„Grünes Wachstum“ wird uns nicht retten

Klimawandel Alle Versuche, den wachsenden Wohlstand zu ökologisieren, sind nicht nur gescheitert, sondern mitunter kontraproduktiv. Es hilft nur Einschränkung
„Grünes Wachstum“ wird uns nicht retten
Kaputte Solarpaneele nach einem Hurrikan in Puerto Rico: Angebliche Entlastungserfolge beruhen darauf, Umweltschäden geografisch oder physisch zu verlagern, also in neue Probleme umzuwandeln

Foto: Ricardo Arduengo/AFP/Getty Images

Ein „grünes“ Wachstum soll erwirken, dass die industrielle und digitale Wirtschaft weiter expandieren kann, ohne Schäden zu verursachen. Ressourcen sollen effizienter genutzt, Stoffkreisläufe geschlossen und erneuerbare Energien eingesetzt werden. Dieser auch als „Green (New) Deal“ bezeichnete Wohlstandsschutz erweist sich als verantwortungslos: Das Schicksal der Menschheit wird von einem Fortschritt abhängig, der nirgends eingetreten ist und dessen Entstehen unbeweisbar ist. Zudem ist von den technologischen Innovationen vorher nicht bekannt, ob deren Nebenfolgen nicht alles zunichtemachen, was sie an Lösungen versprachen.

Jedenfalls sind alle Versuche, wachsenden Konsum-, Mobilitäts- und Digitalisierungswohlstand zu ökologisieren, nicht nur gescheitert, sondern bisweilen kontraproduktiv. Die Summe bekannter und neuer Schadensaktivitäten hat permanent zugenommen. Angebliche Entlastungserfolge beruhen darauf, Umweltschäden geografisch oder physisch zu verlagern, also in neue Probleme umzuwandeln.

Für das Fundament aller grünen Wachstumsträume, nämlich die Windkraft, gilt dies mehrfach. Das Zauberwort „erneuerbar“ trübt jeden vernunftgeleiteten Blick auf die Limitationen der damit etikettierten Energieträger. Die Gleichung „erneuerbar = unbegrenzt = ökologisch“ ist unzutreffend. Wind ist eine knappe Ressource, die innerhalb eines bestimmten Zeitabschnitts und geografischen Raumes begrenzt ist und diversen Verwendungskonkurrenzen unterliegt. Je geringer der Abstand zwischen Windkraftanlagen und je größer diese sind, desto geringer ist die durchschnittliche Ausbeute, weil die von einer Anlage abgeschöpfte Bewegungsenergie für die anderen „verbraucht“ ist. Weiterhin ist die von den Rotoren abgeschöpfte Windenergie nicht mehr für die Entstehung von Regenwolken verfügbar. Durch diesen und weitere Effekte beeinflussen Windkraftanlagen das Klima, wie neue Studien aus den USA zeigen: Sie können zu signifikanten Temperaturerhöhungen bis hin zur Verstärkung von Dürren im Sommer beitragen.

Die Energiedichte von Wind wird maßlos überschätzt. Dementsprechend hohe Flächenverbräuche lassen erstens weitere physische Begrenzungen offenkundig werden, bedingen zweitens hohe Schäden für Natur und Landschaft – ganz zu schweigen von einem Szenario, in dem der motorisierte Individualverkehr und die Beheizung von Wohnraum elektrifiziert werden – und tragen drittens zum Verlust unverdichteter Böden bei, die als hydrologischer Puffer entfallen, wie das aktuelle Hochwasserdrama zeigt. Hinzu kommt der immense Verbrauch an mineralischen Ressourcen, keineswegs nur die Anlagen selbst, sondern die nötigen Infrastrukturen betreffend. Dessen Relevanz wurde bislang genauso verdrängt wie die sich derzeit auftürmenden Entsorgungsprobleme, weil die ersten Generationen von Windkraftanlagen durch neue zu ersetzen sind.

Wenn es unmöglich ist, materiellen Wohlstand plünderungsfrei zu erzeugen, muss sich die soziale Frage des 21. Jahrhunderts – die zugleich zur Überlebensfrage wird – darauf richten, die Inanspruchnahme knapper ökologischer Ressourcen global gerecht zu verteilen. So würde die Einhaltung des Zwei-Grad-Klimaschutzziels erfordern, dass die jährlichen CO2-Emissionen pro Kopf durchschnittlich noch eine Tonne betragen. Dies setzt einen Prozess des Rückbaus und der Selbstbegrenzung voraus, denn in Mitteleuropa beläuft sich dieser Wert auf 12 Tonnen. Lösbar wird diese Herausforderung auf sozial faire Weise durch eine Postwachstumsökonomie, die fünf Entwicklungsebenen umfasst, nämlich materielle Achtsamkeit (Suffizienz), moderne Selbstversorgung (Reparatur, Gemeinschaftsnutzung, eigene/kollaborative Güterproduktion), eine starke Regionalökonomie (Solidarische Landwirtschaft, Handwerk) sowie eine prägnant verkleinerte und de-globalisierte Industrie, basierend auf einer 20-Stunden-Arbeitswoche.

Niko Paech lehrt Plurale Ökonomik an der Universität Siegen

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06:00 01.09.2021

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