Jetzt mal langsam

Slow-TV Vom Holzspalten bis zur Nationalen Stricknacht: In Norwegen schaut sich ein Millionenpublikum entschleunigte TV-Reportagen an. Nun kommt das Format auch in Deutschland an
Lennart Laberenz | Ausgabe 14/2015 4

Minute 23, die Cellobauerin geht aus dem Bild. Gerade hatte sie noch den Steg in der Hand, zeichnete auf dem Corpus des Instruments ein, wo sie ihn ankleben wird. Jetzt liegt er neben einem Bleistift, durch das Fenster fällt warmes Licht. Ihr Arbeitsplatz: viel warmes Holz, große Atelierfenster, außen Sommergrün. Als sie geht, wird der Blick frei auf einen Geigenbauer, er pustet Staub aus dem Wirbelkasten einer Violine. Sie kommt zurück, hat ein Messer geholt. Minute 27: Die Cellobauerin geht wieder hinaus und wir hören ein Plätschern. Vielleicht bereitet sie noch einen Tee zu? Oder falls Kaffee, dann einen, bei dem man den Porzellanfilter direkt auf die Tasse setzt.

Solche Gedanken kommen einem, wenn man das neue Slow-TV-Format des BR anschaut. Vier Bildausschnitte, als Split Screens zusammengefügt, verfolge eine Stunde ohne Unterbrechung, ohne Musikuntermalungen oder Kommentare eine Tätigkeit. Drei Episoden gibt es: die Cellobauerin, einen Trockenmaurer, einen Uhrmacher.

Mora. Gib Dir echtZeit ist eine erste deutsche Antwort auf den überwältigenden Erfolg von Slow-TV-Formaten in Norwegen. Der Norwegische Rundfunk (NRK) bietet einiges in dieser Disziplin: Man kann fast zehn Stunden zuschauen, wie es entlang der Nordlandbahn von Trondheim bis Bodø aussieht, fix aus dem Führerhaus gefilmt, ohne Unterbrechung. NRK hat mit großem Ernst auch die Schiffspassage der Hurtigruten minutt for minutt beobachtet und live übertragen: 134 Stunden, 42 Minuten und 45 Sekunden. Die Übertragung streckte sich von Donnerstag, den 16., bis Mittwoch, den 22. Juni 2011. Rund 36 Prozent der Norweger sahen zu. Die Nationale Stricknacht vom Freitag, dem 1. November 2013, bis zum Abend des darauffolgenden Samstags verfolgten eine Million Zuschauer live. Zwei Wochen später sahen sich ebenso viele Zuschauer eine dreistündige Einführung ins Holzspalten und –lagern an. Dann beruhigte sich die Kamera und sah zu, wie die Scheite im Kamin abbrannten. Gedichte wurden aus dem Off eingespielt, Lieder: acht Stunden lang. Gelegentlich legt eine Frauenhand Holz nach.

Solche Formate gab es in den 90er Jahren auch in Deutschland, im WDR wurden die Nachtstunden mit Zugreisen oder Autofahrten über Landstraßen zugekleistert. Im norwegischen Staatsfernsehen aber laufen die Formate zur besten Sendezeit und haben Einschaltquoten wie in Deutschland entscheidende Fußball-Länderspiele.

Der Medientheoretiker Marshall McLuhan unterschied zwischen heißen und kalten Medien: „Jedes heiße Medium bedeutet eine geringere Teilnahme als ein kaltes Medium, ein Vortrag bedeutet weniger Partizipation als ein Seminar, ein Buch weniger als ein Dialog.“ Bei Slow TV tritt an die Stelle von hektischen Schnittfolgen, schnellen Meinungen und lautem Gebrüll der geduldige Gedanke. Das Fernsehen entsagt der selbst auferlegten Neurose, alles erklären zu wollen. Der Zuschauer beginnt einen Dialog mit seinem Fernseher. Eine Stunde ist da für das Cello etwas kurz, immerhin, für 60 Minuten verwandelt sich der Fernsehschirm in vierfach aufgeteiltes Fensterglas: Der Autor hält sich zurück. Der Zuschauer sekundiert, was er sieht, mit eigenen Erfahrungen, Gedanken und Kommentaren. Es ist angenehm still, man kann selbst entscheiden, welchem Bild man folgt.

Dann kommt die Cellobauerin zurück. In ihrer selbst getöpferten Schale schwappt Tee.

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06:00 15.04.2015

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