„Homophob und stolz darauf“

Brasilien Unter Bolsonaro lebt es sich für sexuelle Minderheiten gefährlich. Ein schwuler Politiker floh nach Berlin

Ich habe Angst“, sagt die brasilianische Trans-Aktivistin Indianara Siqueira, bevor ihre Stimme zu zittern beginnt und dann in Tränen wegbricht. Die aktuelle politische Situation in Brasilien treibt sie zur Verzweiflung: „Wir führen hier einen Überlebenskampf.“ Seit den 80er Jahren kämpft Siqueira in Brasilien für die Rechte der LGBTQ-Community. Anfangs setzte sich die 48-jährige Aktivistin vor allem für die Aufklärung zu HIV und Aids ein, heute ist sie eines der bekanntesten Gesichter der Szene. Bei den Filmfestspielen in Cannes wurde in diesem Jahr ein Film über ihren Einsatz gezeigt: Dort sieht man, wie sie Rechte für Transsexuelle und Prostituierte in Rio de Janeiro fordert und nicht aufgibt, auch wenn es angesichts der politischen Entwicklungen der vergangenen Jahre aussichtslos erscheint. Durch diese Bekanntheit ist sie aber in Gefahr: „Mit meinem Bild machen sie Kampagnen gegen uns“, erklärt sie. Siqueira gehört zu dem Kreis der Aktivist*innen, die immer wieder abgebildet werden, wenn Politiker der seit Januar amtierenden Regierung Stimmung gegen LGBTQs machen. Ein Sicherheitsdienst überwacht 24 Stunden am Tag jeden ihrer Schritte, sieben Überwachungskameras haben ihr Zuhause im Blick: „Ich überlege mir sehr gut, wohin ich gehe“, sagt sie.

Brasilien hat schon lange ein gespaltenes Verhältnis zu seiner LGBTQ-Community. Auf der einen Seite stehen Gewaltverbrechen. 420 Tote aufgrund von Homo- oder Transphobie hat die Grupo Gay da Bahia, eine Nichtregierungsorganisation, im Jahr 2018 gezählt – eine der international höchsten Raten. Demgegenüber steht die weltweit größte Gay-Pride-Parade. Jährlich treibt sie Zehntausende Menschen mit Regenbogenfahnen, bunten Perücken und geschminkten Gesichtern auf die Straßen von São Paulo. Außerdem hat Brasilien bereits 2013 die Ehe für alle eingeführt. Damit galt das Land als progressiv, diente anderen als Vorbild.

Doch mit dem Amtsantritt der aktuellen Regierung unter Jair Bolsonaro dringt nun der Hass gegen LGBTQs immer mehr in die Mitte der Gesellschaft. Der Präsident selbst treibt deren Polarisierung weiter voran. Im Wahlkampf verkündete er in einem Video: „Ich bin homophob und sehr stolz darauf.“ 2011 sagte Bolsonaro in einem Interview, er ziehe es vor, dass sein Sohn bei einem Unfall sterbe, als dass er schwul wäre. Häufig präsentiert er sich als Verfechter eines traditionellen Familienbildes, das für ihn aus Mann, Frau und mindestens einem Kind besteht. Das bringt ihm die Unterstützung der evangelikalen Kirchen ein. Sie haben in Brasilien seit Jahren starken Zulauf und dürften bald mehr Mitglieder haben als die katholische Kirche.

Die Angst der weißen Männer

Renata Campos Motta führt feindselige Einstellungen gegenüber LGBTQs unter anderem auf die Wirtschaftslage zurück. Die Juniorprofessorin, selbst Brasilianerin, forscht an der Freien Universität Berlin zu sozialen Ungleichheiten und Gender: „Als das Land vor ein paar Jahren immer tiefer in die Wirtschaftskrise rutschte, fühlten sich privilegiertere Personen bedroht – allen voran heterosexuelle weiße Männer.“ In der Krise hätten viele ihren Job verloren, was ihre Rolle verändert habe. Kein Gehalt zu bekommen, nicht für die Familie sorgen zu können – ein Teil der Gesellschaft reagiere darauf mit harscher Ablehnung gegenüber allen, die nicht den von ihnen formulierten Normen entsprechen. Privilegierte weiße Männer sind aber nicht allein für die jetzige Situation verantwortlich, Bolsonaro wurde von allen Schichten, Hautfarben und Geschlechtern gewählt.

Jean Wyllys ist eine der Personen, auf die der Hass vieler Menschen zielt. Als erster brasilianischer Abgeordneter hat er sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt. Seit er 2011 erstmals für die linke Partido Socialismo e Liberdade (PSOL) in den Kongress gewählt wurde, erhält Wyllys diffamierende Nachrichten und sogar Morddrohungen. Nach dem Tod seiner Freundin und Parteikollegin Marielle Franco im März 2018 haben diese zugenommen. In lautem, aufgebrachtem Tonfall erzählt der 45-Jährige von einem Erlebnis am Flughafen: „Ich kam von einer Dienstreise zurück, als mehrere Männer auf mich warteten und sagten: ,Wir werden dich umbringen.‘ “ Wegen solcher Vorkommnisse stand Wyllys monatelang unter Polizeischutz, 24 Stunden pro Tag wachte ein Bodyguard über ihn – ähnlich wie nun bei Siqueira. Als dann Bolsonaro bei der Präsidentschaftswahl siegte, begriff Wyllys, dass ein Amtsverzicht ihm nicht die nötige Sicherheit bieten könnte: „Wenn ich in Brasilien bleibe, bin ich nicht mehr lange am Leben.“ Deshalb kehrte er im Januar aus seinem Urlaub nicht mehr in das Land zurück. Seitdem reist der Ex-Politiker durch Europa. Er schreibt ein Buch, spricht auf Podien, vernetzt sich mit Aktivist*innen und zieht sich zeitweise in seine Berliner Wohnung zurück.

Natalia Pasetti versteht, dass sich unter öffentlicher Beobachtung stehende Menschen wie Jean Wyllys entscheiden, Brasilien zu verlassen. Sie engagiert sich bei „Casinha“ in Rio de Janeiro, einer Nichtregierungsorganisation, die einen Schutzraum für LGBTQs schaffen will. Seit Bolsonaro regiert, sei dies schwieriger – auch wegen der Finanzierung. Mehrere öffentliche Programme ließ die neue Regierung einfach auslaufen. Nicht nur Aufklärungsarbeit, sondern auch die medizinische Versorgung von LGBTQ-Personen ist davon betroffen. In Rio de Janeiro gibt es derzeit keinen Nachschub an antiretroviralen Medikamenten zur Behandlung von Aids und HIV. „Brasilien war schon immer ein homophobes Land“, sagt Natalia Pasetti. „Aber die letzten Regierungen haben wenigstens versucht, das zu ändern“. Luiz Inácio Lula da Silva, Präsident zwischen 2003 und 2011, umarmte die Regenbogenfahne und hielt eine Nationalkonferenz zur Lebenssituation von LGBTQs ab.

Die Politik der aktuellen Regierung zielt in eine andere Richtung. Statt gegen Hass und Gewalt vorzugehen, verschärfe sie die Lage. Der ehemalige Abgeordnete Wyllys beobachtet, dass sich die Hassrhetorik im öffentlichen Diskurs jeden Tag ein bisschen mehr normalisiert. Die scharfen Äußerungen von Bolsonaro würden seine Anhänger bestärken, Menschen wie ihn verbal zu erniedrigen – oder körperlich anzugreifen. Dafür gab es mehrere Beispiele: In São Paulo ist im Dezember ein schwuler Mann erstochen worden – auf der Avenida Paulista, im Herzen der Stadt, wo sich traditionell viele LGBTQs treffen und feiern. Von noch größerer Grausamkeit zeugen Verbrechen gegen Transsexuelle: Einer im Januar ebenfalls in São Paulo getöteten Trans-Frau riss man das Herz heraus.

Kampf oder Freitod

Auf dem Land ist die Situation oft noch schwieriger als in Großstädten, meint Wyllys. Das sieht auch der 23-jährige Jose Brito Junior so. Er geht in Niterói, in der Nähe von Rio de Janeiro, zur Uni. Ursprünglich kommt er aus Paraná, einem ländlichen Bundestaat im Nordosten Brasiliens. Während er vor seinen Freunden in Rio relativ offen mit seiner Sexualität umgehen kann, wissen seine Familie und Verwandten Tausende Kilometer entfernt nicht, dass er schwul ist. „Die Welle von Homophobie im Land macht es noch schwieriger, mich vor meiner Familie zu outen“, findet er.

Alle Protagonist*innen dieses Textes erwarten in den nächsten Jahren, solange Bolsonaro noch regiert, keine Entschärfung der politischen Lage. Aber immer wieder gibt es Lichtblicke: Wenn es zum Beispiel gelingt, die Anliegen der LGBTQs vor Gericht stark zu machen. Im Juni entschied der Oberste Gerichtshof, Homo- und Transphobie als eigene Straftatbestände in das brasilianische Rassismus-Gesetz aufzunehmen. Außerdem können Brasilianer*innen ihren „sozialen Namen“ seit diesem Jahr ändern lassen, ohne vor Gericht gehen zu müssen. Viele Transsexuelle entlastet das.

Für Indianara Siqueira ist der Kampf für LGBTQ-Rechte eine Frage von Leben und Tod. Anfang Mai war sie dem Tod näher als dem Leben: Sie schluckte eine Schachtel voller Pillen. Der Hass, der ihr und ihren Freunden täglich entgegenschlägt, war zu viel geworden. Sie wollte nicht mehr aufwachen. Doch Freunde und ihr Lebensgefährte retteten sie. Siqueira versucht nun, an ihrer Entscheidung für das Leben festzuhalten: „Entweder du bringst dich um oder du kämpfst jeden Tag.“

Lisa Kuner und Franziska Pröll arbeiten als freie Journalistinnen, teils aus und oft über Lateinamerika

06:00 16.09.2019
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