Gangschaltung

A–Z VW und Daimler wollen keine Schaltautos mehr herstellen, das macht einige ziemlich betroffen. Ganz lässig hoch- und runterschalten, vergiss es. Unser Lexikon der Woche
Gangschaltung

Foto: A. Abbas/Magnum Photos/Agentur Focus

A

Automatik Vielleicht liegt es an jenem Chevrolet Chevair, den ich mal eine Weile fahren durfte. An dem war alles marode, auch die Bremsen, weswegen ich mir mit der Handbremse zu behelfen hatte, vor allem beim Bergabwärts-Zurollen auf ein Stauende – und mit der „Motorbremse“: Runterschalten, Kupplung kommen lassen, das Ganze wiederholen, hat immer geklappt, war spannend, Nervenkitzel.

Das Gegenteil, die pure Langeweile, ist hingegen das Fahren mit Automatik, man verliert dabei völlig das Gefühl für das Gefährt, das man steuert. Fans würden meinen Automatik-Hass wohl als „Anti-Amerikanismus“ verbuchen, oder aber der kommt von dem Automatik-VW-Lupo, den ich jetzt manchmal fahre; der ist noch maroder als der Chevrolet. Ich frage mich nur: Was macht ihr in eurem Elektroauto, wenn die Bremse versagt, Runterschalten, kuppeln, Motorbremse geht ja wohl nicht!? Sebastian Puschner

D

Drehmomentbereich Bei welcher Drehzahl man schaltet, hat im Freundeskreis immer heftige Diskussionen ausgelöst. Die Parteien waren aufgeteilt in „sportlich fahren“ und „Kraftstoff sparen“. Manchmal kam noch eine „normale“ Fraktion hinzu. Stets war der richtige Drehmomentbereich umstritten. Die eher rasant fahrenden Bleifüße schalten spät, also wenn die empfohlenen 2.000 Umdrehungen pro Minute weit überschritten sind. Wechselt man dann den Gang, ist der Tempoabfall geringer. Das sei nicht nur prollig, sondern man verbrauche auch viel mehr Sprit, wendete die Gegenpartei ein.Sie empfahlen das niedrigtourige Schalten – Gang rauf bei 2.000, Gang runter spätestens bei 1.000 Umdrehungen (➝ Hoch/Runter). Die „normale“ Fraktion schaltet nach Gefühl, wie sie sagte. Ruckeln und Aufjaulen des Motors waren für sie die entscheidenden Signale, um zu handeln. Die Umstellung auf Automatik werden sie kaum spüren. Den beiden anderen Parteien wird der Streit über den Drehmoment fehlen. Tobias Prüwer

E

Elektroauto Tesla ist Inbegriff für hypermodernen, mondänen grünen Lifestyle. Sogar im Land des Ottomotors hat Elon Musk eine Gigafabrik gebaut. Dass man als deutscher Automobilnostalgiker in der Karosse der Zukunft vergeblich den vertrauten Fixpunkt suchen kann, merkte ich bei einer Testfahrt. Spiegel verstellen oder die Klimaanlage regeln: Bei Tesla geschieht alles über einen einzelnen Bildschirm. Ein VW E-Auto simuliert zumindest das traditionellere Fahrerlebnis, denn man findet dort eine Innenhaptik mit Knöpfen und Schiebereglern wieder. Schaltknauf, Kupplung und Motorgeräusche sucht man vergeblich. Nicht nur einmal fand ich mich beim intuitiven Griff zum Schalten in der Mittelkonsole mit nichts als Luft in den Händen wieder. Tesla regelt das anders, ein schlichter Hebel am Lenkrad soll reichen. Doch Gangschaltung samt Leerlauf ist hier passé. Der Hebel dient nur zur Einstellung der Modi eines Automatikgetriebes: Geschmeidig sportliches Hochschalten ist nicht mehr gefragt. In Amerika ist Gangschaltung sowieso längst ein Fremdwort (➝ Unikum). Viele Deutsche wollen sie aber nicht aufgeben. Tut sich womöglich eine Marktlücke auf? Warum nicht ein E-Auto mit scheinbarer Gangschaltung bauen? Grüne Ästhetik. Leopold von Hanstein

F

Fixierrad Auch beim Radfahren ist die Gangschaltung unentbehrlich. Vor der Ampel in den niedrigsten Gang schalten, um möglichst schnell anfahren zu können, im höchsten Gang über die gerade Fahrradstraße pesen: Die Schaltung – mit 3, 21 oder 27 Gängen – gehört zum Zweirad. Einzige Ausnahme ist das Fixierad. Beim Fixie, auch Single-Speed oder Eingangrad, gibt es nur einen starren Gang. Die Bewegung der Pedale entspricht der Bewegung der Räder, häufig werden daher keine Bremsen eingebaut. Fixies sind leichter und bei Herstellung und Wartung günstiger. Auch beim Bahnradfahren wird auf Fixies gesetzt. Bekannt wurden sie hierzulande durch Großstadthipster, bei denen sie an der Zimmerwand hängen.Im Straßenverkehr sind sie allerdings nicht zugelassen, sofern sie nicht über zwei eigenständige Bremsen verfügen. Ben Mendelson

H

Hoch/Runter Auch wenn sie recht haben, männliche Beifahrer können nerven. Zweiter Gang, schrie der Fahrlehrer, während ich aufs Abbiegen konzentriert war. Hochschalten, mahnt mein Mann, wenn der Motor im dritten Gang heult. Nimm doch mal bei dir den Gang raus, möchte ich sagen, lass mich fahren, wie ich will. Oder setz dich selbst ans Steuer. So löst sich das Problem: es sich neben ihnen bequem machen, wenn die Herren der Schöpfung am Lenkrad sind. Wäre ein Automatikauto gut? Aber da verlerne ich ja das Schalten! Irmtraud Gutschke

L

Linker Fuß Das Schlimmste an der Automatik ist ja, dass man nicht weiß, wohin mit dem linken Fuß. Gerade bei Personen, die oft Autos mit Schaltung und dann wieder Automatik fahren, ist die unbewusste Verwechslungsgefahr groß. Sie stellen beide Füße auf die Pedale – der falsche Kupplungstritt wird zur ungewollten Notbremsung. Das hat schon zu schweren Unfällen geführt. Experten raten daher, dass der linke Fuß deutlich nach links gestellt wird oder auf einer entsprechenden Stütze ruht, sofern vorhanden. Daher könnten Menschen, deren linkes Bein aufgrund eines Bruchs eingipst ist, dennoch Automatik fahren. Zumindest theoretisch. Denn wahrscheinlich müsste ein Gericht jeweils klären, ob die Fahrtüchtigkeit unbeeinflusst ist. Tobias Prüwer

P

Phallus Es gehört zu den Binsenweisheiten der Küchentisch-Psychoanalyse in Bezug auf das männliche Geschlecht, dass eine dicke Karre eine dicke Hose versinnbildlicht. (Zur Verifizierung genügt ein Blick auf zeitgenössische Rap-Videos.) Doch dieser Kompensationszusammenhang zeigt sich nicht nur im übertragenen Sinn an der Größe der Autos, der Leistungsstärke ihrer Motoren oder an deren aggressivem Aufheulen im Leerlauf. Er zeigt sich am handgreiflichsten im Schaltknüppel. Der verschwindet zwar beim Automatikgetriebe nicht völlig, er wird nur für das eigentliche Fahren überflüssig. Zur Erinnerung an die seligen Zeiten kann man sich noch mal das Musikvideo zu Kylie Minogues Smashhit Can’t Get You Out of My Head von 2001 ansehen, bei dem spätpubertäre Jugendliche damals nicht etwa beim Anblick von Kylies weißem Super-Cut-Out-Kapuzen-Jumpsuit in Begeisterung verfielen, sondern wenn sie die prominent inszenierte Gangschaltung ihres gelben De Tomaso Mangusta betätigte. Tom Wohlfarth

R

Revolverschaltung Autobild Klassik formuliert es so schön: „Die rechte Hand liegt hoch auf dem Knauf der Revolverschaltung, die Schulter kuschelt mit dem nahen Dachpfosten, und die Seele baumelt im Nirwana von 34 kraftlosen PS.“ Die Rede ist vom Kultauto Renault 4, der mit besagter Schaltung (➝ Phalllus) ausgestattet war. Unvergessen: Sabine, den Fahrtwind im Haar, die Gauloises im Mundwinkel. Katharina Schmitz

Rückwärtsgang Er war ein Weißer, kam elegant daher und schwer, innen in Holzschale geworfen. Nur treu war er nicht. Schon bald nachdem ihn das liebende Auge getroffen hatte, machte er schlapp, zuerst der Motor, dann der Rückwärtsgang, eine Halbautomatik, vier Gänge ohne Kupplung. Wollte einfach nicht rückschrittlich fahren – wie ich. Ein paar Jahre musste es ohne gehen. Die Aufmerksamkeit, die der jungen Fahrerin zuteil wurde, wenn sie den Koloss von Kreuzungen wegschieben musste! Ach, damals gab’s noch Kavaliere. Ulrike Baureithel

T

Trabant Zu DDR-Zeiten hieß es, „Trabant- Fahrer sind die Härtesten“. Das galt auch für die Gangschaltung. Warum man Gänge „einlegen“ muss, war mir sowieso nicht klar, ich dachte da immer an saure Gurken.Vielleicht war ich ein bisschen „spätberufen“ fürs Autofahren insgesamt, besonders für den „Trabi“, mit der Schaltung direkt neben dem Lenkrad, der nach dem Fahrschulauto mit einer H-Schaltung zwischen den Sitzen Überraschungen bereithielt.Irgendwie hatte ich kein Vertrauen in das gesamte System und damit lehrte mich die Gangschaltung, dass jede Art von Zweifel oder Misstrauen geahndet wird. Mehr als einmal legte ich – aus Versehen – den Rückwärtsgang ein. Die vorhandene Sperre nahm ich nicht wahr, ich war immer so aufgeregt beim Schalten.

Auch mit anderen Gängen hatte ich Probleme. Ich weiß noch, wie ich mal mitten an einer Berliner Kreuzung stand und den Gang „reinwürgte“ (auch so ein technikfremder Terminus), leider den dritten erwischte und von der Kreuzung stotterte. Alles wartete auf mein Verschwinden. In meiner erhitzten Fantasie meinte ich ironische Beifallsbekundungen zu hören. Prima „reingewürgt“, oh Gott. Und dann gab es bei der Schalterei noch so ein Phänomen wie „Zwischengas“ – damit konnte ich gar nichts anfangen. Wo war das zu finden? Inzwischen habe ich gelesen, dass diese Lenkradschaltungen – im Rückblick – als sportlich und praktisch gepriesen werden, nicht nur beim Trabant. Magda Geisler

U

Unikum 1999 war noch alles anders. Wir, die Schülergruppe aus dem beschaulichen Hannover, flogen mit Lufthansa in einer Boeing 747-400 über den Atlantik und ich durfte noch völlig unbehelligt das Cockpit besuchen. So wenig man sich kurz vor 9/11 Gedanken über Terroristen machte, so wenig Menschen gab es bei uns, die einen PKW mit Automatik hatten. Gangschalten galt als deutsches Nonplusultra des Fahrenkönnens. Wenn es danach geht, war ich kein guter Fahrschüler, denn ich begriff nicht, wie man es sich grundlos schwerer machen konnte. Angekommen im beschaulichen Olympia, WA, zwei Autostunden von Seattle entfernt, kannte man ausschließlich P, D und R. Nur eine Gastmutter hatte einen alten 3er-BMW mit Schaltknüppel ( Phallus). „What’s the deal with that tricky shit?“ Mehr als „It is as it is in Germany“ fiel uns nicht ein, und das traf den Zeitgeist schon sehr genau. Nun ist die Geschichte listig und schenkt mir auf ökologischer Welle das einzig wahre Getriebe: die Automatik. Jan C. Behmann

Z

Zündung In den alten Filmen, wo schöne (nicht automatische) Autos in Technicolor von gut aussehenden Menschen für alle möglichen Dinge benutzt wurden, kam es vor, dass so ein Wagen per Kurzschließung von Zündkabeln in Gang gesetzt wurde. Der Winkel des Vorbeugens, um an die Drähte des Wagens zu kommen, und die Neigung der dabei im Mundwinkel balancierten Zigarette, bedingten einander. Je tiefer das Vorbeugen, etwa bei einem Sportwagen, desto verwegener die Schräge des nur noch an der Unterlippe klebenden Rauchwerks. Später die Entsorgung des Anzünders in voller Fahrt. Nie jedoch habe ich gesehen, wie eine Zigarette mit den Funken der Zündkabel angesteckt wurde. Marc Ottiker

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06:00 14.09.2021
Geschrieben von

Ausgabe 37/2021

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