Finale

A–Z Am Sonntag wird sich wieder der Mythos des Endspiels zeigen. Dabei geht es nie nur um den Pokal, sondern im Prinzip um alles: um Geld, Drogen oder leere Autobahnen
Redaktion | Ausgabe 27/2016 1
Finale
Foto: VI-Images/Getty Images

A

Albiceleste Als die argentinische Fußballnationalmannschaft 1978 im Monumental in Buenos Aires, im River-Plate-Stadion, das Finale der Heim-WM gewann, erreichte auch die Junta um Jorge Rafael Videla ihr Ziel. Das seit 1976 herrschende Regime, das Tausende Menschen einsperrte, folterte und tötete (➝ Game of Thrones), hatte das Turnier extrem politisch instrumentalisiert. Bis heute halten sich Gerüchte um Bestechung und systematisches Doping.

Als die Albiceleste, die „Weiß-Himmelblaue“, von Trainer César Luis Menotti – ein bekennender Linker – die Niederlande 3:1 geschlagen hatte, donnerte der Jubel. Und zwar fast in Hörweite der ESMA, dem grausigsten Folterzentrums der Juntazeit. Die Gefangenen erlebten auch deshalb Demütigung und Qual, weil Wächter einige von ihnen inkognito unter die feiernden Landsleute mitnahmen – ohne dass die Häftlinge einen Mucks von sich geben durften. Benjamin Knödler

B

Beckett Es dürfte nicht allzu viele geben, die bei „Finale“ sofort an Samuel Beckett denken. Denn obwohl er mit dem Ende immer spielte, stellen seine Theaterstücke eine Feier des Unvollendeten und der unentschiedenen Grenzsituationen dar. In Endspiel harrt ein Quartett der letzten Menschen auf der Linie zwischen Leben und Tod aus (➝ Kleiner Tod). Nicht weniger sinnlos gedulden sich die zwei Protagonisten im Stück Warten auf Godot, das nie enthüllt, warum dessen Eintreffen so wichtig ist. Bei Das letzte Band hört sich ein erfolgloser Autor seine alten Audio-Memoiren an und muss erkennen, dass seine Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung nie erfüllt wurde. „Spät abends in der Zukunft“ verortet Beckett seinen Protagonisten: eine Zeitangabe wie gemacht für den in den 50ern aufwallenden Existenzialismus. Und erst recht für die später noch mehr alles in Frage stellenden Positionen des Poststrukturalismus und Postmodernismus. Finaler Sinn ist also nicht in Sicht oder Absicht. Aber man wird ja mal fragen dürfen. Tobias Prüwer

C

Countdown Das Herunterzählen war in Zeiten, als der Fortschritt noch etwas galt, bei Raketenstarts beliebt. Heute, da jedes Ereignis angezählt wird, damit es als Event (➝ Superbowl) durchgeht, wirkt es schal. Mit Vorliebe wird das seit einer Ewigkeit durch das Abspielen des Lieds The Final Countdown unterstrichen. Die Nervigkeit von Europes Kastraten-Abzählreim kommt besonders gut zur Geltung, wenn ein Autohaus den 1.000. Besucher feiert, der SV Frisch Auf Doberschütz-Mockrehna ein Pünktchen in der Nordsachsenliga feiert oder sich ein Junggesellinnenabschied abschießt.

Im Song geht’s übrigens um irgendeine Reise zur Venus, aber wen interessiert das, wenn der Refrain wiederum irgendwas mit Ende und Hinfiebern zu tun hat? Das Gleiche trifft auf die nicht minder triviale Trällerei Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei zu, wobei sogar dieses Stück ein Körnchen Wahrheit birgt. Der beliebten Abdankankündigung mehr oder weniger beliebter Bands folgt oft genug die Reunion. Der schlimmste Countdown – mit der Übersetzung „Nullzählung“ hat der Verein Deutsche Sprache hier unbeabsichtigt einmal Recht – betrifft wieder das Runde und das Eckige: Die dreisilbige Fußballbrüllerei „Fi-na-le“ meint nichts anderes als das Versprechen auf Tinnitus. Tobias Prüwer

E

Endgegner Wer sich mit Computerspielen beschäftigt, kennt sie, die überlebensgroßen Kontrahenten, die am Ende eines Gangs lauern. Dramaturgisch oft aufwendig inszeniert (Beckett), scheinen Endgegner stets im Vorteil: mehr Kraft, Energie und Geschwindigkeit. Der bekannteste Vertreter der „Bosse“, wie eine andere Bezeichnung lautet, ist wohl Super Marios Erzfeind Bowser, eine Mischung aus Schildkröte und Drache. Meist bewachen Bosse den Durchgang zum nächsten Level, einen Schatz oder eine Prinzessin. So unüberwindbar viele wirken mögen, mit Geduld lässt sich doch eine Schwachstelle finden. Die Endgegner der Spielreihe Dark Souls etwa sind dermaßen überlegen, dass man mehrere Anläufe braucht, nur um im folgenden Level dann den nächsten zu bezwingen. Wie war das mit Sisyphos? Wir müssen ihn uns als glücklichen Gamer vorstellen. Joseph Möller

G

Game of Thrones Wer der Fantasy-Serie bisher ferngeblieben ist, kann das Versäumte jetzt in Ruhe nachholen. Das Finale der sechsten Staffel schloss vergangene Woche mit einem großen Knall (➝ Täuschung), das aufregende Programm pausiert wohl bis April 2017. Wer anfängt, sollte sich allerdings nie zu sehr an ein Gesicht gewöhnen: Etwa 500 Filmtode namentlich bekannter Haupt- und Nebencharaktere verzeichnet die Serie bis dato. Das sind so viele wie in Titanic und Rambo zusammen – und dabei wird es nicht bleiben. Konstantin Nowotny

I

Internationale Das „Ende der Geschichte“ ist keine rein neoliberale Idee. Auch Teile der Arbeiterbewegung glaubten oder glauben an eine Stufenentwicklung. Diese beginne mit der Urgesellschaft, führe über Sklaverei und Kapitalismus – und finde letztlich im Kommunismus ihre historische Vollendung. Stets muss die neue Stufe von der zuvor unterdrückten Klasse erkämpft werden. Das große Finale wird beispielsweise im Refrain (➝ Countdown) des bekannten Arbeiterlieds Die Internationale besungen. Im französischen Original heißt es: „C’est la lutte finale!“ In der deutschen Übersetzung lautet der vollständige Refrain: „Völker, hört die Signale! Auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht!“ Felix Werdermann

K

Kleiner Tod Nur der wahre Freund des Fußballs weiß, dass Großturniere lediglich in der Vorrunde, eigentlich nur während der ersten zwei, drei Spieltage ihre gesamte Herrlichkeit entfalten. Zwar fiebern sie nun wieder alle den entscheidendenK.-o.-Spielen entgegen, verkennen aber, dass hier bereits das unausweichliche Ende beschlossen ist. Nur zu Beginn eines jeden Turniers steht der Möglichkeitsspielraum für einen kurzen Moment nahezu unendlich weit offen.

Die Situation schier endlos aufeinanderfolgender Spiele ist der eigentliche Zauber, auf den wir alle zwei Jahre warten. Mit jedem weiteren Finalrundenspiel (➝ Miracle on Ice) stürzen wir hingegen nur dem vermeintlichen Höhepunkt, dem Endspiel, entgegen, der uns, ist er vorüber, verrichteter oder unverrichteter Dinge in den Horror der Vergänglichkeit entlässt. Und so ist jedes Finale nicht weniger als ein kleiner Tod, dessen einzige Hoffnung darin besteht, noch einmal hoffnungsfroh die ersten Spieltage eines Großturniers zu erleben. Timon Karl Kaleyta

M

Miracle on Ice Nicht nur sportlich, sondern auch weltpolitisch schien die Anspannung vor der Eishockeypartie zwischen den USA und der Sowjetunion (➝ Internationale) bei den Olympischen Winterspielen 1980 in Lake Placid groß. Da die Rote Armee wenige Wochen zuvor in Afghanistan einmarschiert war, hatte der Kalte Krieg nun einen erneuten Höhepunkt erreicht. Die Sowjetunion, die zuletzt viermal nacheinander olympisches Gold geholt hatte, galt bei diesem Match in der Finalrunde als glasklarer Favorit.

Das lag nicht zuletzt daran, dass deren Spieler nur de jure Amateure waren, so wie die Statuten es erfordern. De facto handelte es sich meist um Profis von ZSKA Moskau. Das US-Team um Trainer Herb Brooks bestand hingegen tatsächlich aus College-Spielern. Und obwohl die Sowjets die ersten beiden Drittel dominierten, gewannen die Amerikaner schließlich 4:3. Nachdem diese dann auch noch Finnland schlugen, holten sie tatsächlich Gold. In den USA avancierte die Partie schnell zum Mythos und wurde bereits zweimal verfilmt. Nils Markwardt

S

Superbowl Wenn es um die Selbstbeschreibung der USA geht, wird gern zum Wörtchen „great“ gegriffen. Man mag das für großspurig halten, doch den Superbowl, das Finale der American Football League, beschreibt es recht treffend. Es ist eines der größten Sport-Events der Welt und ein gigantisches Medienereignis. 2015 – im bisherigen Rekordjahr – hatte das Finale in den Vereinigten Staaten über 114 Millionen Fernsehzuschauer (➝ Zeit). Werbeleute reiben sich da natürlich die Hände, entsprechend viel wird für die Spots hingeblättert. 30 Werbesekunden im Rahmen der Finalübertragung kosteten zuletzt durchschnittlich fünf Millionen Dollar.

Die Unternehmen betreiben deshalb auch eine Menge Aufwand, um aufzufallen. Zumal die Halbzeitspots mittlerweile ein Event im Event geworden sind, über das Jahr für Jahr eigens berichtet wird, ebenso wie die Halbzeitshow, bei der die Stars ihre größten Hits inszenieren (2016: Beyoncé, Coldplay, Bruno Mars). Football wird freilich auch noch gespielt, aber erst das Gesamtpaket verleiht dem Superbowl seinen megalomanen Charakter. Der Finaltag wird so zum Feiertag, der vielen ein großes Geschäft verspricht. Für das Jahr 2017 rechnet man damit, dass die US-Amerikaner im Zusammenhang mit dem Superbowl rund 15,5 Milliarden Dollar für Essen, Trinken oder Merchandising-Produkte ausgeben werden. Benjamin Knödler

T

Täuschung Dort, wo es um alles geht, sind Täuschung und Betrug oft nicht weit. Ein besonders illustres Beispiel dafür liefert Klaus Zeyringer in seinem jüngst erschienenen Buch Olympische Spiele. Eine Kulturgeschichte. 1904 in St. Louis, Marathonwettbewerb: Als an diesem heißen Augusttag Fred Lorz nach drei Stunden als Erster durchs Ziel läuft, ist der Jubel groß. Niemand hat ihn, der kaum erschöpft wirkt, auf dem Zettel gehabt. Doch die Freude ist bald verflogen, denn es wird klar: Lorz ist bei Kilometer 15 heimlich in ein Auto gestiegen und hat sich ab da fahren lassen.

Der eigentliche Favorit, Thomas Hicks, der 15 Minuten später ins Ziel kommt, wird daher zum Sieger ernannt. Ihm sieht man die Strapazen (➝ Endgegner) an, zumal er zwischendurch fast bewusstlos geworden wäre. Dass er durchgehalten hat, erklärt sein Trainer Charles P. Lucas damit, dass Hicks während des Rennens Strychnin, zwei Eier und Brandy verabreicht worden sind, weshalb Lucas dann auch konstatiert: „Der Marathonlauf zeigte vom medizinischen Standpunkt deutlich, dass Drogen für die Athleten bei einem Straßenlauf von großem Nutzen sind.“ Nils Markwardt

Z

Zeit In dem dystopischen Film Quiet Earth findet sich der Held auf einer menschenleeren Erde. Ähnlich ist es, wenn man bei Endspielen großer Fußballturniere (➝ Albiceleste), zumal mit deutscher Beteiligung, vor die Tür geht. Während das Volk sich vorm Fernseher versammelt, ist Zeit, die Welt allein zu durchstreifen. Eine Gelegenheit für Naturliebhaber, Fotografen oder Motorsportfans, die bei der Verkehrsdichte der 30er Jahre ihren inneren Huschke von Hanstein herauslassen wollen. Oder man macht’s wie Autor und Sänger Sven Regener, der mal erklärte, dass er während des WM-Finales 1974 mit dem Fahrrad auf die Autobahn fuhr. Erst nach zehn Minuten passierte ihn ein Wagen mit drei Omas. Uwe Buckesfeld

06:00 20.07.2016

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