Im Tumult der selbstgewissen Antworten

Achille Mbembe Bei der aufgeheizten Debatte um den kamerunischen Historiker verliert vor allem die Diskussionskultur
Im Tumult der selbstgewissen Antworten
Mbembe wollte den Zusammenhang von Kolonialismus und dem Mord an den europäischen Juden thematisieren

Foto: Cyril Folliot/AFP/Getty Images

Die Debatte um Achille Mbembe belegt den Verfall der Diskussionskultur. Nicht das Bemühen um Wahrheit, das Ringen um das bessere Argument herrscht in Feuilletons und Seminaren vor, sondern moralisierende Rechthaberei. Mbembe, der sich als Opfer all dessen wähnt und von aller Welt in Schutz genommen wird, hat den jüngsten Beweis geliefert, indem er sich 2018 selbst für die Ausladung einer israelischen Friedensforscherin an seiner Universität Stellenbosch eingesetzt hat – was ja nicht am Thema gelegen haben kann. Zum Märtyrerdasein eignet sich das bei allem Respekt nicht.

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Themen wie Holocaust, Rassismus und Kolonialismus können kaum noch ohne Schaum vorm Mund diskutiert werden. Allzu oft wird jemand als alter weißer Mann, wegen Nicht-Zugehörigkeit zu einer „Kultur“ oder fehlendem Bekenntnis zu einer Denkschule ausgeschlossen. Podien werden stromlinienförmig besetzt oder im Tumult aufgelöst. Ich rede hier gar nicht von der beliebten Frage, ob man tatsächliche oder vermeintliche Faschisten einladen darf, sondern von der in linksliberalen Kreisen üblichen Bandbreite von Positionen. Sie zivil-streitlustig infrage zu stellen, ist die vornehmste Aufgabe von Wissenschaft auf der Suche nach Wahrheiten. Drastisch wird Diskussionsverweigerung, wo Intellektuelle und Akademiker sich anmaßen, „Opfergruppen“ zu vertreten. Wo nicht mehr die Interpretation, sondern die persönlichen „credentials“ eines Interpreten geprüft werden.

Oft wird im Tumult selbstgewisser Antworten vergessen: Mbembe wollte, beileibe nicht als Erster, den Zusammenhang von Kolonialismus und dem Mord an den europäischen Juden thematisieren – und mögliche Kontinuitäten im heutigen Antisemitismus und Rassismus. Da war man schon weiter. Hier beharren die einen auf der Einzigartigkeit der Verfolgung der Juden, der völligen Inkommensurabilität des Holocaust, auf der anderen Seite findet eine Subsumtion statt, womit die Shoah (nur) ein rassistisches Verbrechen unter anderen war und die Überlebenden der Shoah in Israel den Palästinensern ein ebensolches Unrecht antun. Würde man beide Positionen einmal andersherum besetzen, würde sich die Grobschlächtigkeit dieser „Debatte“ sofort zeigen.

In der „Genau wie …“-Gleichsetzung oder „Schlimmer noch als …“-Hierarchie steckt eine die Opfer missachtende Konkurrenz aus tagespolitischen Zwecken. Das verkennt tatsächliche Gemeinsamkeiten, die Hannah Arendt 1951 im Blick auf die Burenherrschaft in Südafrika auf den Punkt brachte: „Hier … verlor die Idee der Menschheit und des gemeinsamen Ursprungs des Menschengeschlechts … zum ersten Mal ihre zwingende Überzeugungskraft, und der Wunsch nach systematischer Ausrottung ganzer Rassen setzte sich … fest.“ Ähnliches gilt für den Völkermord in „Deutsch-Südwestafrika“, bei dem Menschen ganz „grundlos“, also nicht aus Habgier, Sadismus oder anderen niedrigen Motiven ausgerottet wurden.

Wo immer sich diese Logik der Extermination wieder abzeichnet – und das ist bei den völkischen Nationalisten heute der Fall –, kann man nach genauer Prüfung von einer Vorläuferschaft des Holocaust im Kolonialismus und seinen Nachwirkungen in heutigen Kontexten sprechen. Und am Ende mündet das hoffentlich in gemeinsame Gegnerschaft zum weißen Suprematismus gestern, heute und morgen ein, der im linken und liberalen Lager, wo man gerne dem Narzissmus der kleinsten Differenz frönt, den unbestreitbaren Hauptgegner darstellen sollte.

06:00 22.05.2020

Ausgabe 22/2020

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