Gezwitscher

A–Z Von wegen Vogelsterben! Diverse Nervensägen zwitschern wie eh und je, wie die Brüder Roth in „Kritik der Vögel“ kenntnisreich darlegen. Unser Wochenlexikon
Gezwitscher

Foto: Yuri Kadobnov/AFP/Getty Images

A

Amsel Allzu viel ist der Amsel nicht anzulasten. Sie kleidet sich geschmackvoll, nimmt ab und zu ein Bad, singt zum Niederknien schön und, meinte der Ornithologe Walter Wüst in seinem Buch Die Brutvögel Mitteleuropas, sogar „phantasievoller“ als die Nachtigall.

Nimmt man zudem das sattelfeste Urteil des Jahrhundertgenies Heino Jaeger hinzu, die Amsel sei ein Wesen, das uns „kostenlos erfreut und zum Nachdenken anhält“, ja, sie sei „sehr bescheiden“ und „ein Vogel, der sehr viel fliegt“, dann müsste auf ihrem Schuldkonto gähnende Leere herrschen – wäre da nicht ein höchst ärgerliches, im Grunde bellizistisches Sozialverhalten (Birdwatching) am Futterplatz: dieses von uns intensiv inspizierte Dauergezeter und -gehacke in einer Neunermannschaft Amseln, denen Mutter und Vater geröstete Haferflocken in enormsten Mengen darbieten. Nein, Amsel, so nicht. So nun wirklich nicht. Künftig bloß noch Sonnenblumenkerne. Jürgen Roth

B

Birdwatching Frühling! Ich freue mich aufs After-Work-Birding. Der NABU bietet bald wieder seine kostenlosen Vogelstimmenführungen für ornithologische Laien im Berliner Tiergarten an. Der frühe Abend ist dafür besonders geeignet, weil die einzelnen Vogelarten nacheinander ihren Abendgesang anstimmen und so für Anfänger besser zu unterscheiden sind. Man lernt unter anderem, dass die Nachtigall-Männchen, die man im Juni noch hört, Junggesellen geblieben sind, wer am lautesten (Schüttelspeer, Nachtigall II) singt und wer lieber andere imitiert, als sich ein eigenes Lied einfallen zu lassen.

Vielleicht ist in diesem Jahr auch wieder der stille Herr mit Anzug und Aktentasche dabei, der am Ende der Veranstaltung ein entspanntes Lächeln im Gesicht hatte, das man sonst nur durch Yoga oder Kiffen bekommt. Elke Allenstein

C

Ćuk Was „Snek Bar“ heißen soll, erkennen Sie sicher sofort. Und auch auf die Bedeutung von „Vikend“ kommt man einigermaßen schnell. Aber erinnern Sie sich an Walker, Teksaški Rendžer, die amerikanische Erfolgsserie aus den 1990ern? Nö? Na kommen Sie! In Kroatien war sie wahnsinnig angesagt, diese Serie. Und im Kroatischen schreibt man eigentlich fast alles genau so, wie man’s spricht. Zu diesem Zweck hat man auch ein paar Buchstaben mehr auf der Tastatur des Computers (Zwitschermaschine).

Wissen sie, welche Geräusche eine Zwergohreule, die kleinste europäische Eulenart, im Zoologenlatein otus scops genannt, macht? Das hört sich in etwa so an: tschuk, tschuk, tschuk, tschuk. Und warum nicht gleich den Vogel nach seinem Gesang benennen? Der erste laue Sommerabend an der dalmatinischen Küste war für mich schon immer erst dann so richtig perfekt, wenn aus der Ferne der Ćuk rief: Ćuk, Ćuk, Ćuk, Ćuk (Zilpzalp). Den Ex-Kampfsport-Champion und Star aus Walker Texas Ranger (1993 – 2001, 202 Episoden und ein Fernsehfilm) schreiben sie da unten trotz alledem nicht Ćak Norris. Mladen Gladić

G

Geld Nein die Kuckucks-Uhr ist keine Schweizer Erfindung. Ihre Ursprünge liegen im Schwarzwald. Das Image der Kuckucks-Uhr ist dem des Gartenzwergs vergleichbar. Dabei beglückt der Ruf des Kuckucks. Jetzt dauert es keinen Monat mehr, bevor man ihn hören kann, In der Schweiz (Heimat) heißt er „Gugger“, komisch, so geht das ja Lautmalerische seines Namens verloren. In meiner Kindheit hieß es, dass man beim ersten Ruf Geld im Hosensack haben sollte, dann sei das Jahr monetär abgesichert. Ich dachte lange, dass dieser Aberglaube nur in der Schweiz herrschte (spezielle Beziehung zum Geld). Ist aber auch falsch, es handelt sich um eine Bauernregel, die weit herum bekannt war. Michael Angele

H

Heimat Gezwitscher ist Gezwitscher, könnte man meinen. Vogelforscher aber wollen herausgefunden haben, dass Vögel in Dialekten zwitschern, sogar auch ihre dialektal eingefärbten Melodien samt veränderter Trillerfrequenz gegenüber Gesängen der gleichen Art mit anderem Dialekt bevorzugen. Was der Vogel nicht kennt, das singt er nicht. So ein Rotkehlchen, gewiss auch der gemeine Haussperling (Zilpzalp), beweist seine Heimatverbundenheit, indem er in landes- undregionaltypischem Singsang frohlockt. Hierfür benötigen die gefiederten Freunde weder Ministerium noch Ministerialbeamte. Die Heimatverbundenheit liegt ihnen im Gefieder. Marlen Hobrack

K

Kritik Eine Kritik der Vögel zu schreiben sei, mussten sich mein Bruder Thomas und ich anhören, wie darüber zu sinnieren, ob man die Luft zu vermehren in der Lage wäre. Quatsch! Zum einen kann man haltlos Karl Valentin unterbringen („Des is’ doch kein Tintenfisch, des is’ ja a Steinadler“), zum anderen leitet sich das Wort „Kritik“ zweifellos vom griechischen Wort „krinein“ ab, das „scheiden, unterscheiden“ bedeutet. In Anbetracht der vielgestaltigen Verkommenheit im Vogelkosmos (im Radio hört man zum Beispiel von „fiesen Enten“) möchten wir eisenhart zwischen einem melancholischen Rotkehlchen und einer affenmordenden Harpyie, zwischen einer filigranen Schwalbe und einem ochsenartigen Kasuar, zwischen fidelen Finken und perversen Pinguinen distinguieren dürfen. Jürgen Roth

Info

Kritk der Vögel Jürgen und Thomas Roth, Illustration von F. W. Bernstein, Blumenbar 2017, 322 S., 24 €

L

Lüge Kabale und Intrige haben keine Chance, wenn ein wissender Vogel den Verrat trällert. Bei Schillers berühmter Ballade Die Kraniche des Ibykus überführen eben jene Tiere durch ihre pure Erscheinung am Himmel eine Mörderbande. Aristophanes „Vögel“ gehen der Stimme zweier schräger Vögel, nämlich demokratiemüder Exil-Athener, auf den ideologischen Leim. Sie lassen sich vom Wolkenkuckucksheim blenden und wählen ihre eigenen Schlächter zu ihren Anführern. In Schwanengestalt macht der Griechen Obergott Zeus einen Vogel selbst zum Zeugnis der Lüge, als er Leda je nach Lesart verführte oder bedrängte.

Jenseits der Fiktion landete eine verräterische Vogelstimme 2007 vor Gericht. Ein Brite stahl einen wertvollen Papagei, wurde aber von der Polizei gestellt. Er gab das Tier als sein Eigentum aus, es heiße Blue. Die echte Besitzerin gab als Namen Barney an. Der Vogel bestätigte das, als er vor Gericht „Barney“ krächzte – Piep, piep, piep, da sitzt der Dieb. Tobias Prüwer

N

Nachtigall I Zumal im Frühjahr ist es sinnvoll, in der Kneipe unnachgiebig Bier zu trinken. Du hockst da also stundenlang rum, und gegen drei Uhr in der Nacht brichst du auf, trittst vor die Tür, und durch die linde Luft schwirren und fliegen und flattern die ungeheuersten Melodien (➝ Zwitschermaschine).

Hättest du den Abend nicht so verbracht, du hättest den Kontergesang zweier Nachtigallen nicht vernommen, dieses kunterkonfuse kompetitive Getön, das Johann Friedrich Naumann zu wunderbaren Elogen hinriss: „Mit unbeschreiblicher Anmut wechseln in diesem Schlage sanft flötende Strophen mit schmetternden, klagende mit fröhlichen und schmelzende mit wirbelnden; wenn die eine sanft anfängt, nach und nach an Stärke zunimmt und sterbend endigt, so werden in der anderen eine Reihe Noten mit geschmackvoller Härte hastig angeschlagen.“ Seitenlang geht das so. Zu Recht. Jürgen Roth

Nachtigall II In des großen Briten Drama Romeo und Julia wird viel gezwitschert. Schließlich handelt die erste und einzige Meinungsverschiedenheit der Liebenden ja von Vögeln (nicht der Dativ!!!!). Sie hofft, es sei die Nachtigall, er – als echter Mansplainer - korrigiert, es sei die Lerche und hat sogar Recht, was sie sofort einsieht. Schon eilt die Amme herbei – die gern mal einen Aquavit zwitschert – und warnt vor der Mutter im Anmarsch. Später werden allerlei Kräutertränke gezwitschert. Sie trinkt zuerst und ist scheinbar tot. Der Rest – ein Trauerspiel, das mit Twitter unter #falschesgift vielleicht nicht passiert wäre. Oder doch? Er kriegt Infos, die Fakenews (Lüge) sind, hält die Scheintote für real „hinüber“, wird ihr Follower ohne Rückkehrticket. Sie wacht auf, sieht die Bescherung. Der Rest könnte dann unter #rostigerdolch. gezwitschert werden. Magda Geisler

S

Schüttelspeer Der Lancea Agitus (lat.), eine entfernt dem Rohrspatz verwandte Meisenart, zeichnet sich durch seine Bandbreite stimmlicher Ausdrucksmöglichkeiten aus. Die von fordernd bis verspielt reichenden Deklamationen klingen vor allem im Frühjahr über die Wipfel vieler Mischwälder (Heimat).

Den Namen bekam der S. durch die Blitzmauser der Weibchen während der nur einwöchigen Paarungszeit. Durch schnelles Schütteln des Gefieders, das dann zugunsten eines weißen Flaumes abfällt, geben sie sich als Weibchen zu erkennen und signalisieren Paarungsbereitschaft. Die Brut wird in den Nestern aus den abgefallenen, bunten Federn aufgezogen, während sich die Weibchen dabei äußerlich in Männchen rückverwandeln. In der Genderforschung wird der S. als Beweis für die Geschlechtszuordnung als Ausdruck einer kollektiven, sozialen Erfindung herangezogen. Marc Ottiker

Z

Zilpzalp Der Zilzalp ward benamst nach seinen Lautäußerungen – wie der Kuckuck und der Uhu (Ćuk). Er macht halt „Zilp-zalp“, wofür er die Syrinx, den komplexen Stimmapparat der Vögel, strenggenommen nicht bräuchte. „Zilp-zalp“ macht er, höchstens noch „Zalp-zilp“ oder „Zulp-zolp“ – ach, was weiß ich.

Der Laubsänger (Sänger! Ha!) ist ein ziemlicher Hund und fauler Geselle und Sack, weshalb ich mich ihm anverwandle und aus Trägheitsgründen meinen Bruder zitiere: „Kleiner, zarter und schlanker als der Spatz, gräulich-braun, mit eher verwaschener als leuchtendweißer Bauchseite, der Schnabel undefinierbar schnabelfarben, Knopfaugen und dunkel getönte dünne Beine, beweglich im Gezweig, aber nicht akrobatisch, munter, aber nicht kapriziös, von allenfalls mattem Glanz.“ Wie willste mit dem einen Staat machen? Eben deshalb: im Moment mein Lieblingsvogel. Jürgen Roth

Zwitschermaschine 1922 entstand Paul Klees Vision einer „Zwitschermaschine“ – jenes ikonische, im MoMA befindliche Werk des Künstlers, das einen Tierautomaten darstellt, vier Vögel sind es, die durch eine Kurbel bewegt werden. Was soll dieses mit Bleistift und Tinte überzeichnete kleine Aquarell? Der Kunsthistoriker Eduard Trier hat darauf hingewiesen, dass es gerade die Unwahrscheinlichkeit des Ganzen ist, die ihm so gut gefällt.

Es zwitschert und trillert. Zumindest im Kopf. „Der Magier Klee“, so nennt ihn Trier. Das Bild wurde mannigfaltig interpretiert: als Kritik des Maschinenzeitalters, als poetische Reflektion über die Liebe (Geld) der Menschen zum Vogelgesang. Wie die Zwitschermaschine klingt, das kann man sich imaginieren – oder man höre die Musik der gleichnamigen, mit Cornelia Schleime und Sascha Anderson renommiert besetzten Kunsthochschulband aus Ostberlin, die von 1979 bis 1983 damit beschäftigt war, Dada, Punk und Neue Musik (Nachtigall II) zu fraternisieren. Marc Peschke

06:00 08.04.2018
Geschrieben von

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 15