Fliehendes Geld

Türkei Von der Zinswende kalt erwischt, von Erdoğans Demagogie gebeutelt – dem Land droht eine Finanzkrise
Fliehendes Geld
Wohl dem, der Dollars hat: Goldkettchen sind in Istanbul ziemlich billig geworden

Foto: Yasin Akgul/AFP/Getty Images

Freunde in der Not gehen tausend auf ein Lot – als der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan Katar zu Hilfe rief, schickte das reiche Ölscheichtum umgehend 15 Milliarden Dollar. Für zwei Tage erholte sich der Kurs der türkischen Lira, ein wenig. Inzwischen fällt er wieder.

Der Wirtschaftskrieg der starken Männer – in diesem Fall US-Präsident Donald Trump und Erdoğan – geht fröhlich weiter: Auf Androhungen von Strafzöllen und Sanktionen folgen Androhungen von Vergeltungszöllen, den Drohungen und Gegendrohungen folgen Taten, die Sache eskaliert. Doch der dramatische Absturz der Lira im August war nur der vorläufige Höhepunkt eines Wertverfalls der türkischen Währung, der schon seit langem im Gang ist. Die Inflation hat inzwischen 18 Prozent erreicht. Im Laufe dieses Jahres hat die Lira über 50 Prozent ihres Werts verloren. Und der Verfall wird weitergehen.

Denn das Leistungsbilanzdefizit der Türkei wächst seit Jahren und hat inzwischen ein beachtliches Niveau erreicht – 5,5 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das Handelsbilanzdefizit allein beträgt jetzt rund sieben Prozent. In diesen Zahlen drückt sich die dahinterliegende Krise aus: die Krise des türkischen Wirtschaftswunders, dem Erdoğan und seine Partei, die AKP, ihren Aufstieg verdanken.

Fabelhafte Wachstumsraten hatte das Regime Erdoğan den Türken beschert, mehr als sieben Prozent waren es noch im vergangenen Jahr. Das ist vorbei, die Türkei steckt in einer Wirtschaftskrise, die Erdoğan und seine Anhänger allerdings nicht wahrhaben wollen. Erdoğan ist ein begabter Demagoge, aber die Schuldenkrise, die hinter der akuten Währungskrise steht, kann er nicht wegreden. Mehr als 470 Milliarden Dollar an Auslandsschulden haben türkische Unternehmen und Banken angehäuft.

Wie in Thailand 1997

Wie andere Schwellenländer auch hat die Türkei recht erfolgreich eine Wachstumspolitik auf Pump betrieben – dank der Niedrigst- beziehungsweise Nullzinspolitik in der EU und in den USA ging das lange gut. Der weitaus größte Teil der internationalen Anleihen (90 Prozent) und der größte Teil der internationalen Bankkredite (80 Prozent) von Unternehmen und Privathaushalten wurden in Fremdwährungen aufgenommen, vor allem in Dollar und Euro. Mit fallendem Lirakurs und jedem Anstieg des Dollar- und Eurokurses steigt die Last dieser Auslandsschulden, die in Dollar und Euro bedient werden müssen.

Die Zinswende in den USA ist für die Türkei deshalb fatal. Dreimal hat die Fed in diesem Jahr schon die Zinsen erhöht, eine vierte Zinserhöhung wird im Herbst oder Winter erwartet. Allen ausländischen Gläubigern ist klar, dass eine wachsende Zahl von türkischen Unternehmen und Privatleuten ihre Auslandsschulden bald nicht mehr wird bezahlen können. Ein türkischer Staatsbankrott steht nicht zu befürchten, dafür ist die türkische Staatsverschuldung im Ausland nicht hoch genug. Wohl aber serienweise Bankrotte von Unternehmen, von Banken und Privatleuten, also eine regelrechte Schuldenkrise. Und eine Zahlungsbilanzkrise, weil sich ausländische Anleger weigern werden, das türkische Leistungsbilanzdefizit weiter zu finanzieren. Im Gegenteil, sie ziehen jetzt schon ihr Kapital aus der Türkei ab. Mit jeder Zinserhöhung in den USA oder in Europa, mit jedem Anziehen des Dollar- und Eurokurses verstärkt sich die Kapitalflucht.

Fast 40 Prozent der türkischen Unternehmen und Banken haben gewaltige Auslandsschulden, von den international tätigen sind alle in Dollar und Euro verschuldet. In den nächsten Monaten müssen sie 182 Milliarden Dollar an Auslandsschulden zurückzahlen oder refinanzieren. Das wird von Tag zu Tag schwieriger: Wenn der Lirakurs weiter fällt und die Türkische Zentralbank nicht massiv dagegenhält, was Erdoğan als erklärter Zinsgegner verhindert, rutscht die Türkei geradewegs in eine Finanzkrise. Schon jetzt treibt der Verfall der Lira die Inflation, da sie alle Importe, vor allem die Energie-Importe, erheblich verteuert. Das gilt auch für Großprojekte des Regimes wie den neuen Riesenflughafen in Istanbul.

Eine türkische Finanzkrise kann sich sehr rasch zu einer internationalen Finanzkrise ausweiten. Denn viele Schwellenländer haben eine ganz ähnliche Wachstumspolitik mittels Auslandskrediten in Dollar, Euro und Yen betrieben wie die Türkei. Das Ausmaß der Dollar-Verschuldung in allen Schwellenländern hat sich seit 2008 verdreifacht, alle profitierten wie die Türkei von der Politik des ultrabilligen Geldes im Westen. Wie die Türkei sitzen Länder wie Argentinien, Mexiko, Indien, Brasilien, Südafrika und Russland in der Auslandsschuldenfalle, die nun zuschnappt (Freitag 24/2018). Mit der Zinswende und mit der unaufhaltsamen Aufwertung des Dollar und des Euro.

Einen Vorgeschmack der kommenden Krise gab es im August. Als die Lira abstürzte, verlor der südafrikanische Rand mehr als 12 Prozent zum Dollar, ebenso der argentinische Peso. Der Rubel verlor neun, der brasilianische Real sechs Prozent, die indische Rupie sackte auf ihren tiefsten Stand seit vielen Jahren. Die Kapitalflucht aus den Schwellenländern ist in vollem Gang. Sie wird sich zu Panik steigern, wenn sich die ersten Bankrotte wegen nicht rückzahlbarer Auslandsschulden häufen. Aller Voraussicht nach zuerst und recht bald in der Türkei. Wer in diesen Ländern noch Vermögen und Einkommen hat, flieht aus der Landeswährung in Dollar oder Euro. Ein wachsender Teil der Einlagen im türkischen Banksystem besteht bereits aus Euro- und Dollar-Guthaben; die Türken denken nicht daran, dem Ruf Erdoğans folgend ihre Dollars und Euro in Lira zu tauschen, im Gegenteil. In Brasilien, Indien, Argentinien, Russland ist das nicht anders.

Ein Gespenst geht heute um in der Finanzwelt: das Gespenst der Asienkrise. Die begann 1997 in Thailand, einem für die globalen Finanzmärkte eher unbedeutenden Land. Aus dem Absturz des Baht wurde erst eine internationale Finanzkrise, als die Kapitalflucht auf andere asiatische Schwellenländer übergriff, erst Indonesien, dann Malaysia und die Philippinen. Kurz darauf erfasste die Panik Hongkong und Südkorea, nach wenigen Monaten waren 1998 auch Brasilien und Russland an der Reihe. Gestoppt wurde die Flucht internationalen Kapitals erst durch drastische Regierungseingriffe, aber unter den Folgen dieser Krisen litten die Volkswirtschaften der betroffenen Länder noch viele Jahre später.

Die nächste internationale Finanzkrise kommt. So, wie es jetzt aussieht, wird sie in der Türkei beginnen.

06:00 04.09.2018

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