Impfgegner in Bayern: Hitler schwingt immer mit

Eichstätt Auch in der bayerischen Provinz trifft sich die Szene der Corona-Maßnahmengegner und Verschwörungstheoretiker. Impfärztin Andrea Kraus hält dagegen. Ein Lehrstück über mangelnden gesellschaftlichen Zusammenhalt im dritten Pandemiejahr
Entfällt mit dem Scheitern der Impfpflicht im Bundestag nun der Anlass für „Lichterwanderungen“ wie diese in Eichstätt?
Entfällt mit dem Scheitern der Impfpflicht im Bundestag nun der Anlass für „Lichterwanderungen“ wie diese in Eichstätt?

Foto: Kilian Beck

Reflektorstreifen blitzen durch die Dunkelheit zwischen barocken Fassaden. Kathleen W. trägt eine Gelbweste. Es ist eine der ersten Demonstrationen, die sie besucht – gegen die Coronaschutzmaßnahmen, die sie „Wahnsinn“ nennt. Und gegen die „Nötigung“ einer (fiktiven) Impfpflicht. Ihr gegenüber steht die Kinderärztin Andrea Kraus. Mit FFP-2-Maske im Gesicht versucht sie in ruhigem Ton zu vermitteln. W. ist aufgekratzt und erzählt der Medizinerin etwas von einem „ungefährlichen“ Virus. Und dass in ihrer Altersgruppe insgesamt gerade einmal 314 Frauen an Corona gestorben seien. Zwischen Demonstrierenden stehen sich die beiden in der oberbayerischen Kleinstadt Eichstätt gegenüber.

Zum Jahreswechsel waren hier in der Provinz die Inzidenzen exponentiell gestiegen: Auch die Zahl der Impf- und Schutzmaßnahmengegner:innen auf der Straße verdoppelte sich wöchentlich.

Andrea Kraus, Kinder- und Impfärztin in der Kleinstadt, hatte sich vorgenommen aufzuklären. „Erst dachte ich, da sind viele Mitläufer dabei, die man noch erreichen kann“, sagt sie. Das gerade mit Kathleen W. sei einer der vielen Vermittlungsversuche gewesen, die sie zusammen mit der ÖDP-Stadträtin Maria Lechner in den vergangenen Monaten gestartet habe, so lange sich die Demonstrationen der Maßnahmen- und Impfgegner:innen in Eichstätt schon hinziehen. „Die Menschen leben in einer Blase, und das ist die größte Gefahr unserer Zeit“, sagt Lechner, die sich seit Jahrzehnten in der Stadtpolitik engagiert. Kathleen W. gibt zu, in eine solche Blase geraten zu sein und sich darin radikalisiert zu sein. Tja, sie sei halt eine „Schwurblerin“.

Nicht lange blieben die „Lichterwanderungen“, wie Impfpflichtgegner:innen ihre Demonstrationen selbst nennen, unbeantwortet. In den vergangenen Monaten organisierte sich der Großteil der Universitätsstadt, um auf die Demonstrationen zu reagieren: Aktivist:innen stellten Gegenkundgebungen auf die Beine, die Lokalzeitung machte Seiten dafür frei – und die Polizei forderte zusätzliche Bereitschaftskräfte an. Aber W. ist eben wütend. Als im Oktober 2021 die 2- und 3-G-Regeln ausgeweitet wurden, habe sie Mitglieder der Bundesregierung angezeigt. Ihrer Meinung nach wurde das Grundgesetz „ausgehebelt“. Dabei haben in Karlsruhe die Richter:innen alleine in den drei Monaten, in denen sie auf die Straße geht, mehrere Urteile gefällt, die die Coronapolitik als verfassungskonform betrachten – doch das bedeutet W. nichts.

Matthias Pöhlmann, Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, sieht in den Maßnahmenkritiker:innen eine „bunte Misstrauensgemeinschaft“, die Politik, Medien und Wissenschaft gleichermaßen infrage stellt. In Eichstätt besteht diese illustre Community im harten Kern aus gut 100 Menschen. Aber nicht einmal der Eichstätter Kurier kann viel über die Anliegen der Anwesenden sagen.

Hier steht die Wahrheit!

Lehrer:innen, Dozierende der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) und Heilpraktiker:innen aus der Gegend gehen hier auf die Straße. Reden werden am heutigen Tag zunächst keine gehalten, dafür Kommentare in Richtung der Journalist:innen abgegeben: „Schreib die Wahrheit“ – „Ihr lügt doch sowieso“, bekommt insbesondere die ehemalige Redaktonsleiterin des Eichstätter Kuriers, Eva Chloupek, zu hören.

„Die Eichstätter Residenz trennte am Donnerstagabend zumindest gedanklich zwei Welten“, schrieb Chloupek am 28. Dezember 2021 in einem Artikel. Die Welt auf der anderen Seite der ehemaligen Bischofsresidenz ist seit einigen Wochen die eines breiten Bündnisses, das sich gegen die Maßnahmengegner:innen und Impfskeptiker:innen stellt. Alle, die sich zur Eichstätter Zivilgesellschaft zählen, kommen und reden: der zu Beginn der Pandemie gewählte CSU-Oberbürgermeister, verschiedene Stadträt:innen und Mitglieder aller demokratischen Parteien, inklusive der traditionell impfskeptischen ÖDP und der in dieser Frage chronisch zerstrittenen Linkspartei. Auch KU-Dozierende sind am Start: In Sachen Corona ist die Belegschaft der Universität offensichtlich gespalten.

„Glaube wenig – Prüfe selbst“, schreiben sich die Impfskeptiker:innen aufs Transparent. Darauf wird auch der sogenannte Corona-Ausschuss beworben, ein Pseudogremium der Szene, das in Livestreams einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss mimt. Dazu kommt Werbung für den Blog des ehemaligen Focus-Moskau-Korrespondenten Boris Reitschuster. Auch in aller Munde hier: die Website des österreichischen Rechtsextremen Stefan Magnet. Ebenfalls gern gesehener Gast in Eichstätt ist der Kreisvorsitzende der Partei Die Basis, Klaus Hengl. Seiner Ansicht nach sei es ein „Irrglaube“, dass Deutschland eine Demokratie sei. Und immer mehr Menschen (wohl die Anwesenden) würden das verstehen. In seiner Rede vergleicht er die Corona-Maßnahmen mit 1933 und bedient damit das bekannte Narrativ, Hitler sei ja auch demokratisch an die Macht gekommen. Beifall unter den Anwesenden.

„Angst gemacht haben mir vor allem die, die sich so sicher sind, dass sie auf der richtigen Seite sind, und alle anderen doof“, sagt Impfärztin Andrea Kraus. Sie und ihr Kollege, der Eichstätter Allgemeinarzt Simon Boretzki, entschieden sich irgendwann für einen anderen Weg. Die beiden setzten die Eichstätter Erklärung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt auf. Dort heißt es: „Wir Eichstätter verhalten uns vernünftig, solidarisch und rücksichtsvoll. Wir bekennen uns zu einer freiheitlichen Demokratie, die auf einer Verantwortung füreinander gründet und die im Krisenfall auch Einschränkungen und Nachteile Einzelner zum Wohl für die Allgemeinheit akzeptiert.“ W. lehnt die Petition wegen eines einzigen Satzes ab: „Wir würdigen die Arbeit von Wissenschaft und Forschung und bekennen uns zu einem Handeln auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse.“ W. sagt, es gebe nicht die eine Wissenschaft.

Bald Besseres zu tun

Der Bundesverfassungsschutz, der die radikalen Gruppen der Bewegung mittlerweile beobachtet, gibt keine Zahlen zu den Querdenkern heraus. Zu den Höchstzeiten der Demonstrationen der Impf- und Maßnahmenskeptiker:innen kamen nach Polizeiangaben um die 10.000 Menschen in München zu den Protesten, in Berlin um die 30.000. In Eichstätt ist mit 460 Teilnehmenden das Potenzial ausgeschöpft. Kraus hofft darauf, dass sich „das Thema jetzt sowieso totläuft“ und es ihr im Sommer wieder egal sein könne, ob jemand geimpft sei oder nicht – wie früher bei den Masern. Sie wolle ja auch „als Mensch“ auf dem traditionellen Altstadtfest sitzen, ohne „die Impfärztin“ genannt zu werden. Sie glaubt auch an eine einigende Wirkung der breiten Solidarität mit der Ukraine, die die Stadtbevölkerung gemeinsam auf Solidaritätskundgebungen führe – auch zuvor gespaltene Lager.

Der Sektenexperte Pöhlmann ist weniger optimistisch. „Ich glaube nicht, dass das ein Problem ist, das sich von selbst erledigen kann“, sagt er. Antidemokratische Kräfte wären schon lange stark und das könnten sie auch nach diesen Protesten bleiben. Die ÖDP-Stadträtin Lechner geht davon aus, dass wenigstens die Spaltung aufgrund der Corona-Pandemie mit dem Eintritt in den endemischen Zustand kleiner werden könnte. Als Stadtpolitikerin will sie neue Angebote zur gemeinsamen Kommunikation schaffen, damit die Menschen, vor allem Familien und Freundeskreise, wieder zueinanderfinden können. Nachdem die Kirche immer weniger stemmen könne, müssten andere soziale Träger ihre Angebote erweitern – damit die Gesellschaft nicht zerbricht.

Währenddessen ist der Eichstätter Kurier zum Strafen durch Nichtbeachtung übergegangen: Nachdem die Gegendemonstrationen wegen des Krieges in der Ukraine ausgesetzt wurden, berichtet die Lokalzeitung nicht mehr über die Veranstaltungen – obwohl die Maßnahmengegner:innen weiter auf die Straße gehen. Dies hat aber laut Chefredaktion nur etwas mit dem geringen Nachrichtenwert zu tun. Das Weltgeschehen, der brutale Krieg in der Ukraine, hat andere Themen in den Mittelpunkt gerückt. Der Freedom Day der Bundesregierung – so wenig praktische Konsequenzen er auch hat – tut sein Übriges dafür, dass die Chance auf ein „Totlaufen“ der Proteste mangels Anlass wahrscheinlicher wird: Weil alle Unzufriedenen und Skeptischen nun Besseres zu tun haben. In Eichstätt gibt es übrigens nette Kneipen.

Sarah Kohler besucht in München die Deutsche Journalistenschule und schreibt vornehmlich über soziale Bewegungen

Kilian Beck hat Journalistik in Eichstätt studiert und arbeitet v.a. zu sozialer Teilhabe

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