In Maßen zu Diensten

Dokumentiert Dmitri Rogosin, Vorsitzender des Auswärtigen Duma-Ausschusses, über das Verhältnis USA - Russland

Die russisch-amerikanischen Beziehungen sind nicht ungetrübt. Zwar haben beide Staaten einiges erreicht, um das Risiko eines Kernwaffenkrieges zu vermindern, auch heißt es in der "Gemeinsamen Deklaration", die von George Bush und Wladimir Putin beim Gipfel im Mai 2002 unterzeichnet wurde, die Epoche, da man einander "als Feind oder strategische Gefahr" betrachtete, sei vorbei. Gleichwohl genügt der Charakter der russisch-amerikanischen Beziehungen nicht den Erwartungen des russischen Volkes. Unsere Elite rechnet seit 1990 auf die Unterstützung des Westens bei ihrer Reformpolitik und ist enttäuscht worden - die Widersprüche in der internationalen Politik haben bekanntlich nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems eine neue Qualität gewonnen.

Das heißt keineswegs, Russland und die USA wären unfähig, das Konfrontationsdenken abzulegen. In Russland sind heute antiamerikanische Stimmungen bei weitem nicht in dem Maße ausgeprägt wie in Westeuropa. Die Logik der Ereignisse hat Russland und die USA stattdessen stimuliert, ihre Beziehungen zu intensivieren. Es waren die Terroranschläge vom 11. September 2001, von denen der entscheidende Schub ausging. Die Russen konnten die Tragödie von New York und Washington vielleicht besser als andere nachempfinden, hatten sie doch am eigenen Leibe erfahren, was ein terroristischer Angriff bewirken kann. Entsprechend war die Entscheidung des Präsidenten, die Antiterrorkoalition zu unterstützen, nicht allein von Mitgefühl bestimmt, sondern ebenso von der Überzeugung, die Anstrengungen im Kampf gegen diese Herausforderung vereinen zu müssen. Das Zusammenwirkens zwischen Russland und den USA bei der Zerschlagung des Taleban-Regimes in Afghanistan oder die jüngste gemeinsame Aktion der Geheimdienste bei der Unterbindung des Versuchs, moderne Raketenkomplexe für terroristische Organisationen in die USA zu schmuggeln, waren Zeichen des guten Willen beider Seiten.

Das strategische Ziel der Antiterrorpolitik besteht jedoch nicht in der Ausrottung des Terrors schlechthin, sondern in zuverlässigen, stabilen Sicherheitssystemen, die unabhängig vom menschlichen Faktor und von augenblicklichen inneren Problemen der beteiligten Staaten funktionieren. Durch militärische Handlungen allein lassen sich derartige Mechanismen nicht schaffen. Auch aus diesem Grunde hat sich Russland gegen den Krieg im Irak ausgesprochen.

Allerdings zeigt das Beispiel dieses Waffenganges, dass es in unserer heutigen Welt keine Kraft gibt, die den Riesen Amerika von seinen militärischen Plänen abhalten könnte. Deshalb haben die Irak-Erfahrungen für einige Länder die Richtigkeit des Prinzips si vis pacem, para bellum bekräftigt. So gab Nordkorea die Wiederaufnahme seines Nuklearprogramms bekannt, was man ernst nehmen sollte, denn dieses Land liegt nicht am Persischen Golf. Ein Feldzug auf der koreanischen Halbinsel kann erheblich länger dauern als der Vormarsch der US-Armee auf Bagdad. Deshalb stehen ebenso umfassende wie zermürbende Verhandlungen an, die China und Russland mit Pjöngjang führen werden. Man muss davon ausgehen, dass Kim Jong Il für sein Einlenken einen hohen Preis verlangt. An diesem Beispiel wird deutlich, was eine Koordinierung russisch-amerikanischer Anstrengungen im Kampf gegen den internationalen Terrorismus heute bedeutet. Im September 2001 riefen die USA zu einer weltweiten Koalition im Kampf gegen den Terrorismus auf. Eine sehr richtige Losung - man sollte mehr auf diese Idee zurückkommen.

Quelle: Agentur Nowosti

Dmitri Rogosin gehört in der Duma zur Fraktion Volksabgeordnete (Narodni deputat). Derzeit bildet er gemeinsam mit dem linken Politiker Sergej Glasjew für die Dumawahlen im Dezember einen Volkspatriotischen Block.

00:00 26.09.2003

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