Glückliche Geiseln

Literatur Zwei Romane erzählen von der Janusköpfigkeit des Spätkapitalismus, der lächelt, während er ausbeutet
Glückliche Geiseln
Ist die freundliche Maske ab, züngelt die zweiköpfige Schlange des Kapitals

Foto: UPI Photo/Imago Images

Er durchdringt uns, er verlockt uns: der Kapitalismus, und immer noch hat er Glücksversprechen, zumal wenn grün angestrichen. Dabei verdrängen wir nur zu gern, dass sich hinter seiner freundlichen Maske eine Schlange verbirgt, deren Gift uns langsam erlahmen lässt. Von dieser Perfidie geben gleich mehrere aktuelle Romane kund.

Allen voran Jörg-Uwe Albigs Satire Das Stockholm-Syndrom und der sadomasochistische Geist des Kapitalismus veranschaulicht bitterböse die Manipulationskraft der neoliberalen Ökonomie. Erzählt wird darin vom eigenartigen Businessmodell der Firma „Human Solutions“. Denn als wäre es das normalste Geschäft der Welt, erzielt sie ihre Umsätze mit Entführungen und setzt auf das titelgebende psychologische Phänomen, das auf eine Geiselnahme vom 23. bis 28. August 1973 in Schweden zurückgeht. Damals solidarisierten sich die Angestellten einer Bank paradoxerweise mit ihren Peinigern. Bei Albig ist daraus ein „Premiumsegment“ entstanden. Man wolle, so das Credo des Unternehmens, „den Klienten dort abholen, wo er stehe“, um ihn für die eigene kriminelle Sache begeistern zu können – mit Erfolg! Nachdem der Sammler Frido von Sendmühl zunächst Opfer dieser Taktik wird, baut er mehr und mehr Vertrauen zu seiner Manipulatorin Katrin Perger auf, mit der er am Ende sogar einen eigenen Konzern gründen wird. Das Trauma ist passé, es lebe der Markt mit seiner therapeutischen Wirkung.

Nicht nur die Parodie des Coaching-Sprechs verhilft dem zynischen Werk zu seiner gesellschaftskritischen Verve, vor allem die die Story durchbrechenden philosophischen Essays über die vermeintliche Verwandtschaft von Kapitalismus und Geiselnahme entfalten Schlagkraft. Beiden ist aus Sicht der Erzählinstanz beispielsweise das „Isolationskontinuum“ gemein. Von frühen Fabriken bis zu den gelenkten Korridoren bei Ikea reicht die Geschichte der Abkapselung von Arbeitenden und Konsumierenden. Erst in ihrer Einsamkeit werden sie empfänglich: „Die Geisel ist so dringend auf Kooperation angewiesen, dass sie sich mangels anderer Optionen in eine Symbiose mit dem Geiselnehmer begibt (…). Auch für das Marktsubjekt sind die Anforderungen des Marktes die einzigen Wünsche, die es sich vorstellen kann.“ Obgleich Albigs radikale Analogiebildungen durchaus erleuchtend sind, tragen sie allein noch keine fiktive Story. Zu langatmig, zu zirkulär fällt der Plot aus, der sich letztlich mehr um gedankliche als um erzählerische Schärfe bemüht.

Psychopolitik: Feel good

Auch bei Claudia Tieschkys Roman Die silbernen Felder motiviert nicht unbedingt ein ausgefeiltes Design zur Lektüre. Vielmehr ist es die dystopische Fantasie, die die LeserInnen in ihren Bann zieht. Erinnernd an die literarischen Visionen eines Stanisław Lem beschreibt sie eine Zukunft im Zeichen des Tech-Kapitalismus. Statt einfacher Waren bietet er maschinell gesammelte, glücksstiftende Erinnerungen: „Das große zivilisatorische Ziel (…) bestand darin, eine sichere digitale Parallelexistenz zur materiellen Welt zu erschaffen (…). Menschen würden sich dort aufhalten, wenn sie dabei einen Zustand von Glück erleben könnten.“ Um dieses Paradies zu erzeugen, findet eine globale Überwachung des Bewusstseins aller statt. Nur die sogenannten Alleingänger versuchen sich ihr zu entziehen. Eine von ihnen ist Fiona, das geheime Gravitätszentrum des Textes. Nachdem sie verschwunden ist, beginnt ihre Schwester und Ich-Erzählerin die Spurensuche aufzunehmen und unterdessen die perfide Logik des Kontrollregimes in all ihren Ausmaßen zu erkennen.

Was in dieser Fortentwicklung des heutigen Dataismus zum Tragen kommt, sind gleich mehrere theoretische Bezugslinien. Zum einen zu dem Kulturpessimisten Jean Baudrillard, der schon Ende der 1970er-Jahre proklamiert, die Realität würde sich in einer gigantischen Simulation auflösen. Zum anderen zu den Denkarchitekturen Byung-Chul Hans. Bezeichnet er mit dem Begriff Positivgesellschaft einen sich aus all unseren Facebook-Likes herausbildenden Feel-Good-Kapitalismus, so findet sich dessen perfekte Inszenierung in Tieschkys Roman wieder. Dieser intellektuelle Überbau des Textes, der Zufriedenheit für alle verspricht, erweist sich als anregend. Nicht minder wertvoll ist sein Ton, der einem Lamento gleicht. Seine Protagonistin trauert über den irreversiblen Verlust von Intimität und übt sich im stillen Widerstand, vielleicht als einer der letzten Menschen überhaupt.

Ob nun mit Melancholie oder Sarkasmus – die Gegenwartsliteratur begegnet den Verheißungen auf ein gutes Leben im Spätkapitalismus mit riesiger Skepsis. Mehr noch, sie sieht in ihm den Inbegriff der „Psychopolitik“ (Han). Längst bedarf er nicht mehr der offensichtlichen Unterdrückungsmechanismen wie noch zu Beginn der industriellen Revolution. Nun verändert er das Denken. Und zwar so lange, bis ihn all jene, die in seinen Mühlen stecken, als Gottes Geschenk auffassen. Effizient ist das, denn Ressourcen für Überwacher braucht es nicht mehr. Die Visage des Spätkapitalismus verkauft uns Ausbeutung als liebevolles Geschenk.

Dass sich die Belletristik intensiv und wachsam mit dieser Evolution auseinandersetzt, mag nicht neu sein. Man denke nur an die letzten Romane von Thomas von Steinaecker, Eugen Ruge oder Dorothee Elmiger, die ähnlich kritisch und offensiv ausfallen wie Tieschkys und Albigs Texte. Vermissen darf man in dieser Literatur allerdings noch immer den Mut zur Entwicklung von Gegenwelten. Man kann sich nur wünschen, dass aus dem klagenden Ton eben bald einmal der Impuls zum Freischreiben entspringt. Denn es gibt auch einen Postkapitalismus. Allein ein Name für ihn fehlt noch immer.

Info

Das Stockholm-Syndrom und der sadomasochistische Geist des Kapitalismus Jörg-Uwe Albig Klett-Cotta 2021, 240 S., 20 €

Die silbernen Felder Claudia Tieschky Rowohlt Verlag 2021, 192 S., 22 €

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06:00 09.10.2021

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