Greiser Horizont

Kunstfreiheit Satire steht nicht vor dem Aus. Aber wer im Gestern hängen bleibt, kann schlecht die Welt parodieren. Eine Replik auf Jürgen Roth
Greiser Horizont
Trinkt Heutigkeit in vollen Zügen: Sophie Passmann

Foto: Patrick Viebranz

Die Gastwirtschaft Horizont im Frankfurter Nordend schloss 2007, damals war ich noch minderjährig und die SPD eine Volkspartei. Das Ganze ist also schon mehr als ein Jahrzehnt her, dennoch trauert der Autor Jürgen Roth dieser Kneipe und den Stunden, die er dort mit Redakteuren der Satirezeitschrift Titanic in den 1990ern verbrachte, ganz offensichtlich hinterher. In einem Gastbeitrag erinnerte er sich vor zwei Wochen an dieser Stelle (der Freitag 23/2018) an „aberwitzig lustige Ideen“ der Satiriker, die sie zwischen vielen Gläsern Bier erfanden und dann auch direkt wieder verwarfen, weil sie ohnehin nie abgedruckt hätten werden können. Anlass für diese Nostalgie, die fast schon zukunftsverweigernd wirkte, war eine alarmierende These: Die Satire in Deutschland steht vor dem Aus.

Weil der ehemalige Chef-Karikaturist der Süddeutschen Zeitung aufgrund von Antisemitismus-Vorwürfen von der Chefredaktion entlassen worden war, warnte Roth vor dem „Ende der komischen Kunst in jeglicher Spielart“. Die Frage, ob die zur Diskussion stehende Karikatur von Dieter Hanitzsch wirklich antisemitische Züge aufwies, war für ihn dabei lediglich Steigbügelhalter für einen Rundumschlag gegen alles, was das Vermächtnis von ihm und seinem Altherrenstammtisch zu gefährden scheint: die „Political Correctness“, Sprach- und Denkverbote, „Instantmeinungen“ auf den „Plapperkanälen“ des Internets. Es scheinen harte Zeiten angebrochen zu sein für weiße Männer, seit sie nicht mehr alleine entscheiden dürfen, was witzig ist und was nicht.

System des Stumpfsinns

Die besagte Karikatur von Dieter Hanitzsch zeigte Israels Ministerpräsident Netanjahu mit großer Nase und großen Ohren, wie er eine Bombe mit Davidstern in die Höhe streckt. Anlass war der Sieg Israels beim ESC, was das Land zum Austragungsort für den Song Contest 2019 macht. Auf mehr Details verzichte ich hier, weil das in den vergangenen Wochen viele Autoren detailliert genug getan haben und solche Bildbeschreibungen sich zwangsweise ein wenig lesen wie ein Deutschaufsatz, den ich in der Mittelstufe geschrieben hätte. Die dazugehörige Bedeutung ist so flexibel zu interpretieren, dass sie in nahezu jedes Weltbild passt.

Dabei ist die Frage nach der Intention der Karikatur weniger spannend als die Frage nach ihrer Entstehung. Denn sie ist ein Symptom fehlender Reflexion. Hanitzsch ist nicht zwangsweise Antisemit und eine große Nase macht die Karikatur an sich noch nicht judenfeindlich. Allerdings ist die Zeichnung das Phänomen einer Geisteshaltung, in der Meinungsmacher völlig resistent gegen den Wandel der Welt, die sie umgibt, zu sein scheinen.

Das Problem dabei ist nicht ansatzweise die Überzeichnung an sich. Auch wenn Roth sie als gefährdete Spielart sieht, ist sie heute so lebendig wie in den 1990ern. (Wer daran zweifelt, dem empfehle ich die Lektüre des Internets, neuste Auflage, diverse Verlage.) Das, was diskutiert, kritisiert und belächelt wird, ist die plumpe, die stumpfsinnige Überzeichnung. Man weiß ja gar nicht, ob die Karikatur wirklich im Mai 2018 oder doch auch schon in den 1990ern in dieser berühmten Kneipe nach drei Pils und vier Altherrenwitzen auf einen Bierdeckel geschmiert wurde. Egal wann, wo und mit wie viel Promille, diese Karikatur wurde tatsächlich „in voller Dummheit“ fabriziert, wie Jürgen Roth es Robert Gernhardt zitierend einordnet. Obwohl Roth die Dummheit aber scheinbar als etwas Schützenswertes proklamiert (solange sie nur nicht von irgendwelchen Kritikern auf „Plapperkanälen“ verbreitet wird), haben wir doch schon mehr als genug davon in der deutschen Medienbranche. Durch eine ganz beachtliche Mixtur aus Vetternwirtschaft, Tradition, Selbstüberschätzung und dem Unwillen zum Wandel übt sich ein System der Stumpfsinnigkeit im Selbsterhalt. Denn auch in Dummheit wurde Hanitzsch von der Süddeutschen nach der dann doch nicht abreißenden Kritik an der Karikatur entlassen. Von außen wirkte die Reaktion der SZ-Chefredaktion wie intellektuelle Schockstarre mit anschließender Übersprunghandlung, die Entlassung war weder nötig, noch war sie integer, noch aufrichtig, noch lösungsorientiert.

Das reflexhafte und vorschnelle Betrauern der Meinungs- und Kunstfreiheit aber ist heute weltfremd und insbesondere im Kontext von Antisemitismus in Deutschland beleidigend. Es gibt wenige Meinungen, die in Deutschland weiterhin so salonfähig sind wie Antisemitismus. Die Satirefreiheit in Deutschland ist besser geschützt als ein Kippa-Träger in Prenzlauer Berg.

Das Gut, das Roth gefährdet sieht, ist letztlich das Lustige, wobei er seinen ganz eigenen Anspruch an das Lustige als einzigen Maßstab für die komische Kunst an sich zu sehen scheint. Was er lustig findet, muss verdammt noch mal auch allen anderen Lust bereiten, die auch nur ansatzweise Ahnung von Humor haben. Diese Haltung basiert auf dem konstanten Ignorieren von Sprecher- und Empfängerrollen. Dabei ist es erkenntnistheoretisch doch recht simpel: Es gibt Dinge, die findet Roth lustig, weil er ist, wer er ist. Und es gibt Dinge, die bereiten mir Lust, weil ich bin, wer ich bin. Alte weiße Männer, die ihr Vermächtnis von der Postmoderne bedroht sehen, beispielsweise, finde ich persönlich irre komisch. Meiner Erfahrung nach teilen die meisten alten weißen Männer meinen Humor da nicht, denn so sehr sie auf ihr Recht pochen, über andere lachen zu dürfen, so schlecht sind sie oftmals in Selbstironie.

Schuld am Ende der Satire sollen die Machenschaften einer „ungebildeten, moralpolitisch verhärteten, feindfixierten postmodernen Linken“ sein, die ein „Diversity“-Mantra verbreitet und damit langsam, aber sicher das Erbe der lustigen Satiriker aus den 1990ern vernichtet. Roth scheint das Konzept von Diversity so fremd zu sein, dass er das Wort mit einem sprachlichen Sicherheitsabstand in Anführungszeichen setzt. So, als ließe sich eine „diverse“ Gesellschaft verhindern, wenn man sie nur lang genug ironisiert.

Methodisch sitzt Roth mit seinem Beitrag im selben Boot wie Hanitzsch, denn auch er sperrt sich gegen einen Wandel, den man nicht aufhalten kann. Wer die Welt parodieren will, darf nicht aufhören, sie zu betrachten.

Die Runde geht auf mich

Das, was schnell als Sprech- oder Denkverbot und daraus folgendes Ende der Satire verkauft wird, ist schlicht der Anstand, den eine diverse Gesellschaft heute einfordert, endlich einfordern kann. Die meinungs- und diskursbildende Öffentlichkeit besteht nicht mehr nur aus feixenden Herren, die recht unbeschadet durch die Welt schreiten und deswegen Zeit für etwas Ulk haben. Es gehört sich, Rücksicht auf Minderheiten zu nehmen und auf Gruppen, die in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten durch Sprechverbote, Unterdrückung, Marginalisierung oder sogar Vernichtung stumm gemacht wurden. Es ist das einzig Zeitgemäße.

Satiriker dürfen heutzutage immer noch genauso viel sagen, belächeln und bewitzeln wie früher, die Menge an anständigen Aussagen ist gleich groß geblieben. Aussagen, die heute unanständig sind, waren es auch früher schon, nur wurden die, die unter der Anstandlosigkeit litten, damals schlicht nicht beachtet. Wer Angst hat, Witze zu machen, weil er anderen auf die Füße treten könnte, leidet nicht unter den Füßen der anderen, sondern unter der eigenen Tollpatschigkeit. Man darf alles sagen in Deutschland, die einzige Frage ist, ob man es sagen will.

Das Horizont im Frankfurter Nordend hat schon lange geschlossen, die Stühle sind hochgestellt am Altherrenstammtisch. Wer jetzt eine neue Kneipe finden will, muss mit der Zeit gehen, denn Wandel lässt sich nicht aussitzen. Ich kenne ein paar tolle Kaschemmen, in denen sitzen auch unfassbar komische Menschen, darunter sogar Frauen, der ein oder andere Ausländer, auch ein paar Juden, die über Hanitzschs Karikatur nur müde lächeln können, weil sie schon vorm ersten Kaffee härtere Witze über Netanjahu machen. Ich lade Jürgen Roth gerne ein, die erste Runde geht auf mich. Es gibt keine Sprechverbote, dafür kaltes Bier. Versprochen.

Sophie Passmann, geboren 1994, ist Radiomoderatorin beim WDR, außerdem Autorin und Kolumnistin, unter anderem für Spiegel+ . Gerade schreibt sie ein Buch über alte weiße Männer, das im Frühjahr 2019 erscheint

06:00 27.06.2018

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