Hausautor*innen

A–Z Katzen, Gott oder Corona – das sind Themen, mit denen sich unsere Autor*innen beschäftigen, wenn sie gerade mal nicht für den „Freitag“ schreiben

A

Aufklärung Als Gerichtsreporter spürte Klaus Ungerer in den kleinen, namenlos verpfuschten Biografien der Angeklagten die heroischen Kämpfe, die heroische Vergeblichkeit auf. Als Textchef dieser Zeitung machte er aus mediokren Überschriftsversuchen funkelnde Zeilen und Bildunterschriften.

In seinem neuen Buch Gott go home (Das neue Berlin) nimmt er sich nun die himmelhohen Heilsversprechen der „Gottisten“ vor: Er findet vor allem Kleingeistigkeit und mickrigen Widersinn. Ungerers brillanter Spott gilt der Menschenfeindlichkeit im Namen der Religion, nicht den Trost suchenden Gläubigen. „Gott aber scheut die Beweisbarkeit wie sein Ex-Mitarbeiter das Weihwasser“ heißt es da, oder: „Glaube ist Aberglaube, der über das Hosentaschenformat hinausgewachsen ist, ... aber, mehr als das Wochenhoroskop, für Hierarchie und Unterwerfung steht.“ Pepe Egger

C

Cat Content Unsere Geschäftsführerin wünscht sich immer mal wieder eine Katzenkolumne in unserer Zeitung. Konkret: eine Kolumne über Oskar, den Kater einer Kollegin, dem Handwerker einmal attestierten, er sei „schlecht erzogen“. Die Katzen und Kater, die Nikita Teryoshin in St. Petersburg fotografiert hat, würden über dieses artfremde Urteil vermutlich müde maunzen. Sie beherrschen die Hinterhöfe, in denen der Mensch, dieses verzogene Wesen, Dinge entsorgt. Aber auch Spuren seiner Zuneigung hinterlässt; ein Fressnapf hier, eine kleine Hütte dort, Aufschrift „Cat’s Hostel. WiFi“. Teryoshin hat die Tiere stark angeblitzt, so fotografiert er auch Personen. Für den Freitag waren das: der syrische Theatermacher Ayham Majid Agha im Maxim Gorki Theater, Tom Schilling in den Büschen, Michael Friedrichs-Friedlaender, der die Stolpersteine herstellt, in dessen Werkstatt. Mann oder Katze, Teryoshin verleiht allen einen „radical chic“. Backyard Diaries Vol. 1 erscheint in seinem eigenem Verlag pupupublishing. Christine Käppeler

D

Diagnose „Alle Literaten machen’s wie ich und führen Corona-Tagebücher“, schreibt unsere Autorin Ruth Herzberg irgendwann im Frühjahr 2020. In der Tat gibt es einige Corona-Chroniken, aber es gibt nur eine aus der unverwechselbaren Herzberg’schen Feder. In Die aktuelle Situation: Ein Corona-Tagebuch notiert sie den ganzen Wahnsinn des, so muss man es mittlerweile sagen, ersten Halb-Lockdowns: Homeschooling, Einkäufe mit Handschuhen, steigende Bitcoin-Kurse, geschlossene Grenzen, Alkohol – und immer wieder Liebe und Sex, die Verunmöglichung und die drohende Möglichkeit von beidem.

Sie schreibt sich diesen ganzen Frust von der Seele, aus der spricht es so schön unerbittlich ehrlich, so witzig, kreativ und schlau frustriert, dass dieses Buch auch nach dieser „aktuellen Situation“, die offenbar lange „aktuell“ bleiben wird, eine eindrückliche Retrospektive möglich machen wird. Nach der Lektüre der 100 Seiten fühlt man sich in den kommenden Isolationen, den virusbedingten und den regulären, nicht mehr so allein: Es gibt offenbar noch andere, bei denen es im Kopf stürmt, wenn es draußen ruhig wird. Band eins ihrer Einträge gibt es als E-Book oder Taschenbuch bei Amazon oder der Autorin zu kaufen. Konstantin Nowotny

E

Empowerment Kelvin Doe sammelt auf dem Heimweg von der Schule Elektroschrott. Er bastelt Geräte aus dem Müll der anderen, bringt sie wieder zum Laufen, Radios zum Beispiel. Irgendwann baut er selbst Batterien und versorgt damit seine Nachbarschaft in Sierra Leone. Die kann nun Licht machen.

Oder Amika George. Die 17-jährige Britin ist schockiert, weil viele ihrer Mitschülerinnen sich weder Tampons noch Binden leisten können. Sie startet die Petition #freeperiods, in der sie kostenlosen Zugang zu Hygieneartikeln an Schulen fordert – mit Erfolg. Seit 2020 gibt es den an Englands Schulen. Zwei Beispiele der Young Rebels aus aller Welt, die Freitag-Redakteur Benjamin Knödler mit seiner Mutter Christine Knödler im gleichnamigen, schön illustrierten Buch (Hanser) wunderbar porträtiert. Rebellisch sein heißt, Dinge verändern. Maxi Leinkauf

G

Geschwindigkeitsdruck Der Autor muss jetzt leider mal zurückstehen, aber Timo Daum wird das verstehen. Schließlich hat er Freitag-Kollegin Susann Massute dafür gewonnen, sein Buch Agiler Kapitalismus. Das Leben als Projekt über die Tücken einer Arbeitswelt, die sich mit flachen Hierarchien und großer Flexibilität brüstet, zu illustrieren. Susann verantwortet die Titel des „Freitag“ und damit, dass ich Seite eins stets gern aus meiner Tasche ragen lasse, um sie anderen zum Lesen zu empfehlen, ebenso wie diese Nautilus-Flugschrift Timo Daums. Sebastian Puschner

I

Inklusion Die Texte handeln von Kultur und Politik im prekären Leben – Solidarität unter Schneeflocken (Neofelis Verlag). Johanna Montanari ist eine der Mitherausgeber*innen und neben Freitag-Blogger Houssam Hamade oder der Professorin Paula-Irene Villa eine der Autor*innen des Sammelbandes. Sie schreibt: „Ich habe mich ganz aktiv für prekäre Zustände entschieden, weil ich unglücklich war. Ich wollte etwas, das musste raus in die Welt.“ Kennen Sie die „Generation Snowflake“? Gemeint sind damit die zwischen 1985 und 2000 Geborenen. Sie sollen zu empfindlich für die Härten des Lebens sein. Dem „Schneeflocke-Kollektiv“ geht es um eine „Kultur der Inklusion“, in der Emotionalität nicht verpönt ist. Katharina Schmitz

K

Kaiserslautern Christian Baron erzählt in seinem Buch von einer behüteten Kindheit in einem Villenvorort von München. Sein Vater lehrt an der LMU Ethik, und obwohl er viel beschäftigt ist, nimmt er sich Zeit für die Kinder. Auch seine Frau, die Mutter von Christian, erfährt seine ganze Zuneigung. Sie ist Lyrikerin und vermittelt ihm früh das Gefühl, dass auch er eine hohe Begabung für Sprache hat.

Christian schildert beeindruckend, wie ihm vermittelt wird, dass er sich für seine Talente und Privilegien nicht zu schämen braucht.Wenn nur das humane Ganze nicht vergessen wird! Zu Tränen rührt der Moment des Umzuges an den Starnberger See. Im Mittelpunkt steht ein betrunkener und aggressiver Möbelpacker, der für seine Kinder auch noch eine Playstation mitgehen lässt. Es kommt zu einer dramatischen und von Größe zeugenden Intervention des Vaters, die an dieser Stelle nicht verraten werden soll. Ach, sorry, falsches Buch, habe ich grad verwechselt. Ein Mann seiner Klasse (Claassen) handelt quasi vom Gegenteil. Michael Angele

P

Pied-noir Dass sich hinter dem Titel Couscous mit Zimt (Frankfurter Verlagsanstalt) kein Wellnessroman verbirgt, darauf kommen Leserinnen und Leser des Freitag wohl am leichtesten. Denn Elsa Koester, Autorin des Buches und Redakteurin dieser Zeitung, hat sich als politische Journalistin einen Namen gemacht. Und so ist auch ihr Debütroman genau das: hochpolitisch. Es beginnt mit der über hundertjährigen Lucile, die ihre letzten Lebensjahre mit Zigaretten und Cognac im Bett in Paris verbringt und deren Stoßseufzer im Prolog auf die Handlung einstimmt: „Mon dieu!“ Aus der Perspektive von Marie und Lisa, Luciles Tochter und Enkelin, entfaltet sich ein Gesellschaftspanorama vom frühen 20. Jahrhundert bis ins Frankreich der Gegenwart. Sie sind Pied-noirs – so nennt man Französinnen und Franzosen, die Kolonialfamilien waren. Es geht um Rassismus und Schuld, Herkunft und Identität, Liebe und Last. Mon dieu! Auf den Lebenshunger dieses Buches sollte man sich einlassen – im Bett, mit Zigarette, beim Cognac, wo und wie auch immer. Christian Baron

R

Rechtspflege Gesellschaft und Demokratie in Deutschland sind bedroht. Und zwar von rechts – auf verschiedenen Ebenen –, durch rechtsterroristische Anschläge, eine rechte Partei im Bundestag, Antisemitismus oder rechtsextremistische Netzwerke und Umtriebe in den Sicherheitsbehörden, um nur einige Gefahren zu nennen.

So zentral wie spannend ist dabei das Verhältnis zwischen Recht und Rechtsruck. Einerseits, weil sich Letzterer auch in der Justiz bemerkbar macht – andererseits, weil der Rechtsstaat die Möglichkeit bietet, diesen Tendenzen entgegenzutreten. Insofern passt Recht gegen Rechts – Report 2020 (S. Fischer Verlag) nicht nur in die Zeit, der Titel des Sammelbandes, zu dessen Herausgeber*innen respektive Autor*innen mit Maximilian Pichl, Heike Kleffner, Ulf Buermeyer und Dana Schmalz gleich mehrere Freitag-Autor*innen zählen, bringt auch deren Anliegen auf den Punkt. Sie wollen zeigen, dass juristische Mittel, die „Mittel der Demokratie und des Grundgesetzes“ dem Rechtsruck etwas entgegensetzen können. Und so legt der Band offen, wo Möglichkeiten des Rechtsstaates ungenutzt bleiben, aber auch, wo er Strategien gegen rechts unterstützen kann. Gegliedert in verschiedene Themenkomplexe – wie „Hatespeech“, „Revisionismus“ oder „Demokratiefeindlichkeit“ –, ist eine Sammlung entstanden, die erschüttert. Und zeigt, welche Bedeutung ein Rechtssystem haben kann. Benjamin Knödler

S

Sprachwandel In den Bänden Die 50er, 60er, 70er, 80er stellte Hans Hütt Wörter vor, die damals einen Zeitgeist widerspiegelten (der Freitag 37/2019). In Wilde Jahre, kühne Träume (Duden) betrachtet er den Sprachwandel anhand von Wortverbindungen, die wir in typischer Kombination verwenden. Eine Frage wird zum Beispiel immer „beleuchtet“, angestrahlt ja doch nie. Die Langeweile ist tödlich, eine Lektüre spannend, die Ausrede billig, (im Englischen jedoch lahm, nicht cheap!). Das ist eloquent-elegant zu lesen: „Lesen wir über das Scheitern, stoßen wir besonders häufig auf Ehen. Dicht darauf folgen schon die Existenzen im Allgemeinen ...“ Der Duden füttert seit 1995 seine eigene elektronische Volltextdatenbank. Hütt hat vor allem Zeitungen durchforstet, weil sie aktuelle Themen zum Gegenstand haben und deshalb am besten geeignet sind, Trends zu erkennen. Die wilden Jahre sind längst vorbei, weiß Hütt. Sie sind heute fett, mager, schwarz, weiß. Die Beliebtheit des „notwendigen Übels“ ist dagegen ungebrochen. Katharina Schmitz

Z

Zeitenwende Daniela Dahn ist bekannt als streitbare Publizistin und ihrem Ruf macht sie auch in ihrem neuen Buch Tam Tam und Tabu – Die Einheit: Drei Jahrzehnte ohne Bewährung (Westend)alle Ehre. Gemeinsam mit Rainer Mausfeld untersucht sie die wenigen Monate von Mauerfall bis zur Volkskammerwahl im März 1990. Noch im Dezember war eine Mehrheit der DDR-Bürger dafür, den eigenen Staat zu reformieren. Innerhalb nur weniger Wochen dreht sich die Stimmung komplett, jetzt ging es nur noch darum, so schnell wie möglich der Bundesrepublik beizutreten. Dahn schildert, dass bei diesem Stimmungsumschwung eine zentrale Rolle die westdeutschen Medien gespielt haben. Philip Grassmann

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06:00 05.12.2020

Ausgabe 23/2021

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