Berliner Gallery Weekend: Einmal im Jahr so tun als ob

Kunstszene Unser Kolumnistin schaut beim Gallery Weekend Berlin auf Blumenbouquets von cool-Kids-Künstlern und Steine von Angela Merkels Stiefsohn und lernt, dass Leere das neue Ding ist
Adrian Sauer, Stiefsohn von Angela Merkel, macht Fotos von Steinen
Adrian Sauer, Stiefsohn von Angela Merkel, macht Fotos von Steinen

Foto: Stefan Korte

Der Mann von Heidi Klum erzählte kürzlich in seinem Podcast davon, dass er und sein Zwillingsbruder gerne mal den Sonntag dazu nutzen, um durch Los Angeles zu fahren und sich Häuser anzuschauen, die zum Verkauf stünden. Nicht weil sie sich die Villen leisten könnten, sondern weil sie sich die Häuser und Grundstücke von innen anschauen wollten. Und ein bisschen so ist es auch zum Gallery Weekend in Berlin, das vergangenes Wochenende mal wieder anstand. Man versucht möglichst viele der knapp 60 teilnehmenden Galerien zu besuchen und tut ein bisschen so als ob. Also ob man Kunst kaufen würde, als ob man Künstler wäre. Als ob nicht jede Suche auch ein Scheitern wäre.

Bei Isabella Bortolozzi am Schöneberger Ufer, da sollen die coolen Kids sein, weiß der sehr coole Kunstkritiker, aber so viele Menschen gucken sich die Blumenbouquets gar nicht an, die die Namen von Wu Tsang und anderen Cool-Kids-Künstlern tragen und mit einem QR-Code zum Spenden aufrufen. Weiter zur Neuen Nationalgalerie, wo auch niemand ist, außer Museumsdirektor Klaus Biesenbach in einem gut sitzenden Anzug. Und einem Maler, der sich vorstellt, vielleicht mal mit Klaus Biesenbach befreundet zu sein – „Soll ich kurz Hallo sagen?“ –, und den Abend über so tun wird, als sei er später auf einem sehr exklusiven Dinner in Spandau eingeladen.

Bei Noah Klink in Schöneberg ist der Boden sehr grün und die Kunst von Taslima Ahmed wirke so, als könne sich daraus viel offenbaren, sagt der Kunstkritiker, und das ist natürlich eine wirklich sehr schlaue Antwort auf die Galeristenfrage, wie man es denn finde. Eine kleine Galerie weiter sitzen Menschen auf dem Boden und jemand hat Ikea-Geschenkpapier an die Wand geklebt und dann kann es auch mal weitergehen nach Mitte.

Endgegner auf dem Gallery Weekend Berlin

In der Galerie Neu hängt Luis Fratino. Schwule Kunst seien die schwärmenden Malereien von nackten Männern mit großen Augen, vor oder hinter vollen Tischen. Landschaften, Tiere, viel Blau. Alles schon verkauft, heißt es, Wartelisten auf jedes Bild bereits, heißt es. Verständlich, weil man beim Betrachten sofort Gefühle bekommt. Für eine eher edgy Galerie doch eher sichere Kunst, heißt es auch.

Und auch vor der Galerie Neu nicht die gesuchte Menschenmasse. In der Auguststraße sind dann zwar mehr Menschen, aber nicht die, die man sucht. Jede Kunst hat ihre Fans. Und vor Sprüth Magers stehen ebenfalls ausgedachte Menschen und sagen, sie wollen nicht zum Reference Festival, da seien eher so Fashion-Art-Menschen und sie selber seien ja eher so Fine Art und das Sprüth Magers der Endgegner auf dem Gallery Weekend.

Drinnen wird Sterling Ruby gezeigt, große Wandteppiche für große Gesten. Auch bei der Preview gestern sei ja gar nichts los gewesen, sagt jemand, keine Leute, das sei das neue große Ding, wie beim Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig.

Bei Dittrich & Schlechtriem hinter der Volksbühne ist dann endlich was los. Menschentraube und Freigetränke vor dem Haus. Man müsse jetzt noch in die Galerie Klemm’s, heißt es in der lustigen Traube, da würde der Stiefsohn von Angela Merkel ausstellen, und wir taten so, als wäre sie dann vielleicht auch vor Ort. Adrian Sauer macht Fotos von Steinen und einen „Raumgreifenden Farbverlauf von Weiß nach Grau“, das ist schön bekloppt. Und Merkel war natürlich nicht da.

Dafür aber die Galerie Soy Capitan nebenan. Und da zeigte die Künstlerin Rachel Youn die erste tolle Kunst des Abends. Eine Installation zu Discolicht und Musik aus Massagegeräten, in die Plastikpflanzen gesteckt sind, die so tun, als würden sie tanzen. Und die Künstlerin sitzt draußen auf dem Hof, in einer Ecke an einem Tisch. Alleine und mit Maske. Sie hätte Corona. Wer weiß.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare 2