Hübsch, der Müll

Götterzorn Bei den Salzburger Festspielen inszeniert Peter Sellars „Idomeneo“ als Klima-Oper. Ying Fang als Ilia muss den großen Umweltsünder China repräsentieren

Die barocke Felsenreitschule ist von Salzburgs drei Opernbühnen die unvergleichlichste. 96 Arkaden bilden die Rückwand, direkt in den Nagelfluhfels geschlagen, in die Sedimente eines verschwundenen Meeres. In dieser Saison ist das nicht bloß Naturkulisse, sondern Sinnbild der Natur schlechthin, wird doch nicht weniger als der Klimawandel verhandelt.

Mozarts Oper Idomeneo lässt das nicht nur zu, sie fordert es, wenn man nur will, geradezu heraus. Der Zorn der Götter hat die Meere aufgepeitscht. Neptun rächt sich an den Menschen, die zwar Kriege gewinnen können – Idomeneo ist einer der Sieger von Troja –, aber gegen die Kräfte der Natur kein anderes Mittel haben als die Unterwerfung unter das unerbittliche Urteil der Götter. So wird die Felsenreitschule zu einem Atlantis, zur Ruine einer versunkenen Zivilisation. Jedenfalls versteht das der amerikanische Regisseur Peter Sellars so. Übertragen in die Gegenwart heißt das: Die Sieger der Geschichte sind in Wahrheit ihre Verlierer. „Ist das nicht schockierend, wenn das Meer den Menschen seine Grenzen aufzeigt?“ Leider kann die Regie-Legende das in einem Interview schlüssiger erklären als auf der Bühne sinnlich darstellen.

Was für eine Anmaßung!

Man könnte diese Oper auch ganz anders lesen. Etwa religionskritisch wie einst Hans Neuenfels, der in seiner skandalumrauschten Berliner Inszenierung Neptun und die anderen Götter von Mohammed bis Jesus kurzerhand schlachten ließ. Sellars dagegen kürzt die entscheidende Szene, in der Idomeneo seinen Sohn Idamante töten muss – einem Gelübde entsprechend, bei Rettung aus Seenot Neptun den erstbesten Menschen zu opfern. Was für eine Anmaßung!

Stattdessen fügt Sellars ein Stück aus einem anderen Mozartwerk (Thamos, König in Ägypten) ein. „Ihr Kinder des Staubes, erzittert und bebet, bevor ihr euch wider die Götter erhebet!“, singt der Oberpriester. Dieses Werk der Aufklärung handelt bereits acht Jahre vor der Französischen Revolution von den Fehlern und Schwächen eines absolutistischen Herrschers. Die schwerste Verfehlung jedoch ist, dass er die Menschlichkeit der Religion opfert. Sellars aber propagiert den Glauben als Mittel seiner Zivilisationskritik. Mehr noch: Dieser alte weiße Mann sieht in dem 24-jährigen Komponisten, der mit seiner in München geschaffenen ersten großen Oper das Musiktheater erneuert hat, den Repräsentanten einer jungen Generation. Übersetzt ins aktuell Politische: Mozart for Future.

Salzburgs Gott heißt Mozart. Und sein Prophet ist derzeit Teodor Currentzis. Der Grieche hat vor 15 Jahren im sibirischen Perm, jenseits der Schlagadern der Klassikwelt, Chor und Orchester gegründet, jahrelang durch Tage und Nächte probiert und experimentiert, vor allem die Musik Mozarts für die Gegenwart geschärft. Erst Geheimtipp, inzwischen Triumphator, schlägt er seit zwei Jahren in Mozarts Mekka den Takt, auch in den kommenden Jahren wird das so sein.

Mozarts Idomeneo ist noch nicht so gesellschaftskritisch aufbrausend wie sein klassenkämpferischer Figaro. Das frühe Meisterwerk ist vielmehr durchdrungen von seelentiefer Melancholie und Tragik. Currentzis, berühmt für seine eruptive, ekstatische Mozart-Interpretation, beglückt in den stillen, spirituellen, manchmal fast verlöschenden Momenten. Aber man hat Mozart mit ihm schon stürmischer und rauschhafter erlebt. Woran das liegt? Wohl auch daran, dass er seine sibirische Kapelle aufgegeben hat. Er dirigiert in Salzburg das fabelhafte Freiburger Barockorchester, lässt es bis auf die Celli ebenfalls im Stehen musizieren. Aber die Bedingungen aus Perm sind nicht übertragbar. Eher zeigen nun die Freiburger Currentzis Grenzen auf, als dass der wilde Maestro in Röhrenjeans und Springerstiefeln sie zum Tanzen brächte.

Der gewaltige, auch spielstarke Chor aber ist noch immer der musicAeterna Choir aus Perm. Was der – in orangeroten und blauen Kampfuniformen – an Präzision und Ausdruck leistet, ist derzeit auf Opernbühnen unerreicht. Weniger atemberaubend die Solisten. Auch das hat Gründe. Wenn Kunst zur Demonstration wird, geht sie Kompromisse ein. Die Kriegsgefangene Ilia muss von der Chinesin Ying Fang gesungen werden. Weshalb? Weil sie schon einmal bei einem Klimakongress mit Mozart aufgetreten ist und das Land repräsentiert, das die Umwelt am meisten belastet. Wenn nach solchen Kriterien besetzt wird, darf man sich nicht wundern. Auch der amerikanische Tenor Russell Thomas als Idomeneo ist der Partie nicht gewachsen. Einzig Nicole Chevalier als Elletra erreicht das gewohnte Salzburg-Niveau. Sie hat aber auch die dankbarste, nämlich tragischste Rolle. Sie verliert ihren Geliebten, stört das verlogene Happy End, wütet sich zu Tode. Sieh an, ein wahrer Mensch.

Danach schließt Mozarts Oper mit einer langen Ballettmusik. Meistens wird sie gestrichen. In Salzburg gibt’s dazu Folklore aus Ozeanien, wo Inseln untergehen. Eine Tänzerin und ein Tänzer trippeln über die Riesenbühne. Und vor dem Nagelfluhfels schwebt Plastikmüll, ästhetisch ausgesprochen attraktiv, große, leuchtende, organische Formen. Einfach nur schön. Ja, ja, wir sind noch immer in Salzburg.

Info

Idomeneo Peter Sellars (Regie) Salzburger Festspiele 2019, bis 31. August

06:00 17.08.2019
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