Gehen

A–Z Ob spazieren, flanieren oder wandern: Manchmal taugt das Gehen sogar zur Kunstform. Wie bei Christos Installation, mit der auch Atheisten übers Wasser wandeln können

A

Anthropologie Der aufrechte Gang ist evolutionstheoretisch betrachtet ein heißes Eisen. Die ältesten Hinweise auf die Bipedie sind über drei Millionen Jahre alt. Unsere Haltung hat uns dabei nicht nur Bandscheibenvorfälle und Blutstau, sondern auch eine an Theorien reiche Ideengeschichte beschert. Die hat der Philosoph Kurt Bayertz 2012 in seinem Buch Der aufrechte Gang zusammengetragen.

Platon (➝ Philosophie) beschrieb die menschliche Zweibeinigkeit erstmals als Unterscheidungsmerkmal zwischen Mensch und Schwein. Lange Zeit später erklärte Darwin, das Aufrichten des Menschen sei nötig geworden, um die Hände zum Gebrauch von Waffen und Werkzeugen frei zu haben. Wie viel an den verschiedenen Theorien nun dran ist, wird sich final kaum klären lassen. Darüber nachzudenken, lohnt sich dennoch immer, gerade wenn man es mit den Stoikern hält. Die meinten, der aufrechte Gang sei Ausdruck der menschlichen Fähigkeit zur Kontemplation. Benjamin Knödler

B

Bernhard Gibt es einen Schriftsteller, für den das Gehen von extremer Bedeutung war, so ist es Thomas Bernhard. Das zeigt sich exemplarisch an jener 1971 erschienenen Erzählung, die naturgemäß Gehen heißt. Deren wesentliche Handlung wird bereits im ersten Satz umrissen: „Während ich, bevor Karrer verrückt geworden ist, nur am Mittwoch mit Oehler gegangen bin, gehe ich jetzt, nachdem Karrer verrückt geworden ist, auch am Montag mit Oehler.“ Dass der Erzähler nun mit Oehler, nicht mit Karrer, gehen muss, so erfährt man später, liegt daran, dass Karrer wahnsinnig geworden ist, weil, so glaubte Karrer, ihm beim Hosenkaufen „tschechoslowakische Ausschussware“ angedreht werden sollte. Am Ende kommt das Buch (➝ Ruanda) zur bitteren Einsicht, „dass es unmöglich ist, Gehen und Denken zu einem einzigen totalen Vorgang zu machen“. Nils Markwardt

C

Christo Seinen eigenen Worten nachsoll sich der Gang wie auf einem Wasserbett oder – das opulentere Bild – einem Wal anfühlen. Viereinhalb Kilometer lange Kunstoffstege, überzogen mit changierenden orange Stoffbahnen, verbinden auf der Oberfläche des italienischen Iseosees die Orte Sulzano, Montesola und San Paolo. Nach dem Tod seiner (Verhüllungs-)Partnerin Jeanne-Claude ist Christo, für manche ja der Messias (➝ Pilgern) der Land-Art, mit dieser kollektiven Wasserwanderung seines Floating-Piers-Projekts vergangene Woche zurückgekehrt.

Kritikern, die das als überbordenden Event-Quatsch verbuchen, hält der Künstler den Luxus der Nutzlosigkeit entgegen: „Es geht um ein irrationales, kaum greifbares Gefühl von Freiheit.“ Wer die Dynamik des Wassers dabei besonders deutlich spüren wolle, müsse die Stege zudem am besten barfuß begehen. Und das können zeitgleich bis zu 11.000 Personen. Groß ist entsprechend auch der Andrang, am ersten Tag kamen bereits mehr als 55.000 Besucher auf die Floating Piers. Wobei diesen aus Sicherheitsgründen eines dann doch verboten wurde: High Heels. Nina Rathke

D

Dérive Das Flanieren ist die mobilste Form des Müßiggangs. Zum Zeitvertreib etwas spazieren – das ist das Leben eines Bonvivants. Aber wer hätte gedacht, dass man es zur künstlerischen Recherche (➝ Christo) radikalisieren kann? Die Situationistische Internationale um Guy Debord nannte diese Technik in den 60er Jahren „Dérive“ und erkundete dabei durch zielloses Umherschweifen den städtischen Raum: seine Versprechungen, die schönen und die abstoßenden Ecken. Ihre Wege zeichneten sie in Karten ein und machten damit psychogeografische Zusammenhänge deutlich. So wollte die Situationistische Internationale einen Perspektivwechsel erreichen, einen anderen Blick auf die Stadt. Felix-Emeric Tota

G

Gesellen Heute klingt es nach Selbsterfahrungstrip: raus aus dem Alltag, nur das Nötigste einpacken und ohne Geld und ohne Handy in die Ferne ziehen. Seit dem Hochmittelalter gehen ausgelernte Zimmerleute, Maurer, Tischler und Steinmetze als Gesellen auf die Walz. Sie dürfen sich in dieser Zeit maximal auf 50 Kilometer (➝ Olympia) ihrem Heimatort nähern und sollen, gekleidet in schwarze Kluft mit Hut, möglichst viel (Lebens-)Erfahrung sammeln. 2015 wurde die Walz von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Eine Tradition mit Vorbildfunktion: Die Journalistin Jessica Schober ging auf die „Wortwalz“ und machte neulich ein Buch draus. Sarah Alberti

O

Olympia Geheimtipp im olympischen Feld sind die Geher. Seit 1932 ist Gehen olympisch, ein durchaus beliebter Sport ist es bereits seit dem 18. und 19. Jahrhundert. Schon damals gab es in Großbritannien ambitionierte „Pedestrianism“-Wettbewerbe. Der Ehrgeiz hat sich bis heute gehalten, auch hier wird kräftig gedopt, der Weltrekord im 50-Kilometer-Gehen der Männer liegt bei beachtlichen 3:32:33.

Trotzdem zeigen sich manche Zuschauer nicht restlos begeistert, was auch mit den Regeln zu tun hat, die vorschreiben, dass die Geher nie die Bodenhaftung verlieren dürfen und das vordere Bein immer durchgestreckt werden muss. Wer sich nicht daran hält, wird disqualifiziert. Die Folge sind ernst dreinblickende, hüftsteif watschelnde Menschen, die einen etwas obskuren (Silly Walks) Eindruck hinterlassen. Aber zwischen all den olympischen Paradedisziplinen gibt das diesem Sport eben seinen besonderen Touch. Benjamin Knödler

P

Philosophie Umberto Eco meinte einmal, kluge Gedanken kämen ihm oft auf der Toilette. Klare intellektuelle Bekenntnisse sind allerdings häufiger zum Rund- als zum Stuhlgang überliefert. Oft werden dafür die Peripatetiker genannten Schüler des Aristoteles herangezogen (in der Wandelhalle, peripatos, fand der Unterricht statt). Tatsächlich lief Ludwig Wittgenstein im Hörsaal dozierend rastlos auf und ab, und Karl Marx saß beim Schreiben zu Hause nur wenige Minuten auf dem Stuhl, um dann sinnierend den Tisch zu umrunden.

Martin Heideggers Hang zum Gang ist legendär. „Wege – nicht Werke“ stellte er seinen Schriften als Motto voran. Oft zog es Heidegger auf seine Wald- und Wiesenstrecke, die heute eine Touristenattraktion (➝ Wandern) ist: „Wenn die Rätsel einander drängten und kein Ausweg sich bot, half der Feldweg.“ Nietzsche wiederum forderte, „keinem Gedanken Glauben zu schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung“. Das Sitzen galt ihm als „Sünde wider den Heiligen Geist“, womit er heute wieder voll im Trend liegt. Tobias Prüwer

Pilgern Spätestens seit TV-Größen wie Hape Kerkeling vorangingen, erlebt das Pilgern als esoterisch imprägnierte Seelenhygiene sein großes Comeback. Waren es 1973 nur 37 Personen, die auf dem Jakobsweg trotteten, zieht es heute jährlich hunderttausende Sinn- und Abenteuersuchende auf den „Camino“. Gereinigt und geläutert kommen sie schließlich in Santiago de Compostela an. Bei Kerkeling – selbstdeklarierter „Buddhist mit christlichem Überbau“ – brauchte es Hörsturz und Lebenskrise, um sich auf den Weg zu machen und 2007 Ich bin dann mal weg zu schreiben. Wie Kerkeling erhofft sich laut einer P.M.-Guide-Umfrage jeder fünfte Pilger die „Rettung aus einer Krisensituation“. Aber womöglich muss man dafür gar nicht mehr vor die Tür. Das verspricht zumindest ein 2012 erschienenes Buch mit dem verlockenden Titel Der Jakobsweg für zu Hause. Ann Esswein

R

Ruanda Englebert Munyambonwa läuft durch die Straßen von Nyamata in Ruanda. Er kennt jede Ecke, jede Kneipe, wo er hofft, dass ihm einer ein Bier ausgibt. In engen Räumen hält er es nicht mehr aus, er muss gehen, immer weitergehen, umdas, was er erlebt hat, zu vergessen. Munyambonwas Geschichte, die der Reporter Jean Hatzfeld in seinem Buch Plötzlich umgab uns Stille aufgeschrieben hat, handelt von einem 66-jährigen Mann, der den Genozid der Hutu an den Tutsi in den 90er Jahren zwar überlebte, aber traumatisiert ist. Wie so viele Überlebende eines Völkermords fragt er, „warum wir noch da waren, die anderen nicht“. Ihn treibt eine Schuld, für die er nicht verantwortlich ist. In den besten Fällen wird diese Art Bewegungsenergie Literatur (➝ Bernhard). Ulrike Baureithel

S

Silly Walks Der aus den Marx-Brothers-Filmen bekannte Groucho-Walk hat unterschiedlichste Gangarten erkennbar beeinflusst: von Monty Pythons „Ministry of Silly Walks“ über die DDR-Grenzer bis hin zu griechischen Wachsoldaten. Genau so habe ich mir stets Carlos Castanedas „Gang der Kraft“ vorgestellt, weshalb ich mit Esoterik (➝ Pilgern) nie warm geworden bin. Allerdings wird Grouchos Gehweise, mit aufrechtem Oberkörper und in der Hüfte eingeknickten Beinen, von Physiotherapeuten zur Stärkung der Beinmuskulatur empfohlen, Kampfsportler üben sie, um Angriffe aus dem Stand zu verbessern, und Kameraleute mit Steady-Cams, um Letztere ruhig in der Vertikalen zu halten. Uwe Buckesfeld

W

Wandern „Wer geht, sieht im Durchschnitt ➝ anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt“, bemerkte Dichter Johann Gottlieb Seume, der 1801 im sächsischen Grimma zum „Spaziergang nach Syrakus“ startete. Er wanderte eher, als dass er einfach nur herumspazierte. Denn er hatte ein Ziel vor Augen (➝ Zielstrebigkeit), das er in fünf Monaten auch erreichte. Was ihn dazu antrieb – Neugier, Weltflucht, Spleen –, ist nicht geklärt.

Dafür inspirierten seine Reisenotizen Heinrich Heine zur Harzreise und F. C. Delius’ Erzählung Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus. Mit seinem Gewaltmarsch gab Seume zwar nicht das Tempo, aber die Richtung vor. Im 19. Jahrhundert wurde das Wandern des Bürgers Lust, es zog ihn in die Natur. Noch vor den Ostseebädern wurden die Alpenvereine so zum ersten Motor des Massentourismus. Ein „Zukunftsmarkt“ ist das heute immer noch. Laut einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums geht mehr als die Hälfte der Deutschen wandern, Tendenz steigend. Tobias Prüwer

Z

Zielstrebigkeit Mit festem Schritt und klarem Ziel eine klar definierte Distanz zu überwinden, ist die größte und allererste Freude des Menschen. Alle anderen moderneren Fortbewegungsversuche – von A wie Automobil bis Z wie Zug – haben zwar auch ihre kurzfristigen Vorzüge, ziehen aber auf lange Sicht gegen die Schrittgeschwindigkeit immer den Kürzeren.

Sie sind, um im schiefen Bild zu bleiben, unbefriedigende Prothesen. Der schnelle Schritt nach vorn (immer nur nach vorn!) ist dabei vom müßigen Spaziergang und vom noch viel müßigeren Flanieren (➝ Dérive) zwingend zu unterscheiden: Er ist, in Ablehnung eines billigen Selbstzwecks, viel mehr Mittel zum Zweck einer selbst veranlassten Landnahme. Für den zielstrebig Schreitenden gilt: Jede Distanz, die irgendwie zu Fuß zu bewältigen ist,ist unbedingt zu Fuß zu bewältigen. Timon Karl Kaleyta

06:00 13.07.2016
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 1