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Montags in Leipzig: Zwei proletarische Prinzessinnen begehren auf

Protest Beim letzten Bachmannpreis wurde ihr Text abgewatscht. Jetzt wurde daraus ein Buch. Heike Geißlers kapitalismuskritisches Romanmanifest „Die Woche“ ist für den Leipziger Buchpreis nominiert

So einen Text könne er in der Mittagspause schreiben, urteilte ein Klagenfurt-Juror über Heike Geißlers Lesung beim Bachmann-Wettbewerb im vergangenen Sommer. Jetzt erweist sich dieser Text als Auftaktkapitel ihres Romans Die Woche, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist. Dieser Juror gefällt sich öfter in seinen Provokationen. Der Satz mag damals der Autorin weh getan haben. Sie hat in anschließenden Interviews gegen die Jurybehandlung protestiert. Mit der Nominierung in Leipzig dürfte der Schmerz vergessen sein.

Heike Geißler ist 1977 im sächsischen Riesa geboren. Die Woche ist ihr dritter Roman. Der erste hieß Rosa und erzählte von einer jungen Frau, die vor ihrem gerade geborenen Baby flüchtet, der zweite, Nichts, was tragisch wäre, las sich als ein Literatur-Literatur-Roman, in dem eine Autorin erleben muss, dass die Romanfigur gegen ihre Erfinderin protestiert. Von ganz anderer Seite lernten die Leser sie kennen, als sie 2014 mit Saisonarbeit einen Erfahrungsbericht über drei Monate in der Leipziger Pakethalle bei Amazon veröffentlichte.

Die bei Amazon gemachten Erfahrungen blieben offensichtlich nicht ohne Folgen für ihr Schreiben. Was die 300 Seiten des neuen Romans Die Woche zusammenhält, ist der Geist der Auflehnung. Weil die Ich-Erzählerin und ihre Begleiterin Constanze gerade vom Investor entmietet worden sind und nur noch durchs Fenster in ihre alte Wohnung blicken können, sind Widerspruch und Auflehnung nicht Losung, sondern persönlich, weil existenziell. Bei Geißler schiebt sich zwischen die Wochentage, die ihren Roman gliedern, immer wieder ein Montag. Montage sind im Osten der Friedlichen Revolution, besonders in Leipzig, wo der Roman spielt, Tage zum Demonstrieren. Der Geist des Protests treibt das Erzählen durch den Alltag der beiden Protagonistinnen. Der Blick ist kritisch, der Ton an vielen Stellen mehr ein Manifest. Die Sprache gleicht in Dringlichkeit und Rhythmus auch schon mal einem Rap. Die Perspektive ist das Wir, was an Bürgerchöre erinnert, die auf ostdeutschen Theaterbühnen Zorn und Wut auf die Verhältnisse artikulieren. Heike Geißlers Roman besitzt auch eine andere Seite, eine romantische, eine der Schwäche. Die Ausrichtung des Kapitalismus auf Ökonomie entwickelt in ihrem Schatten eine intensive emotionale Kultur.

Proletarische Prinzessinnen

Die im Roman zitierte französisch-israelische Soziologin Eva Illouz nennt diese Ausrichtung „emotionalen Kapitalismus“. Ihn hat Heike Geißler immer mit im Blick, was aus ihrem kapitalismuskritischen Furor überhaupt erst einen Roman macht. Der Leser erlebt nämlich zwei Frauen von vierzig Jahren, die sich nicht in die Ordnung einreihen wollen, aber feststellen, dass ihnen zum Immer-dagegen-Sein Kraft fehlt. Aus der Ordnung ausbrechen ist anstrengend. Zumal die Hauptstimme, die zwei schulpflichtige Kinder hat, jetzt um die vierzig ist, ihren Mann – den sie offensichtlich hat – nicht in den Text lässt. Sie hat das ganze Leben Tag für Tag allein am Hals. Wehleidig und zimperlich macht es sie und ihre Begleiterin deshalb nicht. Als Kinder von Arbeitereltern nennen sie sich proletarische Prinzessinnen. In dem, was der Name meint, liegen gleichzeitig Benachteiligung und Auszeichnung. So fühlen sich beide auch, geehrt und prekär.

Allein zur Sprecherin der „Aussortierten“ in prekären Verhältnissen macht sich Heike Geißler nicht. Mit der Mischung aus sozialer Verortung und Einblick in den „emotionalen Kapitalismus“ versucht die Autorin etwas Neues. Das ist gut, denn Literatur, die kein Risiko eingeht, wird unseren Lebensverhältnissen nicht wirklich auf die Spur kommen. Gut, manchmal schlägt das Text-Pendel zum Manifest hin aus. Es gibt schöne Passagen, in denen erzählt wird, aber der Hauptteil ist ein Sprechen. Manchmal klingt der hohe, aufklärerische Ton, als käme er aus imaginären Megafonen. Ein hoher Ton, über viele der 300 Buchseiten geführt, bestätigt zwar die Dringlichkeit, den Stoff zu verhandeln, aber er ermüdet auch. Dieser Einwand kann nicht fehlen. Er hebt die Qualität von Heike Geißlers Roman nicht auf. Zu erleben ist sie, wenn der Ton umschlägt und witzig und schelmisch wird. Der Wechsel gelingt besonders dann, wenn er eine Sache mit ihrem Gegenteil kontert. Beispielsweise wenn es heißt: „Jede Geburt bedeutet eine Bestärkung der Strukturen (...), weil man keine Zeit und Kraft mehr hat, sie zu kritisieren (...) oder zu zerstören.“ Der Ich-Sprecherin an der Seite gibt es eine imaginäre Gesprächspartnerin: das „unsichtbare Kind“. Die zweifache Mutter weigert sich aus Gründen dieser Ökonomie, das unsichtbare Kind zur Welt zu bringen. Der Streit zwischen den beiden über das Geburtsrecht führt zu vielen witzigen Dialogen.

Mit Erfindungen wie diesen belebt Heike Geißler die Form des Romans und entlastet sich vom politischen Anspruch. Ihn aber gewagt zu haben, auf in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur neue, auch formal neue Weise, wurde beim Bachmann-Preis in Klagenfurt leider nicht entdeckt. Für Leipzigs Preis der Buchmesse gibt es berechtigt eine neue Chance für die Autorin. Sie verlängert die Perspektive von Anke Stellings Preisträgerroman Schäfchen im Trockenen von 2019, aber um ein Vielfaches verschärft. Für die Vergabe des Preises an Die Woche gäbe es eine Leipziger Tradition.

Info

Die Woche Heike Geißler Suhrkamp 2022, 325 S., 24 €

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