Frieden kriegen

Kino Soldatinnen aus Afghanistan auf Erholung im Ferienhotel: „Die Welt sehen“
Frieden kriegen
Wie Fehler im Bild: Die Soldatenkörper haften noch an anderen Hintergründen

Foto: Presse

Im zypriotischen Fünf-Sterne-Hotel haben die frisch aus Afghanistan angekommenen Soldatinnen plötzlich ein ernsthaftes Figur-Grund-Problem. Die Umgebung aus türkisblauem Poolwasser, candyfarbenen Cocktails und transparenten Glasfassaden stößt die noch in ihren Kampfanzügen steckenden Körper ab, der Camouflage-Effekt geht nach hinten los. Es scheint, als bewegten sich die Figuren vor einer makellosen Fototapete, in die viel Bildbearbeitung gesteckt wurde (Anweisung an die Location-Scouts: Findet das cleanste Hotel der Insel!).

Die Regie-Schwestern Delphine und Muriel Coulin (17 Mädchen) investieren in ihrem zweiten Film Die Welt sehen einiges an bildgestalterischem Eifer, um die Abstoßung von Hintergrund und Figur aufrechtzuerhalten. Die Bilder sind flach und artifiziell, gerade im ersten Teil des Films gibt es kaum Raumtiefe. Der psychologische Text hinter diesem Konzept ist einfach zu lesen: Die Soldatenkörper haften an anderen Hintergründen, sie sind noch immer im Kriegsgebiet.

Der Hotel-Aufenthalt soll für die französische Armeetruppe, aus der sich sofort die beiden Soldatinnen Aurore (Ariane Labed) und Marine (SoKo) als Hauptfiguren konturieren, eine Schleuse in den zivilen Alltag sein – „Dekompression“ nennt sich das Programm aus Sport, Entspannung und „gemeinsamer Nachbesprechung“ im Militärjargon. Auch hier setzen die Coulins auf Kontraste. Statt dass die Dekompression einsetzt, fällt bei den Soldaten – bis auf Aurore, Marine und die Krankenschwester Fanny (Ginger Romàn) alles Typen – der Druck nicht ab. „Nach den Burkas die Strings, wie soll man da Stress abbauen?“, meint ein Soldat beim Gaffen auf tanzende Bikinigirls. Neben posttraumatischen Störungen gibt’s in der Truppe auch Sexismen.

Zu den (auch visuell) interessantesten Passagen des Films zählen Gruppensitzungen, bei denen unter Beisein eines Psychologen Kriegssituationen mit einem Computeranimationsprogramm erneut durchgespielt werden. Harun Farocki hat über diese in der Armee vielfach praktizierte Immersionstherapie eine Videoarbeit gemacht (Ernste Spiele III: Immersion), die sehr genau auf die Bildbeschaffungsdetails solcher Visualisierungen schaute.

Das Interesse des Films ist indes weniger analytischer Art. Dramaturgisch haben die VR-Szenen – die Figuren tun jetzt tatsächlich das, was das Bild zuvor nur suggerierte: Sie stehen vor einem projizierten Hintergrund – die klar erkennbare Aufgabe, das Stresslevel der Truppe in die Höhe zu treiben. Bei den Betroffenen führen die Wiederholungen auch deshalb zu Spannungen, weil sich die Erfahrungen nicht kollektivieren lassen. Besonders über den Verlauf militärischer Einsätze kommt es zu Deutungskämpfen, zudem verträgt sich bei einigen das Eingeständnis von Angst nicht mit dem (maskulinen) Soldatenethos.

Als sich die drei Frauen mit zwei zypriotischen Männern einlassen, kommt es zu der erwartbaren Eskalation. Immer mehr löst sich der Film von seinen geometrischen und symmetrischen Bildanordnungen, die noch das Geschehen in der Hotelanlage bestimmten. Außerhalb der militärischen Zone gerät die Kamera in Bewegung, sucht und findet das Chaos. Der militärische Gemeinschaftskörper implodiert in lauter frauenverachtende Egos.

Die Welt sehen versammelt einige interessante Themen, lässt aber auch vieles liegen. Und Subtilität ist nicht des Films Ding. Gerade die Dialoge leiden mitunter an der Aufgabe, für die Handlung wichtige Informationen beizusteuern (in Cannes gab es dafür einen Drehbuchpreis). Vor allem aber wissen die Coulins nichts mit dem soldatischen Körper anzufangen (wie viel ist Claire Denis in Beau Travail dazu eingefallen!). So verweilt die Kamera lieber auf dem bockig dreinblickenden Gesicht SoKos oder sucht in Ariane Labeds sparsamer Mimik nach der Frau hinter der Soldatin.

Info

Die Welt sehen Delphine & Muriel Coulin Frankreich/Griechenland 2016, 102 Minuten

06:00 12.11.2017

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