Hausautoren

A–Z Überlegen Sie noch, welches Buch Sie zu Weihnachten verschenken wollen? Wie wär’s mit einem der hier vorgestellten Titel von Autoren des „Freitag“? Unser Wochenlexikon

A

Armut Es gibt wohl kaum einen gesellschaftlichen Trend, der seit Jahren ebenso ungebrochen wie unerbittlich in nur eine Richtung zeigt: Hierzulande gibt es immer mehr arme Menschen. Christoph Butterwegge gehört seit langem nicht nur zu den Mahnern, sondern auch zu den Experten, die diesen Trend untersuchen. Wohl nicht zuletzt deshalb wurde er kürzlich von der Linkspartei zum Bundespräsidentenkandidaten nominiert. Nun hat Butterwegge ein ebenso schmales wie nützliches Buch vorgelegt. Es heißt schlicht Armut (Papyrossa 2016, 131 S., 9,90 €) und hat einen großen Vorteil: Es verzichtet auf den üblichen Zahlenfetischismus und beschäftigt sich ganz mit dem gesellschaftlichen Phänomen. Wie wird Armut definiert? Welche Strategien gibt es dagegen? Wer ist davon bedroht? Wer die anderen Bücher von Butterwegge nicht kennt: Dies ist ein guter Einstieg. Philip Grassmann

D

Demokratie Im südbadischen Wyhl regten sich in den 70ern heftige Proteste gegen ein Atomkraftwerk. Diese waren am Ende so erfolgreich, dass sie nicht nur den Bau verhinderten, sondern sogar als „vierte Gewalt“ bezeichnet wurden – so wie sich sonst die Presse gern nennt. Patrizia Nanz und Claus Leggewie machen in „Die Konsultative“ (Wagenbach 2016, 112 S., 9,90 €) einen Vorschlag, um die Bürger wieder mehr einzubeziehen: in Zukunftsräten. Diese sollen die repräsentative Demokratie nicht ersetzen, aber ergänzen. Und zwar, indem Bürger in ihnen über wichtige Zukunftsthemen beraten, etwa über die Frage: Wohin mit dem radioaktiven Müll? Neben einem kleinen Crashkurs in Politikwissenschaft (von Gewaltenteilung bis Trickle-up-Effekt) bietet der Band auch konkrete Handreichungen zu den Räten. Per Los wird entschieden, wer mitmachen darf, damit nicht nur Rentner und Studenten dabei sind. Wichtig ist zudem der Dialog der Generationen. Besser als nur zu schimpfen klingt das allemal. Carolin Born

E

Empörte Ein Orkan der Empörung fegt durchs Land, gegen geflüchtete Menschen und das Versagen des Staats, gegen die politische Klasse und die Lügenpresse. Der Befund der Besorgten: Alles geht den Bach runter. Traut sich denn niemand mehr, auf den Stammtisch zu hauen? Doch, die „Alternative für Deutschland“. Leute, die die heimische Scholle, das Erbe ihrer Vorfahren und ihr Abendland verteidigen; Leute, denen unsere Demokratie irgendwie zu langweilig ist.

Sie alle wählen gern die AfD. Deren Abgeordnete sitzen mittlerweile in Landesparlamenten und lauern auf den Siegeszug bei der Bundestagswahl. Stephan Hebel hat mit Sehr geehrter AfD-Wähler, wählen Sie sich nicht unglücklich! (Westend 2016, 62 S., 8 €) einen Brandbrief mit reichlich Argumentationshilfe verfasst. Hebels Appell an die Enttäuschten: Vergeudet euren Protest nicht! Glaubt nicht den simplen Versprechungen von einer heilen, deutschen Welt. Stephan Hebel wirbt für politische Klarsicht statt populistischer Phrasen. Ein Aufklärungsbuch zur rechten Zeit. Helmut Ortner

F

Frankfurt Eine elegante kleine Reihe hat sich der Baugeschichte der Stadt ab 1950 verschrieben, nun ist der zweite Band erschienen, Frankfurt 1960–69 (Niggli 2016, 192 S., 44 €). Egon Eiermanns Neckermannzentrale und Ferdinand Kramers Universitätsbibliothek sind nur zwei der insgesamt zwölf vorgestellten Gebäude. Marc Peschke, der für den Freitag über Fotografie schreibt, wählt die Perspektive dieses Mediums. Ursula Edelmanns Foto des Kontrollraums im Umspannwerk Heerstraße, sagt Peschke, hätte ein paar Jahre später auch das Cover eines Kraftwerk-Albums zieren können: „Es ist die Bild gewordene Idee von Zukunft durch Technik.“ Christine Käppeler

G

Gourmet „Wenn man den Begriff ,Gastronomin‘ googelt, bekommt man angezeigt: ,Meinten Sie Gastronom?‘“, schreibt Sophia Hoffmann in Vegan Queens (Edel 2016, 240 S., 22 €). Das gleichermaßen stilvoll fotografierte wie kreativ illustrierte Kochbuch will das ändern. Die Autorin, die 2011 ihr Foodblog „oh-sophia.net“ startete, versammelt hier zehn kulinarische Unternehmerinnen, die jeweils mehrteilige Menüs präsentieren. Von der getunten Petersilienkartoffel über Spaghetti Bohnonese bis zur Linsensuppe aus Eritrea ist alles dabei. Und das Buch richtet sich auch an Zweifler. Im Vorwort heißt es: „Ja, vegan schmeckt. Schmeckt es nicht, hat wahrscheinlich einfach jemand schlecht gekocht.“ Nils Markwardt

K

Kino Vor kurzem ist Ruth Beckermanns Die Geträumten (Freitag 43/2016) in die deutschen Kinos gekommen: Eine völlig ungewöhnliche, in einem Rundfunkstudio spielende Verfilmung des Briefwechsels zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, bei dem die Sprecherinnen, die als Soap & Skin bekannte Musikerin Anja Plaschg und der Burgtheaterschauspieler Laurence Rupp, beinahe dokumentarisch beobachtet werden. Das Wiener Filmmuseum hat aus diesem Anlass eine Monografie herausgegebenRuth Beckermann (FilmmuseumSynemaPublikationen 2016, 192 S., 20 €) –, in der etwa ein Aufsatz des Freitag-Autors Bert Rebhandl über Werk und Biografie, über die „Identifikationen“ der jüdischen Filmemacherin Überblick verschafft. Matthias Dell

P

Punk Als Joe Corré, Sohn von Vivienne Westwood und Sex-Pistols-Manager Malcom McLaren, jüngst in London seine Sammlung von Punk-Devotionalien verbrannte, sollte der Punk – mal wieder – zu Grabe getragen werden. Ist er nun also wirklich tot? Keineswegs. Zumindest wenn man sich nicht nur auf dessen lang kultivierte Meta-Erzählungen von Rebellion und Traditionsbruch konzentriert, sondern ihn verstärkt als jenes prozess- wie bruchstückhafte Phänomen begreift, das er schon immer war.

Der von Jonas Engelmann herausgegebene Band Damaged Goods – 150 Einträge in die Punkgeschichte (Ventil 2016, 390 S., 20 €)leistet genau das: Er erzählt nicht nur, wie die Musik ein subversives Wir formte, sondern auch, was sie für das Ich bedeutete. Unter den Beitragenden befindet sich gleich eine ganze Reihe von Autoren und Redakteurinnen des Freitag: der Herausgeber Jonas Engelmann selbst, Christine Käppeler, Katja Kullmann, Tobias Prüwer, Oliver Tepel, Klaus Walter und Linus Volkmann. Nils Markwardt

S

Sex Eine Amour fou, eine verrückt-leidenschaftliche Liebe, ist noch weithin bekannt. Die pink tax, die Tatsache also, dass Frauen für viele vergleichbare Produkte mehr bezahlen müssen als Männer, könnte man sich mit etwas Mühe auch noch herleiten. Aber wissen Sie, was eine Couvade ist? Eine Amaurophilie? Oder ein Sapiosexueller? Nein? Dann gehört Volkmar Siguschs Sex ABC (Campus 2016, 317 S., 24,95 €) unbedingt in Ihren lexikalischen Bestand, weil bei jeder Party irgendwann einmal die Rede auf ungewöhnliche Partner- oder Sexvorlieben kommt.

Manche wollen nur mit blinden Menschen ins Bett gehen, manche lieber gar nicht, sondern sich nur an der Klugheit des anderen ergötzen, während im Männerkindbett (Couvade) schlicht böse Geister vertrieben werden. Der bekannteste deutsche Sexforscher hat in vergnüglicher Form Bekanntes und „Abseitiges“ zusammengetragen. Durch fast jeden Eintrag schimmert eine gesellschaftskritisch grundierte Sexualtheorie, die man an deutschen Universitäten heute leider vergeblich sucht. Ulrike Baureithel

Star Wars Der junge Anakin Skywalker als Sklave mit partiell revolutionärem Bewusstsein, Meister Yoda als konspirativer Berufsrevolutionär ganz im Sinne Lenins und Padmé Amidala eine Oligarchin, die unter dem Deckmantel der bürgerlichen Demokratie materielle Interessen verfolgt – lässt sich Star Wars als Epos eines galaktischen Klassenkampfs lesen? Dieser Frage geht „Freitag“-Redakteur Nils Markwardt in seinem Beitrag zum von Catherine Newmark herausgegebenen Sammelband „Viel zu lernen du noch hast. Star Wars und die Philosophie“ (Rowohlt 2016, 256 S., 12,99 €) nach. Er kommt, so viel sei verraten, zu keiner gänzlich bejahenden, vielmehr zu einer paradoxen Antwort, bei der Nixon und Thatcher eine gewisse Rolle spielen.

Es ist mit diesem Beitrag wie mit dem gesamten Buch, ja wie mit der Star Wars-Reihe selbst: Eine Fortsetzung empfiehlt sich. Da wären etwa die augenscheinlichen Bezüge von R2-D2 und C-3PO zu den heutigen Technologiediskursen um künstliche Intelligenz im Silicon Valley, die hier nur andeutungsweise zur Sprache kommen. Als Begleitlektüre für den aktuell laufenden Star Wars Spin-Off Rogue One oder als Überbrückung bis zum Kinostart von Star Wars: Episode VIII im Dezember 2017 ist das Buch aber mehr als zweckdienlich. Zu seinen Autoren gehören unter anderem auch Slavoj Žižek, der tschechische Ökonom Tomáš Sedláček oder die Herausgeberin, die Philosophin Catherine Newmark, selbst. Letztgenannte hatte bereits die dem Buch zugrunde liegende Sonderausgabe des Philosophie Magazins, Star Wars. Der Mythos unserer Zeit, verantwortet und liefert im Band eine feministische Lesart der Filmsaga. Sebastian Puschner

V

VEB Die Namen Paderborn, Reinbek oder Neuwied teilen das Schicksal, dass Büchermenschen mit ihnen primär Verlagssitze assoziieren. Im Fall des rheinland-pfälzischen Neuwied ist es der Luchterhand-Verlag, der dort seit 1948 residiert. Verlegt wurden zuerst Steuertabellen, 1953 kam als „willkommene Geschichte für Steuerabschreibungen“ eine Belletristikabteilung dazu. Zur ersten Adresse für Literatur aus der DDR, die Luchterhand bis zum Mauerfall blieb, wurde der Verlag, der mit der Blechtrommel seinen ersten großen Erfolg schrieb, wiederum vor allem durch eine Frau: die Lyrikerin und Lektorin Elisabeth Borchers.

Frauen spielten überhaupt eine große Rolle in dieser Geschichte, die Konstantin Ulmer in seiner gut informierten und gut geschriebenen Dissertation „VEB Luchterhand“ (Ch. Links 2016, 488 S., 50 €) erzählt. Erwähnt sei hier nur der enorme Erfolg der Lizenzausgabe von Maxie Wanders Guten Morgen, du Schöne, in der die österreichische Autorin Alltagserfahrungen von Frauen protokollierte. Allein das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen nahm rund 8.000 Exemplare ab. Michael Angele

Z

Zimmer In David Wagners schmalem Band Ein Zimmer im Hotel (Rowohlt 2016, 128 S., 18,95 €)wird die hohe Kunst der Hotelzimmerbeschreibung zur Vollendung gebracht. Es gibt hier kein Detail, das es nicht wert wäre, genau geschildert zu werden. Dabei ist die Methode keinesfalls L’art pour l’art, sie folgt vielmehr dem Ethos des Erzählers: Nicht ein Zimmer ist wie das andere (siehe, die Welt sieht sich doch gar nicht immer ähnlicher!), und in jedem der über 100 Hotels ist er: ein Gast.

Wagner, der 2013 für sein Buch Leben den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt, stört weniges, staunen macht ihn dagegen manches. Und manchmal kommt er auch wieder, etwa ins Hotel Krafft in Basel (wo Hermann Hesse den Steppenwolf geschrieben haben soll), manchmal schreibt er selbst an einem Frühstückstisch in sein Notizbuch mit einem Bleistift, der die Aufschrift eines anderen Hotels trägt. Unaufdringliche Präsenz, so könnte man benennen, was man beim Lesen fühlt. Michael Angele

06:00 17.12.2016
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