Haarige Dummköpfe

Ethik Was „artgerechte Haltung“ war, soll nun „Tierwohl“ heißen. Dabei geht es wieder mal nur um den Menschen

Die Kuh Lieselotte ist keine echte Kuh. Sie ist die Erfindung des Autors Alexander Steffensmeier, der mit ihr die Bestsellerlisten für Kinderbücher anführt. Meistens ist Lieselotte fröhlich, manchmal auch traurig oder wütend. Sie erlebt viel, spielt mit anderen Tieren auf einem schönen Bauernhof und versteht sich auch mit der Bäuerin und dem Bauer blendend. Manchmal lesen diese der Kuh abends Bücher vor. Kinder mögen das lustige Tierleben, wie Liselotte eines führt.

Jugendliche mögen das auch, sie wollen Tiere pflegen, mit ihnen Gassi gehen, Robbenbabys vor dem brutalen Tod schützen oder zumindest echte Pokémons fangen. Und Erwachsene lieben Dokumentarfilme über Tiere. Da sind meist spektakuläre Landschaften zu sehen, und wenn die Darsteller des tierlichen Reality-TV auch noch vom Aussterben bedroht sind, entfaltet sich eine bald schon verschwundene Welt als Raum für wilde Träume.

Das postmoderne Epos entzaubert diese menschliche Begeisterung für das Tier als Projektion. Nicht mehr nur französische Intellektuelle kennen die haarigen Wesen längst als Platzhalter für alle möglichen menschlichen Sehnsüchte. Da geht es um innige Freunde, das ungezähmte Fremde, um unschuldige Lämmer, unmoralische Wölfe, gewitzte Füchse und doofe Faultiere. Vor allem Austiegsfantasien ranken sich um Tiere. Denn ihr Leben ist eines ohne Steuererklärung, ohne Geschwindigkeitsbeschränkungen oder Leistungsdruck, ein Leben wie in einer bunten Anarchie, keiner anstrengend politischen, sondern einer ganz natürlichen, sozusagen echten.

Echte Gülle, echtes Keuchen

Schnitt. Das Schwein aus dem ARD-Panorama-Beitrag hat keinen Namen, sondern wird kühl und technisch bezeichnet: als Mastschwein. Doch es ist ein echtes Schwein, seine in Gülle getränkte Umwelt ist echt, das vom Schwefelwasserstoff der eigenen Ausscheidungen verursachte Keuchen ist echt, so wie das gebrochene Bein seines Buchtgefährten. Die Bilder zeigen Verstöße gegen geltendes Recht – und Gewalttaten, die vom geltenden Recht toleriert werden. Auch solche Bilder sind in gewisser Hinsicht Bestseller. Sie sollen jedoch nicht in den Schlaf wiegen, sondern aufrütteln. Auch solche Bilder sind also gewissermaßen manipulativ. Und im Gegensatz zu den Geschichten der Kuh Liselotte entstehen sie oft illegal, heimlich.

Johannes Röring (CDU) ist Mitglied des Bundestags und Vorsitzender des Ausschusses Schweinefleisch des Deutschen Bauernverbands. Er propagiert jetzt die „Initiative Tierwohl“, ein Vorhaben, bei dem Geld aus dem Handel an Unternehmen gezahlt wird, um ebendieses, das Tierwohl, umzusetzen. Als Gegenleistung dürfen Supermärkte wie Lidl und Edeka ihre Produkte dann mit dem Slogan „mehr Tierwohl“ bewerben. Es ist ein Deal, der für alle Seiten etwas verspricht, für die Produzenten, die Verkäufer und die Konsumenten. Die Protagonisten der Initiative betonen, es sei wichtig, Tierwohl freiwillig umzusetzen, nicht über Vorschriften. Besorgte Esser wiederum wollen die Extraportion Tierwohl, um ihr Gewissen zu beruhigen. Eine Liselotte mit systembedingten Euterkrankheiten wollen sie jedenfalls nicht. Und so ist dieser neue Begriff Teil jener Projektionen, Illusionen und Widersprüche, die das Mensch-Tier-Verhältnis prägen. Die Initiative Tierwohl soll dazu führen, dass weiterhin Produkte tierlichen Ursprungs in großen Mengen gekauft werden.

Es lässt sich nun fragen, was genau Tierwohl eigentlich ist, was diese Vokabel uns, den Menschen, sagen soll. Einer der Miturheber des Begriffs ist Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU), der, zeitgleich zum Start der Initiative Tierwohl aus Industrie und Handel, den „Kompetenzkreis Tierwohl“ ins Leben rief, dem ein Dutzend Experten angehören, etwa ein Ethiker, ein Tierschützer, ein Landwirt und eine Tierärztin. Diese Kompetenten lieferten die Definition: Tierwohl sei „der Zustand eines Tieres in Bezug auf die Abwesenheit von Schmerzen, Leiden und Schäden sowie die Ausprägung von Wohlbefinden“. Tierwohl ist also nicht gleich exorbitantes Wohlbefinden, es kann Wohlbefinden lediglich bis zu einem gewissen Grad beinhalten. Es ist nicht zwingend mit positiven Emotionen für das Schwein oder die Kuh verbunden. Ihr Leben kann so trist oder hart sein wie eh und je. Die Tierwohl-Initiative könnte auch die „Etwas-weniger-Tierleid-Initiative“ heißen, aber das klänge eben nicht so griffig.

Es mag naiv anmuten, mehr Ehrlichkeit im Marketing zu verlangen. Everybody knows that the deal is rotten. Das Wort Tierwohl ist mittlerweile jedenfalls dabei, das ebenso leere, aber zunehmend auch als leer durchschaute Wort „artgerecht“ abzulösen. Jeder betreibt eben so seine positive Imagepflege, könnte man sagen, auch der Agrarsektor und der Einzelhandel. Allerdings sind hier Institutionen involviert, die statt Marketing eigentlich Aufklärung betreiben sollten: immerhin ein Bundesministerium und eben Wissenschaftler, die eine unabhängige Rolle einnehmen und nicht der Wirtschaft das Wort reden sollten.

Das Verhältnis Mensch-Tier, das so oft beschworen wird, im Lebensmittelmarketing wie in den Kulturwissenschaften, ist gar nicht so komplex, wie es manchmal erscheint. Das Machtgefälle ist klar: Die menschliche Seite kann mit der tierlichen machen, was sie will. Wir hätten es schon gern etwas netter – also verdrängen wir. Ein Beispiel dafür ist das Interesse am emotionalen Leben der Tiere, vor allem derjenigen, die wir nicht essen: Wie unglaublich, auch Fischotter können sich freuen, das haben Wissenschaftler in einem Versuchsvorhaben entdeckt! Nachdem die Biologie sehr lange, auch nach der Begehung des Monds noch, am Paradigma der Unerforschbarkeit des tierlichen Geisteslebens festhielt, erhalten wir heute mehr scientific evidence, abgesicherte Erkenntnisse darüber. Diese Offenbarungen geben uns langsam „echt zu denken“, ob der Mensch das einzige animal rationale ist

Ethische Klarheit besteht zwar darüber, dass unnötiges Leid nicht sein sollte und dass die Schwächeren den Stärkeren nicht nach Belieben zur Verfügung stehen sollten. Doch gilt das tatsächlich auch für Tiere? Das Leben ist doch kein Kinderbuch! Sondern „Natur“: Löwen töten Zebras. Schon das Wort „artgerecht“ drückte die Sehnsucht aus, unser politisches Zusammenleben mit Tieren aus unserer Verantwortung heraus in den Bereich der Natur zu verschieben. Wir nicken nachdenklich, wenn Wissenschaftler sagen, sie könnten die Ansprüche von Tieren leider nicht eindeutig messen. Jede wissenschaftlich formulierte Komplexität ist uns Menschen da willkommen – weil es moralisch ja nun mal wenig misszuverstehen gibt im durchschnittlich geführten Schweinestall.

Viel Willkür, viel Theater

Nutztier oder Heimtier, artgerecht oder Geflügelragout, Tierwohl oder humane Schlachtung: Diese Begriffe gehören zum Projekt, Tiere zu Statisten des menschlichen Theaters zu machen und dabei jene Werte, die unser Leben reich machen, von der Willkür gegenüber Tieren zu entkoppeln. Im Angesicht der furchtbaren Lebensumstände vieler Tiere müsste einem das Wort Würstchen im Grunde doch monströs erscheinen, ganz gleich ob man Vegetarier ist oder nicht.

Es gibt drei Optionen, die Widersprüche im Mensch-Tier-Verhältnis abzubauen. Erstens: Wir geben den Anspruch auf, Tieren ein freudvolles, gutes Leben zu ermöglichen und verabschieden uns dann konsequenterweise auch von der Kuh Liselotte und glücklichen Ottern. Zweitens: Wir täuschen uns mit der Illusion einer Veränderung und machen weiter wie bisher, nach Giuseppe Tomasi di Lampedusas Gattopardo: Wenn alles bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern. Drittens: Wir lassen einen wirklichen Paradigmenwechsel im Umgang mit Tieren zu, das bedeutet weniger flauschiges Tierwohlmarketing und mehr schroffes Recht.

Lebensfreude, ein überfordertes „Es-gibt-wichtigere-Dinge“, politischer Pluralismus, ein weiches Frühstücksei, vegane Lederschuhe, BBC-Tierfilme und süße Eichhörnchen im Park: Vielleicht dürfen die behaarten Dummköpfe, die wir Tiere nennen, eines Tages doch noch von dem emanzipatorischen Geist profitieren, der für uns Menschen schon so viele positive soziale Umwälzungen bewirkt hat. Bestimmt werden wir am Ende dieses Prozesses immer noch sapiens sein – womöglich aber noch einen Hauch menschlicher.

Philipp von Gall beschäftigt sich an der Universität Hohenheim mit gesellschaftlicher Transformation und Landwirtschaft

06:00 21.12.2016
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 3

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community