würde ich mir wünschen. Der hat zu diesem Satz gesagt, und das finde ich wunderbar: „Das Lachen ist die letzte Waffe der Hoffnung.“ Und deswegen ist Fröhlichkeit so wichtig gegen den Teufel.

Sahra Wagenknecht

Fraktionsvorsitzende der Linkspartei

„Wie groß auch die Macht ist, so wird sie doch nicht herrschen, sondern die Weisheit“

Wagenknecht: Luther zeigt sich damit natürlich als unverbesserlicher Idealist. Ich würde mir tatsächlich wünschen, dass die Weisheit immer regiert. Aber genau deshalb haben wir eigentlich Demokratie und brauchen mehr Demokratie. Weil, wenn nicht tatsächlich demokratisch gewährleistet ist, dass die Menschen auch ihre Interessen einbringen – und das ist dann eben auch das, was man politisch unter Weisheit verstehen sollte –, dann regieren Wirtschaftslobbys, dann werden Entscheidungen über die Köpfe der Menschen hinweg gefällt. Und dann ist es leider um den großen Anspruch, dass Politik Weisheit verkörpert, sehr schlecht bestellt.

Margot Käßmann

Pfarrerin, Theologin und Botschafterin der evangelischen Kirche für das Reformationsjubiläum 2017

„Es ist die größte Torheit, mit vielen Worten nichts sagen“

Käßmann: Offen gestanden finde ich, dass Martin Luther damit sehr, sehr recht hat. Wir erleben das doch oft, dass Menschen reden und reden und reden. Und am Ende fragst du dich, was hat er eigentlich überhaupt gesagt? Es ist eine Torheit, weil es einerseits die eigene Zeit verschwendet, aber auch die Zeit von Menschen, die dem zuhören müssen. Ich finde, es ist die größte Kunst und auch die höchste Anstrengung, mit wenigen Worten viel zu sagen. Für mich persönlich ist es oft so, dass kurze Texte, nehmen wir einen Radiobeitrag für 1:30 Minuten oder eine Predigt im Fernsehen, die nicht länger als acht Minuten sein darf, für mich viel mehr Arbeit sind, als wenn ich 60 Minuten Zeit habe. Die Zeit dann zu vergeuden und am Ende nichts zu sagen, da stimme ich Martin Luther zu, das ist echt eine Torheit.

Bürger Lars Dietrich

Musiker, Moderator und Entertainer

„Warum furzet und rülpsetihr nicht? Hat es euch nicht geschmecket?“

Dietrich: Meine Verwandtschaft, die wohnte zum größten Teil in Wittenberg. Dadurch, dass ich sie öfter besucht habe, war Luther schon immer in meiner Kindheit ein Thema. Und wenn meine Oma gesagt hat: „Warum rülpset und furzet ihr nicht, hat es euch nicht geschmecket?“, dann habe ich mich kaputtgelacht, weil Rülpsen, Furzen, also alles, was Kinder lustig finden, ist in die-sem Spruch vereint. Also, die fand ich immer cool, die Verse. Und vielleicht hat mich das auch unbewusst zum Hip-Hop gebracht, zum Rap. So würde ich fast schon sagen, dass Martin Luther auch ein Vorreiter des Reimes gewesen ist, des fetten Reimes mit Sinn.

Claudia Roth

Vizepräsidentin des Bundestags, Bündnis 90/Die Grünen

„Gott schuf Frau und Mann; die Frau sich zu mehren, den Mann zu nähren und zu wehren“

Roth: Mir fällt natürlich zu die-sem Satz von Luther ziemlich viel ein. Mir fällt vor allem ein, wie lang diese Logik ein Kompass war, zu sagen: Kinder, Küche, Kirche für die Frauen. In seiner Zeit lag Luther natürlich weit vorn, weil er die Frau überhaupt als eigenständiges Wesen, als Subjekt auch von Verantwortung wahrgenommen hat. Aber er beschreibt dann die geschlechtsspezifische Trennung von Verantwortungen. Und das hat verdammt lang gehalten. Ich kenne einige politische Parteien, die dem immer noch 100 Prozent zustimmen würden. Sie sehen, der Feminismus des 20. Jahrhunderts hat viel erreicht, aber es braucht den Feminismus auch noch im 21. Jahrhundert. Um sagen zu können: Es gibt die gleiche Verantwortung, die gleiche Teilhabe für Frauen. Eben nicht nur im Himmel, sondern im Hier und Jetzt auch.

Daniel Kehlmann

Schriftsteller

„Der Mensch bleibt närrisch bis ins vierzigste Jahr; wenn erdann anfängt,seine Narrheit zuerkennen, so istdas Leben schon dahin“

Kehlmann: Dieser Spruch hat natürlich Luthers wunderbare scharfsichtige Gnadenlosigkeit. Er hat nicht mehr ganz recht, weil die Lebenserwartung ein bisschen länger geworden ist. Also ich bin ja jetzt 41, das betrifft mich ja sehr, dieser Spruch. Man hat eigentlich um das 40. Jahr herum ein klareres Bild davon, wer man selber ist. Mit den Stärken, mit den Schwächen, wie man dahin gekommen ist, wie man sich entwickelt hat. Man sucht nicht mehr. Das ist auch das Problem. Deswegen werden viele Leute auch ab 40 so unglaublich schrullig. Weil sie nicht mehr an sich arbeiten, sondern sich selber ihre Seltsamkeiten erlauben und zulassen. Das ist auch eine Gefahr. Ich hoffe, dass ich jetzt als Autor das erreicht habe, was man später mal das Stadium der Reife nennen wird. Also, wenn man später mal auf mein Werk zurückschauen wird, wird man vielleicht sagen, bis dahin hat er sich entwickelt. Und dann kommt leider das Stadium der Senilität und das Stadium der Schwäche und des Nachlassens. Also, ich glaube, der Spruch stimmt zur Hälfte und zur anderen Hälfte stimmt er hoffentlich nicht ganz. Dahin ist das Leben noch nicht.

Info

Luther aufs Maul geschaut heißt die Reihe von Deutschlandradio Kultur, der die Kommentare auf dieser Seite entnommen sind. Der Sender hat Prominente aus Kirche, Politik, Kultur und Gesellschaft gefragt, was ihnen die vielen von Martin Luther überlieferten Sprüche heute noch sagen – und was nicht. Die besten Statements sind von 31. Oktober bis 31. Dezember 2016 jeden Tag im Radioprogramm über UKW, DAB+ oder im Livestream zu hören. Mehr Informationen unter deutschlandradiokultur.de/luther

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06:00 31.10.2016
Geschrieben von

Ausgabe 39/2020

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