Guilty Pleasures

A–Z Wir ziehen uns erst das schlechte Gewissen erst über, wenn wir mit viel Spaß und voller Absicht etwas nicht sehr Vorbildliches getan haben. Die Beichten im Wochenlexikon

A

Arbeitsethik Es ist komisch, was kollektive Vorstellungswelten mit dem individuellen Gewissen anstellen können. Spätes Aufstehen ist mein Plaisier. Will heißen: Ich schlafe gern in den Vormittag hinein, gern auch bis Mittag. Ich bin halt ein Nachtmensch, nichts zu machen. Begrüßen Twitter-Freunde den neuen Tag mit Kaffee- und Teepiktogrammen, sag ich „Gute Nacht“. Das ist für mich als Freiberufler völlig unproblematisch.

Ich muss nur die Deadlines einhalten. Aber der verinnerlichten protestantischen Arbeitsethik wegen kommt mir regelmäßig ein schlechtes Gewissen auf. Dabei macht mir niemand anderes einen Vorwurf, nur ich mir selber. Dann ploppt das Mantra vom frühen Wurm im Gedankenstrom auf. Ich rechtfertige mich dann selber vorm inneren Ankläger, dass ich doch bis spät gearbeitet habe. Da spielt sich absurdes Kopftheater ab. Dem kann ich nur mit einem Trick (Dösen) beikommen. Ich drehe mich im Federbett noch einmal um. Tobias Prüwer

B

„Bild“-Zeitung Helmut Schmidt las sie und bei Gerhard Schröder gehörte sie zum Regierungskompass. Die Geschichte überliefert, der Ex-Basta-Kanzler bräuchte zum Regieren nur Bild, BamS und Glotze. Auch ich gebe unumwunden zu, dass ich die Bild gern lese. Das braucht schon eine Portion Mut (Zanklaune) derweil, gilt es doch unter tatsächlichen und vermeintlichen Intellektuellen als ein Ausdruck expressiven Haltungsbeweises, Bild-Leser zu ächten. Von den Machern dieses Blattes ganz zu schweigen. Diesen zumeist schmackigen, überwürzten Brühwürfel des Journalismus zu konsumieren, birgt also ein nicht ungeahntes Risiko, ausgegrenzt zu werden. Die Zeiten ändern sich aber, und so schmerzt die Ausgrenzung leider nicht mehr so sehr, wenn Alexander Gauland in der FAZ Gastbeiträge schreiben darf. Dann ist fast alles verloren. Igitt. Jan C. Behmann

C

C60 Wie jeder aufgeklärte und ökobewusste Bürger bin auch ich selbstverständlich gegen SUVs und Geländewagen und schimpfe bei jeder Gelegenheit über sie und ihre arroganten, egozentrischen Fahrer und – nicht selten – natürlich auch Fahrerinnen. Es ist ja kein Geheimnis, dass Ehefrauen (Großtante) und erfolgreiche Single-Moms den SUV ausschließlich dazu benutzen, um den Sohn oder die Tochter zum Fußballtraining oder um Altpapier und Altglas zum nächstgelegenen Container zu bringen.

Allerdings gilt mein Ärger darüber stets nur so lange, bis mir selbst ein SUV zur Verfügung gestellt wird. Bekomme ich für irgendeine Aufgabe einen Mietwagen zugewiesen, oder muss ich gar selbst einen Mietwagen organisieren, sorge ich verlässlich dafür, dass es sich dabei um einen Sport Utility Vehicle handelt – man fühlt sich halt sicherer und komfortabler darin als in jedem mickrigen Mittelklasse-Vernunftsauto. Und dann, allein auf der Autobahn, nachts von Frankfurt nach München in einem herrlich okayen 2,5 Tonnen schweren Volvo C60 kann ich mir angstfrei Sorgen und Gedanken über alles andere machenTimon Karl Kaleyta

D

Dösen Es ist mein „Laster“ inklusive der Schuldgefühle. Hirnforscher haben herausgefunden: einfach dasitzen, in die Luft schauen, sich einem gedanklichen Schwebezustand hinzugeben, sei wichtig für unser Gehirn, welches nicht andauernd fokussiert sein kann. Die Wirtschaft nutzt das Potenzial auf ihre Weise. Statt Kantinenkoma sind effizienzsteigernde „Well-being-Konzepte“ im Trend. „Power Napping“, das Nickerchen als Energieschlaf während der Arbeitszeit, ist in den USA in Mode. Wo in deutschen Firmen „Dösen zwischendurch“ noch im Verborgenen kultiviert wird (Arbeitsethik), dösen die Japaner bereits in sargähnlichen Boxen gegen Krankenstände und für mehr Produktivität an. Helena Neumann

G

Großtante Es gibt im TV kein Format, welches die Dynamisierung von Werten in der deutschen Erbengesellschaft besser erklärt als Bares für Rares. Das genial simple Prinzip: Irgendjemand schleppt eine von der Großtante vererbte Porzellanfigur aus den 1920ern vom Dachboden in ein Studio, der Moderator Horst Lichter streichelt ihr liebevoll über den Kopf und damit den Warencharakter aus ihr heraus – für einen kurzen Moment wird das Ding zur Geschichte, dann geht es übergangslos in den Verkaufsraum, wo die Geschichte wieder zur Ware wird. Es ist einzig die Geste des Moderators, die diesen Widerspruch zu überwinden imstande ist. Tilman Ezra Mühlenberg

H

Hadern Oh, ich habe es schon wieder getan. Etwas, das ich eigentlich nicht tun wollte. Nicht hätte sollen. Es tut mir ja so leid. Ach, hätte ich doch nicht. Ich werde es einfach nie wieder tun. Nie wieder zu spät kommen, lügen, betrügen, zu viel essen, zu viel trinken, mich gehen lassen, Pornos gucken, Nase bohren, morden, plündern, zu spät ins Bett gehen, rauchen, den Ex auf Facebook stalken, aus Verlegenheit dümmliche Witze machen, vergessen, den Kindern das Pausenbrot mitzugeben, den Müll nicht trennen, Nestlé-Produkte kaufen, bei H&M shoppen, den Schlüssel verlieren, unhöflich sein, Schimpfworte benutzen, mit dem Fahrrad auf dem Bürgersteig fahren.

Aber ich hab’s doch alles nur gemacht gemacht fürs Schuldgefühl. Um mich selbst geißeln zu können. Den Schmerz zu spüren. Die warmen Krokodilstränen (Schundroman) zu vergießen. Aber versprochen. Ich werd’s nie wieder tun: mich schuldig fühlen. Ruth Herzberg

M

Matussek Wenn man in Halle 4.1 auf der Frankfurter Buchmesse ein paar Mal falsch abbiegt, landet man in einer Art Sackgasse, an deren Ende sich die Stände des neurechten Verlages Manuscriptum, der Jungen Freiheit und eines weiteren Verlages, der deutsche Geschichte in Form von Heldengeschichten im Was-ist-was-Format für junge Leute vermitteln möchte, befinden. Gestern habe ich aus der Ferne den großen (in jeder Hinsicht) Matthias Matussek bei der „JF“ gesehen, der irgendwie auch ein paar Mal falsch abgebogen und schließlich dort gelandet sein muss. Seit jeher unterliege ich dem Zwang, jeden seiner Texte lesen zu müssen, und warte ungeduldig auf das letzte große Manöver, mit dem er sich aus dieser mittlerweile vierspurig ausgebauten Sackgasse herauskatapultiert. Möglicherweise gelingt das so halbseiden dank der neuerlichen Posse, der Antaios-Verlag soll sich mit einer zugegeben genialen Finte (Umbenennung des Verlags) gegenüber der taz postiert haben. Tilman Ezra Mühlenberg

N

Nobelrestaurant Früher fuhren wir im Sommer häufig nach Frankreich, mein Vater wollte Wein kaufen, das Savoir-vivre genießen. Auf dem Weg dahin nötigte er mich, Spezialitäten zu kosten, Austern mit Vinaigrette, Stopfleberpastete, Schnecken Elsässer Art. Hatte ich diese Tortur de France hinter mir, ging es ans Mittelmeer. Dort verliebte ich mich jedes Jahr aufs Neue in Pastis und Mädchen aus Aix-en-Provence. Heute weiß ich, dass mein Vater mir beibringen wollte, dass es die kleinen Sünden – garniert mit etwas Fernweh – sind, die das Leben lebenswert machen. So gehe ich ab und an in Restaurants „mit gehobener Küche“, weil sie meinen Gaumen reisen lassen. Dafür schäme ich mich gerne. Den Segen meines Vaters habe ich schließlich. Jan Jasper Kosok

R

rasen Ja, ich geb’s zu, ich liebe Autofahren. Am liebsten lange. Gerne allein. Oder mit stummem Beifahrer, der ab und zu einen Schokoriegel reicht und dann wieder einschläft. Aber vor allem schnell. Beschleunigung ist einfach ein schöner Rausch – und dann vom dritten gleich in den fünften Gang. Leider hat meine Passion unbequeme Konsequenzen. Ich bin mir zwar absolut sicher, dass ich mich immer an die Tempolimits halte, aber die regelmäßige Post der Bußgeldbehörde erzählt eine andere Geschichte.

Zu allem Überfluss landen die überregionalen Schnappschüsse von mir alle bei meinem Vater. Wir teilen uns das Auto: Ich fahre (ihn), er zahlt. Aus irgendeinem Grund amüsiert er sich prächtig über seine rasende Tochter, sauer war er deshalb noch nie. Madeleine Richter

S

Schundroman Ich lese sie gern. Vor allem Eugenie Marlitt (1825 – 1887), auf die schon Theodor Fontane neidisch war wegen ihrer hohen Auflagen. Es ist so: Nach einiger Zeit vergesse ich, was Das Geheimnis der alten Mamsell (Matussek) war und dann liest sich das glatt wie neu. Auch Die zweite Frau ist keine Jane-Austen-Literatur, aber mit der Hörbuchversion kann ich wunderbar einschlafen. Vielleicht ein Jammer und ein Zeichen von Bildungsunwillen, die Zeit mit dem Lesen solcher Texte zu vertun.

Ich tröste mich damit, dass es auch als „literarisch wertvoll“ gepriesene Werke gibt, bei denen man sich schon am Anfang denken kann, was das wird – kein Geheimnis weit und breit. Magda Geisler

T

Taylor Swift Letztes Jahr hatte ich eine recht böse Kritik über Swifts jüngstes Album geschrieben. Schon da ahnte ich scheinbar das Unheilvolle: „Selbst wer den hochsynthetischen Cyborg-Pop von „TayTay“ abstoßend finden will, springt auf den Beat irgendwann an, so, wie der Pawlow’sche Hund zu sabbern beginnt.“ Noch Wochen danach ertappte ich mich dabei, wie ich mitsingen konnte, erst widerwillig, dann kapitulierend: Scheiße, ich glaube, ich mag das. Und ich bin nicht allein. Mehr als einmal habe ich insbesondere Freunde harter Genres getroffen, die ein geradezu fetischisiertes Verhältnis zu Swift haben.

Eine Freundin von mir, links und Feministin, hat ein ganz ähnliches Problem. Sie mag Männer in Uniform. „Man kann sich seinen Fetisch eben nicht aussuchen“, quittierte ich das einmal. So gehen rasen wir ein bisschen falsch durch die Welt und beäugen nach außen skeptisch, was wir im Innern unwiderstehlich finden. Sie ihre Polizisten, ich meine Taylor. Konstantin Nowotny

Z

Zanklaune Das ist die Charakterdisposition von R., der normalerweise niemals nur einen Finger in offene Wunden legen würde. Wenn zwei sich streiten, versucht R., jede Position zu verstehen – und sei sie noch so abwegig. Der Freund tut das, weil er den Menschen hinter der Vehemenz sieht, weil ihn die Motivation ehrlich interessiert, mit der sie (er, ich) ihren (seinen, meinen) anfangs noch recht stichhaltigen, im Zuge der Leidenschaft argumentativ zunehmend löchrigen Käse verteidigt. Wahrlich wahre Freundschaft! R. ähnelt der Bekannten, die sich selbst als konfliktscheu beschreiben würde, als sachorientiert. Es stimmt, die Juristin schwadroniert niemals, sie legt Sachverhalte dar. Die Erfahrung lehrt aber, auch solche Typen geraten in Zanklaune. Wie allzu menschlich! Beim Dabeibeobachten überkommt einen dann diese gewisse diebische Freude. Katharina Schmitz

06:00 25.12.2018
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