Michael Marek, Sven Weniger
Ausgabe 5016 | 28.12.2016 | 06:00 2

Gefährliche Handlungen

Hongkong Seit 1997 ist die Metropole chinesische Sonderverwaltungszone – in der Peking verstärkt gegen Verleger vorgeht

Zu Besuch in Mong Kok, dem chinesischsten Viertel der 7,3 Millionen-Einwohner-Stadt Hongkong: tagsüber ein Bild aus heruntergekommenen Mietshäusern vor den Glasfassaden nagelneuer Bürotürme. Nachts verschwindet alles hinter dem grellen Lichtermeer aus Millionen LED-Leuchtreklamen. Zwischen Modeboutiquen, Handyshops und Imbissbuden, zwischen parkenden Lastwagen, hupenden Taxis, piependen Ampeln, vor denen sich Menschen drängen, führt ein schmaler, unscheinbarer Hauseingang in der Sai Yeung Choi Street hinauf in den siebten Stock. Dort liegt Hong Kong Reader, einer von etwa 50 unabhängigen Buchläden der Stadt. Ein kleines Refugium der Literatur, der „Freiheit des Worts“, wie es Buchhändler Daniel Lee nennt.

Bei Hong Kong Reader sieht es aus wie in einem alternativen Buchladen der 70er Jahre. Dicht an dicht stehen die Regale im etwa 50 Quadratmeter großen Raum. Es gibt Kaffee für die Besucher. An einer Stirnseite Werke von Camus bis Nietzsche, ein wenig Belletristik, Geografie, Geschichte. Gegenüber lange Reihen chinesischer Titel. Dazwischen Secondhandbücher. Kunden blättern still in dem, was sie interessiert. Kater Ai Weiwei schaut aus dem Fenster.

Daniel Lee, 35, hat einen Universitätsabschluss in Philosophie. Mit zwei Kommilitonen eröffnete er vor neun Jahren Hong Kong Reader. „Wir wollten nach dem Studium etwas Eigenständiges machen, Menschen treffen, mit denen wir geistesverwandt sind.“ Facebook und Google lassen sich in Hongkong problemlos aufrufen – Seiten, die in Festlandchina nicht verfügbar sind. „Hongkong ist von der großen chinesischen Firewall ausgenommen“, sagt Lee. Gleichzeitig würden aber Verleger verhaftet, nicht durch Hongkongs Behörden, sondern auf Druck der KCP, der Kommunistischen Partei Chinas.

Spurlos verschwunden

Fast 20 Jahre nach der Rückkehr Hongkongs ins Reich der Mitte werde es für seine Bewohner politisch immer enger, sagt der Geisteswissenschaftler. Er persönlich fühle bislang keine direkte Bedrohung. Auch nicht nach den Entführungen von Lee Bo, Lam Wing-kee und einigen anderen Buchhändlern, die zwischen Oktober und Dezember 2015 zunächst spurlos verschwanden. Schnell wurde klar, dass man sie genötigt hatte, nach Festlandchina einzureisen – wo sie in Arrest kamen. In Hongkong demonstrierten Tausende gegen dieses Vorgehen Pekings. Einer der Festgenommenen, Lam Wing-kee, berichetete nach seiner Freilassung im Sommer 2016, was ihm während der Internierung widerfahren war: Isolation, Verhöre, Androhung von weiterer Haft, und das über Monate. „Nach meinem Verständnis wurden diese Männer gekidnappt, weil sie nicht nur Bücher verkaufen, sondern auch verlegen“, sagt Lee. „Sie bringen Bücher über chinesische Politik heraus, über parteiinterne Auseinandersetzungen in Peking.“ Und das seien sehr sensible Themen.

Zum Programm seines Ladens sagt er: „Die meisten Bücher verkaufen wir aus einem Genre, das wir selbst entwickelt haben: Hongkong-Studien. Das umfasst Politik, Gesellschaft, Geschichte und Ähnliches. Die Bestseller befassen sich mit unserer sozialen Bewegung, vor allem dem ,Umbrella Movement‘.“ Diese Pro-Demokratie-Bewegung, die den Regenschirm als Widerstandssymbol gewählt hat, brachte seit Ende 2014 für mehrere Wochen Zehntausende auf die Straßen, auch im Mong-Kok-Viertel, in dem Lees Buchandlung liegt. Vor allem Studenten protestieren gegen die Einschränkung von Bürgerrechten, die der Nationale Volkskongress in Peking beschlossen hat. Die stete Aushöhlung der Teilautonomie Hongkongs ist im Gange. „Die Menschen sind alarmiert“, sagt Lee.

Der politische Druck wächst. Inzwischen stellen sogenannte Pro-Peking-Parteien mehr als die Hälfte der Parlamentarier des Legislativrats, der gesetzgebenden Versammlung Hongkongs. Im November 2016 wurde zwei frei gewählten Vertretern aus dem Umbrella Movement auf Intervention Pekings der Parlamentarierstatus aberkannt. Der Volkskongress legte dazu ein Gesetz in seinem Sinn aus, das 1997 als „Basic Law“ beschlossen worden war – auch um der Stadt die Teilautonomie von China zu sichern, nach dem Prinzip: ein Land, zwei Systeme. „Dieser Grundsatz ist jetzt mausetot“, sagt Lee ernüchtert. In Justizfragen behalte sich Peking das alleinige Entscheidungsrecht vor. „Die Unabhängigkeit unserer Gerichtsbarkeit ist vorbei.“

Es ist ein breit angelegtes, sukzessives Vorgehen der Pekinger Führung, dessen Folgen für Hongkong und seine Bewohner langsam immer deutlicher zutage treten: Da sind die Übernahmen von Wirtschaftsbetrieben, Presse, Radio und TV. Da ist die schleichende Entmündigung der Legislative, da sind die offenen Repressionen gegen prodemokratische Bewegungen. Und eben: die Inhaftierung unliebsamer Verleger.

Die Einflussnahme erfolgt auch über die Sprache. In Hongkong wird Kantonesisch gesprochen, verkürzt gesagt ein Dialekt des Hochchinesischen. In Festlandchina spricht man vorwiegend Mandarin, eine stark vereinfachte Form des Hochchinesischen. Es wurde einst von den Kommunisten in der Volksrepublik eingeführt, um das Analphabetentum zu bekämpfen. Im vorkommunistischen China war die offizielle Schriftsprache noch das komplexere Hochchinesisch, für alle Chinesen.

Bis heute erscheinen die meisten Bücher, die in Honkong gedruckt werden, in hochchinesischer Sprache, nicht im abgespeckten kommunistischen Mandarin. Literatur aus Hongkong ist daher sofort zu identifizieren. Wer sie nach China einführt, bekomme mitunter Probleme, sagt Lee. „Wenn man bestimmte Bücher oder einfach nur zu viele, die in traditionellen chinesischen Schriftzeichen geschrieben sind, aus Hongkong mit nach Festlandchina nimmt, riskiert man, festgenommen zu werden und im Gefängnis zu landen. Denn Festlandchina erlaubt eigentlich keine Einfuhr von Büchern, die nicht dort veröffentlicht wurden.“ Umgekehrt gibt es Bestrebungen, das Mandarin in Honkong stärker zu verbeiten. „Traditionell wird hier in den Schulen auf Kantonesisch unterrichtet. Inzwischen sind aber viele TV-Kanäle schon zu Mandarin und dessen stark vereinfachten Schriftzeichen gewechselt“, sagt Lee.

Auswandern als Option

Aus seiner Sicht wird es schwer für Hongkong, seine Teilautonomie zu erhalten, solange es Teil des großen Chinas ist. In den vergangenen zwei Jahren seien die Aussichten deutlich düsterer geworden, vor allem seit gewählten Vertretern unerwünschter politischer Bewegungen wie eben des Umbrella Movement der Zugang zum Hongkonger Parlament verwehrt werde.

Die Hoffnungen ruhten jetzt ganz auf den Menschen in Hongkong, sagt Lee. Wenn sie bereit seien, aktiv für ihre Freiheit und Autonomie einzutreten, dann gebe es vielleicht eine Chance gegen den Machtapparat der Kommunistischen Partei in Peking. Die Studenten hätten mit ihren 2014 aufgenommenen Protesten den Anfang gemacht. Zuletzt demonstrierten im November dieses Jahres Hongkonger Anwälte gegen die Aushöhlung beziehungsweise Fehlauslegung des Basic Law. Und auch dass der für Monate inhaftierte Buchhändler Lam Wing-kee seinen Arrest öffentlich machte, habe dazu geführt, dass viele Hongkonger nun endlich aufwachten.

„Realistischerweise muss man sagen, dass es nicht einfach wird. Aber wir werden kämpfen müssen, das ist das Einzige, was wir tun können.“ Er wisse von einigen Menschen, die längst daran dächten auszuwandern. Doch er selbst will diesen Ort, an dem er so lange gelebt hat, nicht aufgeben: „Warum soll ich gehen, warum geht nicht ihr ?“

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 50/16.

Kommentare (2)

ernesto lin 07.01.2017 | 17:03

Die politische Einordnung der Veränderungen in Hongkong mal außen vor gelassen ... Sprachlich ist der Artikel nicht besonders korrekt bzw. scheint einen starken Bias zu haben:

[quote]In Festlandchina spricht man vorwiegend Mandarin, eine stark vereinfachte Form des Hochchinesischen[/quote]

Wenn als "Hochsprache", die jeweilge Standardsprache eines Landes angesehen wird, dann ist Mandarin das gleiche wie "Hochchinesisch". Mandarin ist die Bezeichnung für die Amts- und Standardsprache in der VR China. Sie benutzt die vereinfachten Schriftzeichen. Andernfalls ist sie sprachlich genauso reich und alt und kulturell wertig, wie Kantonesisch oder jede andere Dialekt oder jede andere Variante des Chinesischen. Der Artikel klingt hier so, als wäre das Kantonesische der Sprache Mandarin (oder den zahlreichen anderen Dialekten, die in der VR China und in Singapur ebenfalls mit den vereinfachten Schriftzeichen geschrieben werden) intellektuell überlegen oder in irgendeiner Form wertiger. Das stimmt so nicht.

Ähnlich inkorrekt wäre es sicherlich, zu behaupten, Goethes Deutsch aus "Faust" wäre Hochdeutsch, während die Sprache, in der sich Deutschland mittlerweile unterhält, wäre "abgespeckt" oder "vereinfacht" oder so etwas. (Der Vergleich trifft nicht ganz, aber zur Erklärung genügt er sicher.)

[quote]... nicht im abgespeckten kommunistischen Mandarin[/quote]

"Abgespeckt" klingt sehr wertend. Die Sprache wurde nicht vereinfacht oder "abgespeckt", lediglich die Symbole, mit der sie verschriftlicht ist. Mit dem Ziel, die Gesamtbevölkerung schneller und effizienter zum Lesen und Schreiben zu befähigen. Also ein ähnlich löbliches Konzept, wie die Alphabétisation auf Cuba.

[quote]Literatur aus Hongkong ist daher sofort zu identifizieren[/quote]

Auch Taiwan benutzt die traditionellen Schriftzeichen. Ebenfalls benutzen etliche Intellektuelle (oder Menschen, die sich für solche halten) in der VR China die traditionellen Zeichen. Allein anhand der traditionellen Schriftzeichen sollte ein Buch aus Hongkong also nicht sofort zu erkennen sein.

... Ist ja alles nicht so dramatisch, aber mir erscheint, als zöge der Artikel heir nicht ganz korrekte Vorstellungen der chinesischen Sprache(n) zu einer politischen Argumentation heran.

aquadraht 09.01.2017 | 19:49

Danke für diesen versachlichenden Kommentar. Zu dem Artikel ist zu sagen, dass er einiges Richtige enthält, wie die Festnahmen der drei Verleger, aber auch Vieles verschweigt oder falsch darstellt. Es liegt zu einem grossen Teil am misslungenen Machtkampf der PanDems und Localists, dass der kommende Chief Executive nicht in allgemeinere Wahl bestimmt wird. Die Opposition wollte sich den Nominierungsregeln nicht beugen, nach denen ein Kandidat nur mit einem Quorum des Nominierungsgremium aufgestellt werden durfte (ein Quorum, das weit unter dem Anteil der Opposition lag) und zudem "China und Hongkong lieben" sollte, wie es in der Vorlage des Beijinger Nationalkongresses hiess. Die Opposition wählte dann statt etwas mehr Demokratie keine Änderung an der Bestimmung des CE durch ein 1200 Elektorengremium, nachdem die Occupy Central-Bewegung gescheitert war. Auch der Ausschluss der Abgeordneten der Localist-Aktivisten hat weniger mit Demokratieabbau als mit einer stumpfen Provokation der Abgeordneten zu tun, die in die vorgeschriebenen Eidesformel Beschimpfungen der Regierung in Beijing eingeflochten hatten. Damit galten sie als unvereidigt und flogen raus. Man sollte sehen, dass "ein Land, zwei Systeme" für Beijing wichtig ist, auch in Bezug auf Taiwan, was den Hongkongern einen Hebel gibt, aber keine grenzenlose Macht. Obendrein sieht die KPCh in der Sonderverwaltungszone ein Experimentierfeld mit demokratischen Mechanismen, auch in Bezug auf das ganze Land. Destruktive Provokationen und der fanatische Antikommunismus von Teilen der Opposition sind da nicht wirklich hilfreich. Dazu kommt, dass ein Teil der Opposition rassistische, wohlstandschauvinistische und faschistoide Züge trägt. Es wird eine zügellose Propaganda gegen die Besucher vom Festland, übrigens aus der kantonesisch sprechenden Umlandprovinz Guangdong, gestartet, die sich daran aufhängt, dass diese in den U-Bahnen Nudeln essen oder ihre Kleinkinder in den blitzsauberen Malls hinscheissen lassen. Ein US-Journalist, der in einem Artikel eines US-Magazins darüber milde gespottet hatte, wurde bedroht und tätlich angegriffen. Das geschah auch Gastwirten, die Speisekarten in Jiantizi, den vereinfachten Schriftzeichen, öffentlich ausgehängt hatten, für Besucher vom Festland. So etwas ist nicht demokratisch, sondern eher in der Nähe von AfD oder Pegida. Hongkong hat vielfältige Probleme, die Wirtschaft brummt nicht mehr wie so lange, die Sonderverwaltungszone wächst schon lange langsamer als das Festland, soziale und Wohnungsprobleme verschärfen sich. Lokalchauvinismus oder Maximalforderungen gegenüber der Zentralregierung sind da keine Hilfe.