Hätte Bert Brecht ihn gekannt ...

Marxismus Elmar Altvater, Politikwissenschaftler und viele Jahre Autor des „Freitag“, ist gestorben. Sechs Zeitgenossen erinnern sich
Hätte Bert Brecht ihn gekannt ...
Elmar Altvater (24. August 1938 – 1. Mai 2018)

Foto: Rolf Zöllner/Imago

Die Welt ist um einen klugen Kopf ärmer geworden. Einer der guten Gelehrten, einer der unentbehrlichen Intellektuellen ist von uns gegangen. Niemand ist unersetzbar, das sagt sich so leicht. Manche, wenige sind es. Elmar war ein Lehrer, ein Vorbild für viele, manchen ein Freund. Ein Mann mit Wissen, Verstand und Vernunft, voll sanfter Ironie, jener Leichtigkeit fähig, die den Deutschen so oft abgeht. Er war ein Gentleman, freundlich, respektvoll und aufmerksam gegenüber seinen Studenten, Kollegen, selbst seinen Gegnern. Er gehörte zur Marx’schen Schule, er hat es nie verleugnet. Aber die sektiererische Schärfe und Bitternis, die vielen Marx-Jüngern eigen war und ist, sie fehlte ihm ganz.

Als einer der Ersten hat er die Erweiterung der politischen Ökonomie zur politischen Ökologie betrieben. In bester Marx’scher Tradition sah er den modernen Kapitalismus als ein System der fortschreitenden Naturzerstörung, der Menschen, Gesellschaften und Ökosysteme verwüstet. Mit den ökologischen Krisen kommen Grenzen des Kapitalismus in Sicht, sogar sein historisches Ende, zumindest das seiner altvertrauten Formen. Man kann, man muss es wieder wagen, über die Grenzen dieses historischen Systems hinauszublicken. Deshalb betrieb er Kapitalismuskritik in praktischer Absicht – „ weil wir die Welt verändern müssen, wenn wir wollen, dass sie bleibt“. Michael Krätke

Michael Krätke erinnert einen Workshop zu Rudolf Hilferdings „Das Finanzkapital“ als letzten gemeinsamen Streich mit Elmar Altvater, der Michael Krätkes Doktorvater war

Der Seminarraum 1 am Otto-Suhr-Institut (OSI) war immer überfüllt, wir saßen auf Tischen, lehnten an Wänden, saßen bei gutem Wetter vor den geöffneten Fenstern auf dem Rasen außerhalb des Raumes. Es muss vor etwas mehr als 20 Jahren gewesen sein, als ich bei Elmar Altvater studierte und jedes seiner Seminare so überfüllt war. Die schlechte Situation an den Universitäten führte zur großen Streikwelle 1997/98. Elmar Altvater erschien zu Beginn des Streiks zwar nicht wie einige seiner Kollegen und Kolleginnen mit Schlafsack unter dem Arm, um das Institut mit uns zu besetzen, brachte sich aber stark in die Auseinandersetzungen zwischen Studierenden und Universitätsleitung ein. Protest hieß für ihn auch immer Strategieentwicklung.

Jenes erste Seminar haben wir irgendwie trotzdem beendet, ich schloss es mit einer Arbeit über Ökofeminismus ab. Elmar Altvater gehörte zu denjenigen männlichen Professoren, die sich aktiv für die damals am OSI erst entstehende Geschlechterforschung in der Politikwissenschaft einsetzen. Aber er tat noch viel mehr: Wegen ihm verstanden wir, warum wir die Grundlagen der eher ungeliebten Ökonomie lernen mussten. Er stand wie kein anderer für einen damals noch seltenen radikalen ökologischen Ansatz in der Ökonomie. Nach Uli Albrecht und Ekkehard Krippendorf ist mit ihm ein weiterer dieser vielleicht einmaligen Generation von Universitätslehrenden gestorben, die aus der Bewegung von 1968 hervorgingen und Generationen links-marxistisch prägten. Johanna Bussemer

Johanna Bussemer studierte von 1997 bis 2003 unter anderem am OSI und ist heute Leiterin des Europareferates der Rosa-Luxemburg-Stiftung

An Details, die der Debatte über das neue Thema „Ökologie und Ökonomie“ in der Nummer 150 (September 1982) der Zeitschrift links des „Sozialistischen Büros“ (SB) vorangingen, erinnere ich mich nicht mehr. Aber viele Linke hielten „Ökologie“ damals im besten Fall für ein Thema der Konkurrenz – die Partei „Die Grünen“ war knapp zwei Jahre zuvor gegründet worden –, im schlechtesten für eine modische Marotte. Elmar Altvater hatte sich damals schon bei den Grünen engagiert. Aber er blieb der links als Autor erhalten.

Elmar Altvater gehörte zu jenen undogmatischen Marxisten, die den Linken die Augen öffneten für die Zusammenhänge von Gesellschaftskritik, Ökologie und Wachstumskritik jenseits von bukolischen Idyllen und apokalyptischen Untergangsprognosen. In den frühen 1980ern war die Apokalypse en vogue – von gleich zwei Seiten: Radikal ökologisch motivierte Zeitgenossen sahen die Totalzerstörung der Natur durch die Total-Industrialisierung kommen, und für radikale Pazifisten in der bunten Friedensbewegung drohte die atomare Vernichtung der Zivilisation. Elmar Altvater hat der irrationalen Zuspitzung von Wachstumskritik zu Katastrophensazenarien und ebenso dem vermeintlich „realpolitischen“ schwarz-grünen Gesülze mit seinen scharfsinnigen Überlegungen zu einer zugleich ökologischen und solidarischen Gesellschaft dauerhaft den Boden entzogen. Rudolf Walther

Rudolf Walther war Ende der 1970er Mitglied der „links“-Redaktion und lernte Elmar Altvater als Autor kennen

Bertolt Brecht würde die Geschichte vom Herrn Keuner, der erbleichte, als man ihm sagte, er habe sich gar nicht verändert, heute nicht mehr schreiben. Brecht kannte Elmar Altvater nicht. Dieser blieb immer derselbe – ohne jemals stehenzubleiben oder sich abzuschließen. SDS, Sozialistische Assistentenzelle am Otto-Suhr-Institut in Westberlin, Sozialistisches Büro, Die Grünen, Die Linke: Der Übergang von der einen Organisation zur anderen war bei ihm nie mit einem Identitätswechsel verbunden. Manchmal blieb er, bis sie sich auflösten. Die Grünen verließ er, als sie 1999 einen Angriffskrieg unterstützten, und selbst da war der Abschied ohne Aggression. In seinem politischen Profil bewahrte er die Breite des SDS vor 1968.

Zugleich war er solidarisch mit denen, deren Gruppen ihn manchmal angerempelt hatten: gegen die Berufsverbote im Allgemeinen und im konkreten Einzelfall, hilfreich im Universitätsalltag. Fraktionskämpfen immer wieder einmal ausgesetzt, hat er selbst wohl nie einen geführt. Dies gab ihm, bei aller Souveränität, auch etwas Verletzliches. Selbst sein manchmal etwas distanzierter Habitus baute Brücken: Man konnte sich mit ihm verstehen, ohne ihm immer nahe sein zu müssen. Georg Fülberth

Georg Fülberth war im SDS und hat, wie wohl alle seine ehemaligen Genossinnen und Genossen, die links geblieben sind, Elmar Altvater seitdem nie aus dem Blick verloren

Elmar war kein „Altmarxist“: Dieser Begriff konnte nur einem FAZ-Schreiber in den Kopf kommen, der in seiner neoliberalen Verblendung jegliche Beschäftigung mit Marx und dem Marxismus für „alt“ und überholt hält. Elmar wusste zwar durchaus traditionelle Marxisten wie Eugen Vargas oder Ernest Mandel zu würdigen – den Ersteren hat er neu herausgegeben, für die Berufung des Letzteren nach Westberlin hat er gegen das von Hans-Dietrich Genscher verhängte Einreiseverbot mitgestritten. Aber er war eben auch einer der Wortführer der sorgfältigen Neulektüre von Marx, welche diesen seit den 1960ern aus der Vereinnahmung als Parteiideologe befreit und ihn so als radikalen, kritischen Theoretiker wieder virulent gemacht hat.

In seiner politischen Praxis – mit der er vor allem an der Freien Universität Berlin und am OSI entscheidend dazu beigetragen hat, dass es in Westberlin nicht bloß Ende der 1960er Jahre einen „kurzen Sommer der Anarchie“ gegeben hat. Sondern einen langen Kampf in den Hochschulen, der einen radikal erneuerten Marxismus wieder zu einer wirklich zeitgenössischen Kraft gemacht hat. Im wiedervereinigten Berlin hat sich dann ein Prozess durchgesetzt, durch den der produktive Westberliner Marxismus an den Hochschulen marginalisiert worden ist. Jetzt liegt es in den Händen der nächsten Generation, sich nicht länger mit den intellektuellen „Bettelsuppen“ abspeisen zu lassen, wie sie seit dieser Vertreibung den Uni-Alltag bestimmen. Die Erinnerung an Elmar Altvater kann und sollte hier als wichtiger Anstoß dienen. Frieder Otto Wolf

Frieder Otto Wolf ist Philosoph und Politikwissenschaftler. In den 1970ern war er Assistenzprofessor an der FU Berlin. Von 1996 bis 2008 gehörte er zum Kreis der Verleger des „Freitag

Unter den Professoren für Politische Ökonomie war Elmar Altvater eine Ausnahme. Wenn so einer geht, ist das besonders schmerzlich, denn Ausnahmen wachsen nicht nach. Oder nur ganz ausnahmsweise. Wenn ich mit ihm in einer Gesprächsrunde saß, fragte ich mich beklommen, ob er wohl bei mir gelesen hatte, dass ich nach jahrelanger Beobachtung von außen die Wissenschaftlichkeit vieler Wirtschaftstheorien anzweifle, weil sie so anfällig sind für Interessen. Verengte Lehre, ideologische Konzepte, bestellte Gutachten. Ein Rigorismus, der nicht selten Gesetzeskraft erringt. Altvater sah das zum Glück ähnlich, gehörte nicht zu dieser Lobby. Er kannte seinen Marx, auch dessen Gegner, und zog daraus unbequeme Schlüsse. Man müsse den Kapitalismus kräftig zügeln, damit die Demokratie erhalten bleibe. Und die Natur. Das hieße unter anderem: sich anlegen mit Finanzspekulanten und Investoren, möglichst global. Es sei aber sehr schwer, dafür Mehrheiten zu gewinnen, denn es fehle das nötige Bewusstsein. Wir alle seien im Geldfetisch befangen. Was wiederum mit der Indoktrination durch Neoliberalismus, also mit Interessen, zu tun habe.

„Wir müssen uns mit Utopien beschäftigen“, befand er. Weg vom Produktivismus, hin zu Nachhaltigkeit und Solidarität. Denn Zukunft wird gemacht. Nehmen wir sein Erbe ernst! Daniela Dahn

Daniela Dahn stand seit Ende der 1990er in Kontakt zu Elmar Altvater. Ein Gespräch der beiden mit Oskar Lafontaine und Diether Dehm über Europa ist auf „weltnetz.tv“ zu sehen

06:00 10.05.2018

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