Im Kino gewesen, geweint

Berlinale Unserer Autorin stehen dieses Jahr alle Türen offen. Tickets für jeden Film – und das ohne Warteschlange. Doch was nützt ihr das, wenn sie es im Kino nicht aushält?
Im Kino gewesen, geweint
Ihre Tickets bekommt unsere Autorin, ohne derlei Opfer bringen zu müssen. Doch was nützt ihr das schon?

Foto: Tobias Schwarz/AFP via Getty Images

Ich habe ein „Badge“. Also die Berlinale-Akkreditierung, die Plastikkarte mit meinem Foto drauf, am Halsband. Ich kann alles sehen und überall rein. Früher habe ich gedacht: Das wärs: Ein Badge! Früher, als ich noch wie die anderen, wie die Normalos Schlange stehen musste, um an ein Ticket für einen Berlinale Film zu kommen. Nie gabs noch Karten für den Film in den man eigentlich wollte, deswegen hat man dann immer irgendwas genommen. Egal. Hauptsache dabei sein. Kann ich heute nicht mehr verstehen. Ist wie mit Kiffen. Warum habe ich früher gekifft? Habs noch nie vertragen. Am Internat in der zehn Uhr Pause haben wir Bong geraucht. Danach war mir schlecht und ich hatte Paranoia. Aber Kiffen musste sein.

So gings mir meistens auch mit Berlinale Filmen. Danach immer Übelkeit und Paranoia. Die Übelkeit kam daher, dass man immer irgendwie zu spät dran war und dann waren nur noch Plätze in der ersten Reihe frei. Da Independent/Arthouse/Festivalfilme gern mit Handkamera gedreht werden und mit ungewöhnlichen Perspektiven arbeiten: zu nah dran, ruckartig geschwenkt – wurde einem dann halt übel. Kaum war es zu nah dran, war es halt Kunst, schienen die Filmemacher zu denken. Aber zu nah dran, ist keine Kunst, zu nah dran ist einfach zu nah dran, oder? Die Paranoia kam wegen der unguten Kunstfilm- Inhalte. Suizid, Mord, Armut, Coming Out, Coming of Age, Drogensucht oder alles zusammen.

Jetzt habe ich das Badge, muss nicht mehr Schlange stehen und kann sehen was ich will und wann ich will und hab immer noch kein gutes Gefühl. Ich fühle ich mich so einsam. Alle anderen Kinobesucher sind paarweise unterwegs, gutgelaunt, aufgeregt, interessiert, offen. Das Berliner Filmpublikum ist traumhaft. Die deprimierendsten und künstlerischsten Filme verschrecken sie nicht. Jeder bleibt bis zum Schluss sitzen, keiner außer mir geht früher raus.

Sogar „My Salinger Year“, den Eröffnungsfilm, habe ich nur eine halbe Stunde ertragen. Der komplett besetzte Friedrichstadtpalast hat sich amüsiert, über die ulkige zigarettenrauchende Literaturagenturchefin und die Möchtegern- Schriftstellerin, die Leserbriefe an J.D. Salinger beantworten muss. Ich habs einfach nicht ertragen. Die liebevolle Ausstattung, die tollen Kostüme, die originellen Dialoge, die Gefälligkeit. Vielleicht ist das ein guter Film, vielleicht ist das ein Film der Spaß macht, ich kann es niemandem verdenken, „My Salinger Year“ zu mögen, aber Affirmation kann ich nicht mehr ab, seit ich so schlimmen Liebeskummer habe, renne ich weg, sobald mir jemand gefallen will.

Vielleicht bin ich zu kaputt fürs Kino

Ich ging also raus. Draußen auf den Gängen und Treppen des Friedrichstadtpalastes war es still, alle saßen drin und genossen und ich störte die Platzanweiser bei privaten Gesprächen. Ich hätte jetzt noch Zeit gehabt, mir was Anderes anzusehen, aber ich konnte nicht, denn da hieß die Hauptfigur so, wie der Liebeskummererzeuger.

Vielleicht bin ich momentan zu kaputt fürs Kino. Abends versuchte ich es nochmal.

„Gorod usnul“ hieß der Film. Englischer Titel: „In deep sleep“. Ich bekam wieder nur einen Platz ganz vorne und als der Film anfing, rollten bei mir sofort die Tränen, dabei war noch gar nichts zu sehen. Die Leinwand war schwarz und eine Männerstimme rezitierte auf Russisch ein Gedicht ungefähr folgenden Inhalts: „Du kannst um die Welt reisen, du kannst machen was du willst, solange du jemanden hast, zu dem du zurückkehren kannst. Aber wenn da keiner ist, dann bist du verloren.”

In „Gorod usnul“ geht es darum, dass ein Matrose auf einem Fischtrawler einen Kollegen ermordet hat. Seit dem Unfalltod seiner Frau ist die Welt für den Matrosen in Schlaf gefallen, hat Sinn und Zusammenhang verloren. Auch „Gorod usnul“ ertrug ich nicht. War die Kamera zu nah dran, oder war ich zu nah dran? War es Kunst oder zu nah dran, oder beides? Keine Ahnung. Ich musste gehen. Das ist kein Urteil. Ich habs einfach nur nicht mehr ausgehalten.

17:55 23.02.2020

Ausgabe 13/2020

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