Homo horticulta

Die Wiederkehr der Gärten Notbehelf oder Gartenstadt-Idylle?

Mehrheitlich neigen Metropolen-BewohnerInnen zur Annahme, der Strom fließe aus der Steckdose und das Wasser aus dem Hahn; wir sind gewohnt, uns bei Aldi oder der Bio-Company mit Nahrungsmitteln und bei C mit Kleidung zu versorgen - und wir tun so, als ob dies in alle Ewigkeit so weiterginge. Dann erinnerten uns die in Italien und weiten Teilen der USA und Kanadas stinkenden Kühltruhen plötzlich wieder daran, dass wir nichts weiter als hoffnungslos abhängige Endpunkte einer weit verzweigten Gesellschaftsmaschine sind.

In Gesellschaften, wo die traditionellen oder sozialistischen Ökonomien zusammengebrochen oder der Sand der Globalisierung die Maschine ins Stocken gebracht hat, ist dies kein Zukunftsszenario mehr. Wie überleben Arbeitslose in einem bulgarischen Dorf oder in den ländlichen Weiten Russlands? Wie bewältigen landlose Arme in New York oder La Paz ihren Alltag? Wie existieren die Bewohner Nairobis, wo die Lebenshaltungskosten vergleichsweise hoch sind, jedoch 56 Prozent der Einwohner zu Niedrigstlöhnen arbeiten? Dies lässt sich in zwei von Elisabeth Meyer-Renschhausen und anderen herausgegebenen Gartenbüchern nachlesen, in denen eine Ökonomie skizziert wird, die auf die Produktivität des Bodens vertraut, auf Selbsthilfe und Solidarität.

Der 70jährige Rentner C. aus dem rumänischen Brasov beispielsweise bebaut sein Hektar Land mit Kartoffeln, Rüben und Gemüse. Er mästet Schweine und füttert zwei Kühe. Was an Nahrungsmitteln übrig bleibt, verkauft er auf dem Markt. Mit seinem alten Traktor und seinen zwei Pferden hilft er anderen - gegen Lohn oder im Tausch. Im Winter arbeitet er nach demselben Muster als Fleischer und Wagenbauer. Wie ein Dorf funktionieren, wie Nigel Swain in Die Wiederkehr der Gärten zeigt, auch viele russische Betriebe: Arbeitskraft gegen billige Waren, medizinische Versorgung oder Lohn.

Aber nicht nur an den Peripherien, sondern auch in den Zentren der Metropolen haben sich informelle Ökonomien ausgebildet: Die Community Gardens in New York - ehemalige Müllhalden und Brachgrundstücke, die in Eigeninitiative in Gemüsegärten verwandelt wurden - versorgen nicht nur die Einwohner der ärmeren Stadtteile mit frischer Nahrung, sondern, so Irmtraud Grünsteidel, als "grüner Daumen" auch die Stadt mit frischer Luft

Selbstversorgende Gartenwirtschaft ist, das lässt sich aus den Beiträgen lernen, angewiesen auf den Zugang zu Boden, Produktionsgerät und -wissen - und vor allem auf Unterstützungsnetze, die den Austausch organisieren. Doch ist dies alles auch eine sinnvolle Alternative für Agenda-2010-gebeutelte BürgerInnen, die es satt haben, für wenig Lohn und hohe Abgaben zu malochen?

In der Warburger Börde im Südosten von NRW, zwischen "Feldrainen, Böschungen und Hecken", macht Veronika Bennholdt-Thomsen die "naturbürtigen Bedingungen" einer regionalen Ökonomie aus: Schützenvereine und Dorffeste sorgen für "Gemeinschaftlichkeit" und die "Unmittelbarkeit menschlicher Beziehungen, jene Hefe der Gemeinschaftlichkeit", die "lokales Miteinander-Wirtschaften" ermöglicht. In eine harmonische GärtnerInnen-Gemeinschaft führt auch Heide Inhetveen: "Hortikultivierung der Gesellschaft" nennt sie ihr Konzept, das umstandslos an die 1940er Jahre anknüpft. Im Jahrbuch für Nationalökonomie und Statistik (1941) hat Charlotte von Reichenau, den neuen Wirtschaftertypus beschrieben: Die immer opfer- und einsatzbereite Bäuerin- eine homo horticulta sozusagen - als Heldin der neuen Ökonomie.

Soweit die neue Gartenbewegung eine Ökonomie des Notbehelfs ist, die Zugang zu Land, Fähigkeiten und Geld fordert ,sind die vorgestellten Modelle durchaus bedenkenswert. Und wer durch die nackte Not gezwungen ist, mit eigenen Händen im Dreck zu wühlen, wird auch nicht sonderlich anfällig sein für das von Volksgemeinschafts-Gedöns durchsetzte Gartenidyll saturierter Metropolen-Menschen.

Anne Holl, Elisabeth Meyer-Renschhausen (Hg.): Die Wiederkehr der Gärten. Kleinlandwirtschaft im Zeitalter der Globalisierung. Studien-Verlag, Innsbruck 2000.

Elisabeth Meyer-Renschhausen (Hg.): Die Gärten der Frauen. Zur sozialen Bedeutung von Kleinstlandwirtschaft in Stadt und Land weltweit. Centaurus-Verlag, Herbolzheim 2002.


00:00 23.01.2004

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