Ins siebte Jahr

Krieg Wir haben mit Syrern über ihren Alltag gesprochen. Erzählungen von unvorstellbarem Leid und leiser Hoffnung
Ins siebte Jahr
Eine kurdische Syrerin mit Kind in Kobane
Foto: Yasin Akgul/Getty Images

Die Kinder ahnten nicht, was sie auslösen würden, als sie am 15. Februar 2011 „Du bist dran, Doktor!“ an die Fassade ihres Schulhauses in Daraa in Südsyrien sprühten. Welche brutalen Konsequenzen dieser Slogan haben würde, den sie, inspiriert von den Demonstranten in Tunesien und Ägypten, an den syrischen Machthaber Baschar al-Assad richteten.

Dass sie dafür von der Polizei festgenommen, dass sie im Gefängnis gefoltert werden würden. Dass Menschen in ganz Syrien auf die Straße gehen würden, um zunächst Freiheit für die Kinder und schon bald Freiheit für das ganze Land zu fordern. Die Menschen skandierten damals noch friedlich „Gott, Syrien und Freiheit“, später dann: „Nieder mit Assad!“ Das Regime antwortete mit Repression und Gewalt. Am 18. März 2011 wurden in Daraa bei einer Demonstration fünf Menschen vom Militär erschossen: Es war der Auftakt eines blutigen Krieges. Fast eine halbe Million Menschen hat er inzwischen das Leben gekostet, mehr als fünf Millionen sind ins Ausland geflohen. 13,5 Millionen Syrer sind laut UNO auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Im März 2017 geht der Krieg ins siebte Jahr. Deshalb drucken wir in dieser Ausgabe die Protokolle von Menschen, die weiter in Syrien leben, in verschiedenen Teilen des Landes. Sie haben uns ihre persönliche Sicht auf den Konflikt geschildert. Es sind Geschichten von Angst, Bomben – und dem Versuch, trotzdem ein geregeltes Leben zu führen.

Samira, 23
Rakka City, Kontrolle: IS

Ich habe Albträume, jede Nacht. Wie ein Horrorfilm laufen die Geschichten vor meinen Augen ab, die mein Bruder mir erzählt, wenn er aus der Stadt zurückkommt: von Jugendlichen, denen sie die Hände abhacken, von Menschen, die von IS-Leuten exekutiert werden.

Ich bin in dieser Stadt geboren und aufgewachsen. Ich lebe hier mit meinen zwei Brüdern und meinen Eltern in einer Wohnung. Ich habe Rakka geliebt, doch seit der IS hier ist, ist alles anders: Alles ist schwarz. Wir Frauen können das Haus nicht mehr allein verlassen, wir dürfen nicht mehr studieren, es werden keine Feste mehr gefeiert. Wir dürfen nicht mal mehr frei entscheiden, was wir uns anziehen: Alle müssen diese schwarzen Umhänge tragen. Wir nennen sie zynisch „afghanische Uniformen“.

Der schlimmste Tag vergangene Woche (Stand Mitte Februar, Anm. d. Red.) war, als die Anti-IS-Koalition die Brücke über den Euphrat zerbombt hat. Die schönsten Erinnerungen meiner Jugend hingen an dieser Brücke: Ich stand dort immer mit meinen Freundinnen am Geländer und wir haben Fotos gemacht. Die jungen Schwimmer haben dort trainiert, nachts haben wir dort schwimmende Lichter ins Wasser gesetzt und mit unseren Wünschen den Flusslauf hinabgeschickt. Die Aussicht war wunderschön. Und jetzt hat die Koalition alles zerstört. Außerdem habe ich Angst, dass der IS sich dafür an der Bevölkerung rächen wird.

Meine größte Angst aber ist es, dass eines Tages einer von den IS-Leuten kommt und mich heiraten will. Dann habe ich keine Wahl: Entweder ich sage Ja, oder sie werden meine Familie grausam bestrafen.

Ich kann leider kein Foto von hier schicken, weil es verboten ist und ich zu viel Angst habe, dass mich jemand erwischt.

Die Recherche

Die Gesprächspartner, deren Protokolle wir hier drucken, wurden zum einen durch Geflüchtete in Deutschland und Österreich sowie private Kontakte in Syrien vermittelt. Zum anderen halfen die Aktivisten-Gruppen „Adopt a Revolution“, „Women’s Struggle in North Syria“ und das syrische Newsportal sound-and-picture.com. Die meisten Gespräche wurden über das Mobilfunknetz oder über Online-Telefondienste (Facebook-Messenger und Whatsapp) geführt. Einzig der Gesprächspartnerin, die im vom IS kontrolliertem Gebiet lebt, wurden die Fragen wegen des Risikos per Mail geschickt und schriftlich beantwortet.

Auf Bitte der Protagonisten haben wir uns entschieden, keine Fotos unserer Gesprächspartner zu veröffentlichen, da fast alle individuelle Verfolgung durch die jeweiligen Machthaber fürchten müssen, sollte man sie identifizieren.

Rahaf, 22
Homs, Kontrolle: syrische Regierungstruppen

Gerade ist es ein bisschen stressig. Ein paar Freundinnen waren zum Lernen da, weil wir am Montag Klausur haben. Ich studiere Pharmazie an der Al-Baath-Universität hier in Homs und bin im achten Semester. Ich hoffe, dass ich nächstes Jahr mit einem Master abschließen kann. Ich ärgere mich darüber, dass der Krieg mich davon abhält, die Bildung zu bekommen, die ich verdient habe: Viele gute Professoren haben das Land verlassen, die Ausstattung in den Universitäten ist miserabel. Ich weiß schon, es ist ein Privileg, dass ich mir über so etwas Sorgen machen kann. Es gibt viele Menschen in Syrien, denen es schlechter geht als mir.

Aber ich bin ja auch unschuldig. Politik hat mich nie interessiert. Damals nicht, als Homs 2011 eine der Hochburgen der Anti-Assad-Proteste war und auch heute nicht. Trotzdem macht mich die Situation traurig: Halb Homs ist zerstört, 2012 musste ich mit meinen Eltern und meinem Bruder unser Haus verlassen, weil die Kämpfe zu heftig wurden. Wir sind Christen und habe immer frei gelebt in diesem Land. Ich habe mir Kleider angezogen, die mir gefielen. Doch inzwischen sind viele aus konservativen Vierteln in unsere Wohngegend geflüchtet. Ich werde auf der Straße schief angeschaut, wenn ich die „falschen“ Klamotten trage.

Manchmal gehe ich mit meinen Freundinnen noch auf Partys, wir trinken Bier und Wodka. Aber es ist nicht mehr wie früher: Viele meiner Freunde haben das Land verlassen. Mein größter Wunsch ist es, dass der Krieg irgendwann wieder vorbei ist, dass meine Freunde und all die Leute zurückkommen, die das Land verlassen haben. Und dass wir alle wieder in Frieden zusammenleben. Wir werden uns aussöhnen, da bin ich mir sicher, denn wir Syrer haben ein großes Herz – auch wenn es im Moment nicht so scheint.

Eine Evakuierung in Homs
Foto: Louai Beshara/AFP/Getty Images

Guleh, 55
Afrin, Kontrolle: YPG (kurdische „Volksverteidigungseinheiten“)

Wir sind seit fünf Jahren unter Belagerung. Im Norden baut die Türkei eine illegale Mauer auf syrischem Gebiet. Sie zerstören dabei die Olivenplantagen der Bauern und jeder, der es wagt, sich ihnen in den Weg zu stellen, wird erschossen. Sie warten nur darauf, dass die Welt sich von uns abwendet und sie uns in aller Stille töten können. Auf der anderen Seite sind wir von zahlreichen Islamisten-Milizen umzingelt, die versuchen, unser Gebiet einzunehmen, und dabei von der Türkei unterstützt werden. Am schlimmsten war es 2013, als gleich 20 verschiedene islamistische Gruppen loszogen, um „ihr“ Land von den Ungläubigen zu befreien, wie sie uns nennen.

Ich bin Kurdin und Jesidin. Mein Leben lang wurde ich in Syrien diskriminiert, seit dem Putsch der Baathisten um Hafis al-Assad 1963 leben wir in einem Freiluftgefängnis. Unsere Sprache wurde uns verboten, unsere Traditionen auch. Als mein Mann zum jesidischen Neujahrsfest im April eine Feier veranstaltete, verhafteten sie ihn und feuerten ihn nach 30 Jahren aus seinem Job. Deshalb war ich voller Hoffnung, als die Menschen in Syrien gegen das Regime aufstanden. Wir Kurden wollten teilnehmen an der arabischen Revolution. Aber der Großteil der Araber betrachtete uns genauso wie das Regime als Feinde.

Heute versuchen die Kämpfer der YPG, unsere Stadt so gut es geht zu beschützen. Araber und Kurden stehen hier Seite an Seite. Wir versuchen uns, so gut es geht, gegenseitig zu helfen. Ich arbeite ehrenamtlich als Frauenrechtsaktivistin für die Rechte von jesidischen Frauen in den kurdischen Gebieten. Mein Geld verdiene ich in einer Textilfabrik. Damit kann ich gerade so meine Familie, meinen Mann, meinen Sohn und meine Tochter ernähren. Lebensmittel sind so teuer gewordenund alles, was wir zum Leben brauchen, müssen wir zu horrenden Preisen von Warlords kaufen, weil alle Zufahrtsstraßen blockiert sind.

Sami, 34
Daraa, Kontrolle: teils Freie SyrischeArmee/teils syrische Regierungstruppen

Es tut mir leid, dass ich nicht früher antworten konnte, aber ich musste gerade bei einem Kaiserschnitt helfen. Jede Operation ist eine Herausforderung, wir haben überhaupt keine medizinische Ausrüstung, meistens nicht einmal Strom. Wir arbeiten bei komplizierten OPs oft mit Erste-Hilfe-Sets. Antibiotika gibt es überhaupt nicht mehr. Eigentlich bin ich ja gelernter Anästhesie-Assistent, aber inzwischen kommt es nicht mehr drauf an, was ich gelernt habe. Die Ärzte sind froh über jeden, der helfen kann. Hier, in dem von der Opposition kontrollierten Teil von Daraa, gibt es noch etwa 100 Ärzte für 300.000 Menschen. Neurologen oder Narkoseärzte gibt es gar nicht mehr, weil sie entweder tot oder geflohen sind.

Ich bin nach Daraa geflohen, weil meine eigentliche Heimatstadt vom Regime zurückerobert wurde und ich dachte, dass ich hier in Sicherheit sei. Ich lebe in einem Haus zusammen mit meiner Frau, meinen zwei Kindern sowie meinem Bruder und dessen Familie. Nachts übernachte ich trotzdem meist im Krankenhaus, weil ich auf Abruf bereit sein muss. Im letzten Monat hat sich die Situation enorm verschlimmert: Nach den letzten Luftangriffen sind fast alle Krankenhäuser außer Betrieb, weil die Angreifer die Bomben gezielt über ihnen abgeworfen haben. Für die Menschen hier gibt es nur noch zwei Fragen: Wie komme ich hier weg – und wohin kann ich noch fliehen?

Mahmoud, 61
Damaskus, Kontrolle: Syrische Regierungstruppen

Gerade bin ich im Bus. Ich verbringe den Großteil des Tages in Bussen auf dem Weg zur Arbeit. Es gibt so viele Checkpoints hier, und die Soldaten kontrollieren jeden einzelnen Passanten. Ich bin Bauingenieur und arbeite für die Regierung, ich bin verbeamtet. Auch wenn ich die Regierung nicht unterstütze, habe ich nicht aufgehört zu arbeiten, weil ich glaube, dass ich damit niemandem schade. Wenn ich um sechs Uhr abends fertig bin, gehe ich zu meinem Zweitjob: Ich bin noch Buchhalter in einem Kleiderladen. Mit nur einem Job kann sich hier niemand über Wasser halten, weil Gas, Wasser, Strom und Lebensmittel so teuer geworden sind.

Außerdem fallen immer wieder Bomben auf unser Viertel, weil die von Assad eingesetzten paramilitärischen Shabiha-Milizen von hier die oppositionellen Gebiete angreifen und Kämpfer sich unter den Zivilisten verstecken. Es gibt niemanden hier, der nicht vom Krieg betroffen ist. Niemanden, der keinen Verwandten oder Freund verloren hat. Mein Sohn lebt inzwischen in Deutschland, meine Tochter in Österreich. Ich wollte nicht fliehen. Syrien ist meine Heimat, hier wurde ich geboren, hier werde ich sterben.

Mohammad, 26
Atareb, westlich von Aleppo, Kontrolle: Freie Syrische Armee, Ahrar al-Sham

Ich komme gerade von einer Demo. Noch immer demonstrieren wir jeden Freitag für die Revolution. Heute sind wir gegen die islamistische Miliz Tahrir al-Sham auf die Straße gegangen, die versucht hat, die Brotfabrik zu besetzen. Mit Erfolg. Wir haben sie vertrieben! Wir werden alles dafür tun, unsere erlangte Freiheit zu verteidigen und unsere Zivilgesellschaft zu schützen, die wir in den letzten Jahren in Atareb aufgebaut haben. Wir haben es mithilfe der Freien Syrischen Armee geschafft, dass sich das Regime im September 2012 aus Atareb zurückgezogen hat. 2013 haben wir den IS aus der Stadt getrieben. Und 2015 haben wir es mit Protest und zivilem Ungehorsam geschafft, dass die Al-Nusra-Front die Stadt verließ. Und jetzt eben Tahrir al-Sham. Wir werden so lange weitermachen, bis die Revolution ihre Ziele erreicht hat: Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde für alle in ganz Syrien.

Atareb ist eine Kleinstadt, das Gebiet ist unter lokaler Verwaltung der Zivilgesellschaft. Vor einem halben Jahr haben die Bürger hier Delegierte gewählt, die wiederum einen Rat bestimmt haben, der jetzt die Stadt verwaltet. Für die Sicherheit sorgt die freie Polizei. Ich bin Aktivist und habe das zivile Zentrum in Atareb mitgegründet. Wir machen viel Jugendarbeit. Wir versuchen, die Talente der Teenager zu fördern und sie trotz Krieg zu einer pazifistischen Grundhaltung zu erziehen. Viele von ihnen sind auf Waffen fixiert, wir aber wollen ihnen beibringen, Konflikte gewaltfrei zu lösen. Wir haben deshalb Flyer gedruckt und sie an Schulen und Moscheen gehängt: „Mein Bruder, der Krieger, nimm den Kindern nicht das Lachen, indem du deine Waffe in die Schule mitbringst!“ Oder: „Störe nicht die Ruhe der Gläubigen, indem du deine Waffe mit ins Gebetshaus bringst!“

Im Moment ist es ruhig in Atareb, aber wir müssen immer auf das Schlimmste gefasst sein. Als das Regime im Dezember Aleppo eingenommen hat, haben wir einen Großteil der Flächenbombardierung abbekommen. Märkte, medizinische Zentren, Hauptverkehrsadern wurden bombardiert. Seit die Russen sich in Syrien eingemischt haben, ist niemand mehr sicher. Zusammen mit dem Iran lassen sie alle Friedensgespräche scheitern. Dabei sind die Gespräche in Genf die einzige Hoffnung, die die Menschen hier noch haben.

Zwar ist Atareb vorübergehend befreit, aber die Menschen leiden Not: Ein Dollar hat den Wert von 530 syrischen Pfund, vor dem Krieg war der Wechselkurs eins zu 45. Gas, Strom, Wasser, Lebensmittel, alles ist unglaublich teuer. Hinzu kommt die Angst, dass Assad bald wieder angreift. Eigentlich würde man sagen: Es kann nur besser werden – aber wir sind in Syrien …

Geflüchtete kehren aus der Türkei in eine vom IS befreite Gegend zurück
Foto: Uygar Onder Simsek/AFP/Getty Images

Hamza, 30
Gaziantep/Istanbul/Ost-Aleppo

Was in Ost-Aleppo Ende letzten Jahres passiert ist, glich einer systematischen Vernichtung von Menschenleben: Das erste Massaker gab es am 18. November, der Ostteil der Stadt war bereits abgeriegelt. Die Leute haben sich auf einem großen Platz gesammelt, wo Milch und Joghurt ausgegeben wurden, dann haben die Kampfflugzeuge angefangen, Bomben abzuwerfen. Ich arbeitete als Arzt im Al-Quds-Krankenhaus, über 350 Menschen mit schweren Verletzungen wurden allein an diesem Tag eingeliefert. Ich kniete im Blut und habe vielen Kindern Gliedmaßen amputieren müssen, weil sie sonst nicht überlebt hätten. Nie werde ich die Kinder vergessen, die weinend neben ihren toten Eltern standen. Die Väter, die ihre toten Kinder hielten. Ich habe selbst eine einjährige Tochter. Allein der Gedanke, sie zu verlieren, bringt mich fast um.

Am 15. Dezember wurde die Waffenruhe für Aleppo beschlossen, am 22. wurde meine Familie mit einem der grünen Busse evakuiert. Seitdem lebe ich mit meiner Frau und meiner Tochter bei meinen Eltern in Gaziantep in der Türkei, in der Nähe der syrischen Grenze. Jede Woche bin ich auf Meetings mit NGOs in Istanbul. Im Moment planen wir ein Krankenhaus im von der Opposition kontrollierten Teil im Westen Aleppos. Im März sollen die Bauarbeiten beginnen. Dann werde ich als Arzt nach Syrien zurückkehren: Ich war schon auf den ersten Anti-Regime-Demos 2011 dabei. Ich fühle mich mitverantwortlich dafür, die Revolution zu Ende zu bringen, für die Hunderttausende ihr Leben gelassen haben, für die Hunderttausende in Gefängnissen gelandet sind. Sie haben Würde und Gerechtigkeit verdient.

Muhammad, 30
Idlib, Kontrolle: islamistische Milizen (unter anderem Al-Nusra-Front), Freie Syrische Armee, Regierungstruppen

Wenn ich morgens aufwache, muss ich mich erst mal informieren, wer gerade die Kontrolle über mein Viertel hat. Hier herrscht die totale Unordnung. Es kämpfen die radikal islamistische al-Nusra-Front, die noch radikalere Gruppe Jund al-Aqsa, die zum IS gehört, die Freie Syrische Armee und ein paar andere Milizen. Gleichzeitig gibt es Luftangriffe vom syrischen Militär, und die Russen schießen von ihren Schiffen vor der syrischen Küste Scud-Raketen auf uns. Es ist wie im Fernsehen: Kämpfe, Bomben, Zerstörung ohne Unterlass – nur dass ich eben mittendrin bin.

Ich wollte eigentlich Grundschullehrer werden, aber als der Krieg begann, bin ich absichtlich zweimal durchs Examen gefallen, damit ich nicht zum Militärdienst eingezogen werde. Deshalb haben sie mich dann von der Uni geschmissen. Jetzt habe ich einen kleinen Laden, in dem ich Öl und Brennstoff verkaufe. Das Öl kaufe ich von Leuten, die es von den Ölfeldern in Rakka und Deir el-Zor bekommen, und die es wiederum vom IS kaufen. Aber für mich ist es einfach die einzige Möglichkeit, um zu überleben.

Durch den Krieg haben manche Leute alles verloren, manche – wie ich – leben von einem Tag in den nächsten. Andere, die vorher arm waren, sind als Kommandeure der Freien Syrischen Armee zu steinreichen Warlords geworden, die in großen Villen leben. Sie werden mit tausenden Dollar und Waffen von den Geheimdiensten aus den USA, Großbritannien und der Türkei unterstützt, solange sie tun, was diese Geldgeber wollen. Das ist hier kein großes Geheimnis. Sie haben die Revolution betrogen, und meiner Meinung nach wäre ohne sie und die Einmischung der ausländischen Mächte der Krieg längst vorbei.

Andere sind reich geworden, weil sie lokale NGOs gegründet haben, die den Spendern von außerhalb wie der Weltgesundheitsorganisation vorgaukeln, dass sie den notleidenden Menschen in Syrien helfen. In Wahrheit aber streichen sie die Hälfte des Geldes selbst ein.

Jeder hier muss sich entscheiden, welcher lokalen Gruppe er sich anschließt. Wenn du allein bist, überlebst du nicht lange und kannst nicht arbeiten. Es ist ein knallharter Überlebenskampf. Ich bin einer Gruppe der Freien Syrischen Armee beigetreten. Schützen können auch die mich nicht, die können sich nicht mal selbst richtig beschützen – aber so bekommen meine Eltern, mein fünfjähriger Sohn und meine Ehefrau wenigstens Zugang zur Grundversorgung.

Omar, 36
Abu Kamal, Kontrolle: IS

Ich bin letzten Monat Vater geworden, meine Frau hat mir einen Sohn geboren. Das war das erste Mal, dass ich glücklich war, seit Daesh im Juli 2014 in Abu Kamal eingefallen sind. Ich hatte nicht gedacht, dass ich in diesem Elend noch einmal so etwas wie Freude verspüren kann. Ich bin Gemüsehändler, jeden Morgen stehe ich um halb 6 auf, um auf die Farmen zu fahren und von den Bauern, die Ware abzuholen. Früher ging das immer recht mühelos, weil wir nur über die Brücke fahren mussten, doch die Koalition hat die Brücke im letzten Monat zerstört, deshalb müssen wir jetzt Boote nutzen. Das dauert viel länger.

Eigentlich war ich unabhängiger Anwalt, doch sie haben mich gefeuert und mir ein Arbeitsverbot erteilt, als sie anfingen „Scharia-Gerichte“ und „IS-Untersuchungskommissionen“ zu etablieren. Jetzt habe ich nur noch diesen einen Wunsch: zu fliehen. Aber es kostet 4000 Euro, um so einen IS-Kämpfer zu bestechen, dass er uns hier rausbringt. So viel kann ich im Leben nicht verdienen: Letzte Woche haben mich zwei Daesh-Kontrolleure aufgesucht und behauptet ich würde mein Gemüse zu überteuerten Preisen verkaufen. Ich habe dann geantwortet, dass die Preise steigen, liege einzig daran, dass die Steuern immer weiter angehoben werden. Daraufhin haben sie mich verprügelt.

Ich liebe den Euphrat, er ist meine Heimat. Nach Feierabend komme ich oft hierher, setze mich ans Ufer und weine, wenn ich daran denke, was aus meiner Heimat geworden ist.

Tim, 29
Deir-ez-Zor, Kontrolle: IS

Seit wir vor einem Jahr miteinander gesprochen haben, hat sich nicht viel verändert: Einzig die Zahl der Luftangriffe durch die Russen und die Anti-IS-Koalition hat zugenommen. Sie greifen jetzt auch vermehrt Wohnsiedlungen an, in denen Zivilisten leben.

Ich arbeite noch immer als Journalist, inzwischen für das Newsportal Sound-and-Picture.com. Niemand hier weiß das, nicht einmal meine Familie. Mein Tagesablauf sieht so aus: Ich stehe um acht Uhr morgens auf, gehe auf die Straße und informiere mich über aktuelle Neuigkeiten: Hat der IS ein neues Gesetz erlassen? Wie entwickeln sich die Preise Grundnahrungsmittel? Dann sammle ich die neuesten Berichte von den Militäreinheiten: von den Regime-Truppen, von den kurdischen Einheiten, von den internationalen Kräften, vom IS. Ich versuche dann Fotos und Videos zu machen, die ich meinen Kollegen außerhalb Syriens schicke, die das Material veröffentlichen.

Der schlimmste Moment in der letzten Woche war, als russische Flieger meine Stadt angriffen und Bomben direkt neben meinem Haus einschlugen. Ich dachte, das sei jetzt endgültig das Ende. Noch größer, als die Angst von einer Bombe zerfetzt zu werden, ist die Angst, dass der IS mich findet. Sie hassen, was wir Aktivisten tun und werden mich sicher töten. Dann habe ich nur einen Wunsch: Hoffentlich verpassen sie mir direkt einen Kopfschuss. Nicht, dass sie mich mit ihren Messern schlachten wie Vieh und das Video meiner Familie schicken.

Ich hätte die Möglichkeit zu fliehen, aber ich werde bleiben. Die einen bleiben, um weiter für die Revolution zu kämpfen, ich bleibe um die Verbrechen, die Assad und der IS begehen zu dokumentieren und der Welt zu zeigen. Die Revolution, die wir begonnen haben, müssen wir zu Ende bringen. Es ist kein Kampf gegen Assad: Es ist ein Kampf für Demokratie und für Gerechtigkeit!

Sara, 42
Deraa, Kontrolle: Freie Syrische Armee/ Syrische Regierungstruppen

Während des Gesprächs via WhatsApp sind im Hintergrund Explosionen und Rotorengeräusche von Helikoptern zu hören

Ich wollte gerade mein Handy aufladen gehen, da ist im Häuserblock neben meiner Wohnung eine russische Aerosolbombe eingeschlagen. Entweder die Menschen werden von dem explodierenden Feuerball getötet, oder ihre Lungen werden vom Unterdruck zerquetscht, der nach der Explosion entsteht.

Allein in der vergangenen Woche (Stand Mitte Februar, Anm. d. Red.) gab es über 300 Luftangriffe auf die Innenstadt von Deraa. Von 5500 Familien, die hier lebten, sind noch 100 hier. 90 Prozent der Häuser sind zerstört. Auch meine Familie ist inzwischen auf eine Farm aufs Land geflohen, ich hoffe sie sind dort in Sicherheit. Ich bin Reporterin, also bin ich geblieben, um die Kriegsverbrechen, die das Regime und die Russen hier begehen zu dokumentieren. Dass die Angriffe von den Russen kommen, erkenne ich an den Flugzeugen, der Flughöhe und den Bomben, die sie abwerfen. Als sie angefangen haben mit der Vernichtung von Deraa, haben sie in dieser Reihenfolge das Waffenlager der Freien Syrischen Armee, das Wasserreservoir und das zentrale Krankenhaus bombardiert.

Wir können hier niemanden mehr retten: Wer verschüttet wird stirbt. Wer verwundet wird stirbt. Wer krank wird stirbt. Da es kein Wasser mehr gibt, müssen wir Wasser aus Brunnen pumpen. Das wiederum ist verschmutzt und vergiftet, weil es sich mit dem Klärwasser mischt. Die Menschen die es trinken werden krank: Typhus, Cholera, Hepatitis. Die Straßen um Deraa sind blockiert oder zerstört, Medikamente gibt es keine. Auch die Stromversorgung ist inzwischen komplett zusammengebrochen. Wir benutzen Generatoren, aber die sind so laut, dass sie das Brummen der Flugzeuge übertönen. Wir versuchen auch Solarenergie zu nutzen, aber solange wir bombardiert werden, gibt es keine Sonne.

Normalerweise gebe ich hier in einem Bürger-Zentrum Workshops für Frauen: Kurse für Erste-Hilfe und Gesundheit. Außerdem gibt es Kurse für Kinder, wo wir ihnen zeigen, wie sie sich richtig verhalten müssen, wenn sie Flugzeuge am Himmel sehen oder wenn es zu Bombenangriffen kommt. Ich selbst habe keine Kinder, aber ich kümmere mich im Moment um den Lebensunterhalt der Familien meiner zwei jüngeren Schwestern, da ihre Männer gestorben sind und um meine Nichten und Neffen, die Kinder meines Cousins, deren Eltern beide ermordet wurden.

Vor dem Krieg war ich Reporterin bei einem staatlichen Fernsehsender. Als Anfang 2011 die Menschen in Deraa auf die Straße gingen, um gegen das Regime zu demonstrieren, wollte ich das dokumentieren. Wir bekamen vom Medien-Minister aus Damaskus die Anweisungen Fake Reports zu produzieren, die belegen, dass die Lage in Deraa unter Kontrolle ist und dass die Demonstranten nur Söldner sind, die vom Ausland bezahlt und gesteuert werden. Ich konnte das nicht: Ich war mit einem Kollegen auf der Straße. Wir haben mit eigenen Augen gesehen, wie die syrische Armee friedliche Demonstranten erschoss. Ich erinnere mich genau an eine Demonstration im April 2011: Die Menschen hatten friedlich demonstriert, Assads Männer hatten auf sie geschossen. Die Menschen lagen blutend auf der Straße, doch die Wege zu den Krankhäusern wurden vom Militär versperrt, auf die Krankenwagen wurde geschossen. Deshalb hat man die verletzten Demonstranten in die Al-Omari-Moschee gebracht, um sie zu verarzten. Mein Kollege und ich waren auf dem Weg dorthin, als das Militär die Moschee stürmte und die Verletzten erschoss. Ich fand meinen Cousin, der bei der Demonstration einen Bauchschuss erlitten hatte. Sie haben ihm in der Moschee durch die Hand, die er schützen vors Gesicht hielt, durch den Kopf geschossen. Er war sofort tot.

Damals konnte ich den Sender nicht sofort verlassen. Überall in der Nachbarschaft hatte das Militär Checkpoints aufgebaut, ich wäre sofort verdächtig gewesen und sie hätten womöglich meine Familie bestraft. Deshalb habe ich anfangs unter einem Pseudonym Berichte verfasst für oppositionelle Medien, 2012 habe ich gekündigt und bin dann erstmal für sechs Monate untergetaucht. Vom Regime gefasst zu werden ist das einzige, was mir mehr Angst macht als die Bomben. Denn die Märtyrer fahren zu Gott in den Himmel, die Inhaftierten verschwinden in den Folterkellern von Assad und niemand hört je wieder von Ihnen. Mein Bruder ist seit Jahren im Gefängnis von Sednaya – niemand weiß ob er noch lebt.

Ich erwarte nichts von der Zukunft – ich kann nicht. Ich bete dafür, dass der Krieg eines Tages zu Ende sein wird und Assad und seine Helfer vor einem Kriegsverbrecher-Tribunal für ihre Taten verurteilt werden. Dass die, die jetzt in den Gefängnissen sitzen freikommen. Dass wir einmal in einem Land leben können, in dem alle Menschen fair und gleich behandelt werden. Ein Land, das den Hunderttausenden gerecht wird, die dafür ihr Leben gelassen haben.

Mustafa, 24
West-Aleppo, Kontrolle: Syrische Regierungstruppen

Endlich ist Aleppo wieder sicher! Als die syrische Armee im Dezember Ost-Aleppo von den Aufständischen befreit hat, sind wir auf die Straße gegangen und haben gefeiert und geweint. Ich studiere Chemie an der Universität in Aleppo und immer wieder haben die bewaffneten Männer aus Ost-Aleppo die Uni angegriffen. An manchen Tagen sind Bomben wie Regen vom Himmel gefallen, einige meiner Kommilitonen sind dabei ums Leben gekommen.

Die Lebensbedingungen sind noch immer schwer erträglich: Seit das Haus meines Bruders zerstört wurde und er mit seiner fünfköpfigen Familie bei uns eingezogen ist, leben wir zu elft auf engem Raum in meinem Elternhaus. Es gibt kein fließendes Wasser und nur selten Strom. Aber immerhin muss niemand mehr sterben in Aleppo. Die Leute sind zufrieden, sie interessieren sich nicht für Politik, sie wollen einfach ihre Ruhe.

Es gibt vier Gründe warum ich trotz all dem Terror nicht aus Syrien geflohen bin: Erstens weil ich unbedingt meinen Studienabschluss machen will, sonst wäre das ganze Lernen umsonst gewesen. Zweitens weil ich einfach nicht das Geld habe für die Flucht. Drittens weil ich kein Land gesehen habe, das mich willkommen geheißen hätte. Und viertens, weil ich Syrien liebe. Wir werden wieder Frieden haben, wir müssen nur geduldig sein. Ich bin mir sicher, dass uns unser starker Führer Bashar al-Assad sicher aus dieser Krise führen wird. Bevor die Aufstände 2011 losgingen, hatten wir ein gutes Leben, das Land hat sich in eine gute Richtung entwickelt und die Wirtschaft blühte auf. Eines Tages wird Syrien wieder so sein wie früher, dann werden auch die Touristen zurückkommen und über die Schönheit dieses Landes reden und nicht mehr über den Krieg.

Muhammad, 26
Gaziantep/Darayya

Mein Leben hat sich um 180 Grad gedreht, seit unserem letzten Gespräch: Damals habe ich mit der Freien Syrischen Armee und meinem Gewehr gegen das diktatorische System gekämpft. Mein einziger Gedanke war: Wie überlebe ich den nächsten Tag? Es gab in Darayya alles: Flächenbombardierung, Exekutionen, Räumungen durch Assads Militär.

Jetzt sitze ich in einer kleinen Wohnung in Gaziantep in der Türkei und mache mir Gedanken darüber, ob ich studieren soll, am liebsten Englisch oder Betriebswirtschaftslehre. Meine größte Sorge ist, endlich einen festen Aufenthaltstitel in der Türkei zu erhalten und die Wohnsitzpapiere, damit ich meine Eltern im Ausland besuchen kann. Ich habe sie seit fünf Jahren nicht gesehen. Jeden Tag treffe ich alte Mitschüler von mir und ehemalige Lehrer von denen ich nicht gedacht hatte, dass sie noch leben. Es ist ein sehr merkwürdiges Gefühl plötzlich draußen zu sein. Doch manchmal denke ich trotzdem daran, zurückzukehren nach Syrien und weiter zu kämpfen bis wir den Krieg gewinnen.

Ich werde niemals die Tage in Darayya vergessen, meine geliebten Freunde und Verwandten, die ich dort als Märtyrer begraben habe. Wie wir mit unseren einfachen Waffen gemeinsam tapfer gekämpft haben bis zum letzten Blutstropfen gegen die syrische Armee und die mächtigen Russen. Auch noch in den letzten Tagen, als sie uns mit Napalm-Bomben angriffen. Am Ende wurde Darayya unser Stalingrad.

Deshalb sahen wir uns gezwungen am 27. August ein Abkommen mit dem Regime zu unterzeichnen, das Frankreich arrangiert hatte. Wir waren bereit unser Blut zu geben, aber nicht das der Zivilisten, die sie ermordeten, deshalb haben wir zugestimmt. Eigentlich hatte man versprochen, dass alle Kämpfer und Zivilisten problemlos aus Darayya evakuiert würden. Letztlich haben sie uns Kämpfer ziehen lassen, aber die Jugendlichen haben die Regime-Truppen eingesackt, um aus ihnen Soldaten zu machen.

06:00 12.04.2017

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