Geliebtes Chaos

Jubiläum Zwischen Verfeinern und Zuschlagen – der Filmemacherin Helke Sander zum 85. Geburtstag
Helke Sander in „Redupers – Die allseitig reduzierte Persönlichkeit“ (1977). Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen
Helke Sander in „Redupers – Die allseitig reduzierte Persönlichkeit“ (1977). Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen

Foto: Imago Images

Nimmt man Dir das Schwert, dann greife zum Knüppel.“ Mit diesen Worten beginnt ein Text, der 1974 in der ersten Ausgabe der Zeitschrift Frauen und Film erschien. Darin beschrieb die Herausgeberin, Filmemacherin Helke Sander, wie „Sexismus in den Massenmedien“ das deutsche Fernseh- und Filmgeschäft prägt und in der Konsequenz zu einem unausgesprochenen „Berufsverbot für Filmemacherinnen“ führt. Das „Zum-Knüppel-Greifen“ wurde jetzt, am 14. Januar, knapp fünf Jahrzehnte später, in der Berliner Akademie der Künste wieder aufgegriffen, anlässlich einer Präsentation des Buches Helke Sander: I like chaos, but I don’t know whether chaos likes me. Auf dem Programm standen eine Gesprächsrunde und Muss ich aufpassen?, Sanders Beitrag zum Episodenfilm Felix von 1988 – mit Ulrich Tukur in der Rolle eines jungen Mannes, der in den Sylter Dünen versucht, sich über eine Trennung hinwegzuflirten.

Auch Moderatorin Cornelia Klauß verwies auf das Jahr 1988, in dem der Verband der Filmarbeiterinnen e. V. zum „Knüppel“ gegriffen und eine Verfassungsklage für eine geschlechterparitätische Besetzung der Filmfördergremien auf den Weg gebracht habe. (Die Klage scheiterte im Vorfeld, weil die Gefahr einer Grundrechtsverletzung durch „diskriminierende Fördermittelvergabe“ vom Gericht als „abstrakt“ abgetan wurde.) „Vielleicht kommt es heute ja wieder dazu“, schwang Klauß den verbalen Knüppel und versprach: „Wir werden uns zwischen Verfeinerung und Zuschlagen bewegen!“ Es fiel nicht schwer, die Reaktion der anwesenden Helke Sander zu deuten. Gelassen lächelnd strahlte sie Zustimmung aus, gedimmt durch eine realistischere Erwartungshaltung. Allerdings wäre „zwischen Verfeinerung und Zuschlagen“ nicht die schlechteste Zusammenfassung von Sanders Arbeit – wenn man unter „Verfeinerung“ ihren künstlerischen Zugriff auf feministische Themen versteht und unter „Zuschlagen“ die Vielzahl ihrer Initiativen zur konkreten Veränderung der Verhältnisse.

Helke Sander wird 1937 in Berlin geboren. Ihr Vater hat „alles bestimmt“; ihre Mutter erlebt sie als eine finanziell abhängige Frau, die sich nicht traut, die Scheidung einzureichen. Nach Abitur und Schauspielstudium heiratet Sander einen finnischen Schriftsteller, studiert und arbeitet einige Jahre in Skandinavien. 1965 kehrt sie nach Berlin zurück, als alleinerziehende Mutter. Ein Jahr später gehört sie zum ersten Jahrgang der Deutschen Film- und Fernsehakademie.

In den gut 30 Spiel- und Kurzfilmen, die Sander seither drehte, lässt sie oft die Grenze zwischen Fiktion und Realität verschwimmen, was heute noch überfordert. Redupers – Die allseitig reduzierte Persönlichkeit ist derzeit in der Kategorie „Dokus und Reportagen“ in der Arte Mediathek zu sehen. Dabei wäre Sanders bekanntester und sehr unterhaltsamer Film in der Kategorie „Kino“ genauso gut aufgehoben. Mit sich selbst in der Hauptrolle erzählt Sander präzise und voller Selbstironie von einer alleinerziehenden Fotografin, die im Rahmen eines Stadtmarketing-Projektes das Image von Westberlin aufpolieren soll – ein Unterfangen mit viel tragikomischem Potenzial, schon damals, Mitte der 1970er.

Unter dem faktischen Druck des Alltags gehen bei Sander Kunst und Engagement Hand in Hand. Für ihren Sohn findet sie keinen Kindergartenplatz; 1967 gehört sie zu den Initiatorinnen der ersten Kinderläden. Wenig später mischt sie den Sozialistischen Deutschen Studentenbund mit einer Brandrede gegen die Unterdrückungsverhältnisse zwischen Männern und Frauen auf. Als sie kein Gehör findet, fliegen Tomaten. Nicht zuletzt mit den Gründungen der Zeitschrift Frauen und Film und des Verbandes der Filmarbeiterinnen e. V. setzt Sander ihren Kampf gegen die Verhältnisse in den folgenden Jahrzehnten fort. Sie wird zur prägenden Kraft der westdeutschen Frauenbewegung, aber von der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, trotz ihrer publizistischen Arbeit und zahlreicher Filmpreise.

Hier beginnt es, für den Autor dieser Zeilen ausnahmsweise persönlich zu werden. Vor fünf Jahren veranstaltete ein kleines Berliner Kino eine Filmreihe zu Helke Sanders 80. Geburtstag. Verblüfft stellte ich fest, dass man 25 Jahre lang in Deutschland als Filmjournalist arbeiten kann, ohne auch nur einen Film von Helke Sander gesehen zu haben. Die Vorführung von ihrem bis heute letzten Film Mitten im Malestream von 2005, in dem sie vor laufender Kamera mit sieben weiteren „Interessierten über verschwundene Fragen der Frauenbewegung“ diskutiert, stellte mir zudem unter anderem die feministische Publizistin Halina Bendowski und die Familienforscherin Gisela Erler vor. Das war für mich, als 1974 im Sauerland Geborenen, der einige Bücher von Alice Schwarzer gelesen, das junge feministische Missy Magazine hin und wieder gekauft und auch den feministischen Filmblog Filmlöwin auf Facebook abonniert hatte, absolutes Neuland.

Schimpansin befragt Mütter

Ich fragte Helke Sander für ein Interview an und bekam einen Termin. Ich hielt es für eine gute Idee, ihr einige aktuelle Zeitschriften auf den Tisch zu legen und aus dem Editorial des Brigitte-Ablegers F-MAG vorzulesen: „Wir finden Politik sexy. Wir wissen, dass Sex manchmal politisch ist.“ Sander winkte angewidert ab. In der ersten Ausgabe des ZEITmagazins MANN erzählte Iris Berben von den Männern, die ihr geholfen hatten, Iris Berben zu sein. Robert De Niro wurde gelobt, weil er Kunstwerke seines Vaters ausstellt. Auch das entlockte Helke Sander nur ein müdes Lächeln und die trockene Analyse, dass sich die Kosmetikindustrie mit ihren Werbeanzeigen jetzt offenbar auf den Mann fixieren würde. Warum sonst sollte es so ein Magazin geben?

Gerade war ihr fast 200 Seiten langes, so herausforderndes wie unterhaltsames Essay Die Entstehung der Geschlechterhierarchie erschienen, das Ergebnis von 50 Jahren privater Forschungsarbeit. Doch die Sander war nicht in Feierlaune. Freundlich, aber bestimmt beharrte sie darauf, dass wir Menschen dabei wären, unsere Gattung zu Tode zu bringen. (Hätte ich vorher ihren Film Muttertier – Muttermensch von 1998 gesehen, in dem sie eine kulturpessimistische Schimpansin feministische Mütter interviewen lässt, hätte mich diese Haltung wohl weniger überrascht.) So redeten wir über manches, kamen aber selten auf den Punkt. Und ich kam mir falsch vorbereitet vor. Das Interview blieb unveröffentlicht.

Zwei Jahre später entdeckte ich beim Ausverkauf einer Videothek dann die „Helke-Sander-Edition“, eine Box mit fünf DVDs. Es gab ein Wiedersehen mit Redupers und Mitten im Malestream, vor allem aber eine erste Begegnung mit dem so erschütternden wie aufschlussreichen Dokumentarfilm BeFreier und Befreite. Zwei Teile lang führt Sander dort Interviews mit Zeitzeugen, vor allem in Russland, über „Krieg, Vergewaltigungen und Kinder“. Im Spielfilm Der Beginn aller Schrecken ist die Liebe gibt es noch einmal die Möglichkeit, Sander auch als Schauspielerin zu erleben. Als Loriot sie einige Jahre später für die Sekretärin in seinem Papa ante Portas anfragte, musste sie mit Bedauern absagen, aufgrund eines eigenen Filmprojektes. Letzteres kam dann doch nicht zustande.

Als „Chaos“ hat sie 1977 in einem Referat das Spannungsfeld bezeichnet, in das sich jene unweigerlich begeben, die als „Filmemacherinnen und Künstlerinnen“ arbeiten wollen, ohne ihren kritischen Blick auf die real existierenden Arbeitsbedingungen zu verstecken. Sie schließt mit jenem Satz, der zum Titel ihres neuen Buchs führte: „Feministische Künstlerinnen können mit Bob Dylan sagen: I like chaos, but I don’t know whether chaos likes me.“ Die ursprüngliche Form des Zitates findet sich im Begleittext zu Dylans Album Bringing It All Back Home von 1965, wo der spätere Literaturnobelpreisträger sich in einem Bewusstseinsstrom unter anderem darüber wundert, dass Allen Ginsberg nicht gefragt wurde, bei der Amtseinführung des Präsidenten ein Gedicht zu lesen. Mittendrin dieser Satz: „I accept chaos, I’m not sure whether it accepts me.“

Im Gegensatz zu Dylan akzeptiert Helke Sander das Chaos offenbar nicht nur, sondern vermag es zu schätzen. Am 31. Januar wurde sie 85 Jahre alt, ein Geburtstag, der an jenem Abend in der Akademie der Künste, zwei Wochen zuvor, mit keinem Wort erwähnt wurde. Es wurde auch keine neue Verfassungsklage auf den Weg gebracht. Stattdessen lud die Akademie am Ende zu einer Runde Rotwein ins Foyer. Der Knüppel stand wohl in der Ecke, jederzeit griffbereit.

Info

I like chaos, but I don’t know whether chaos likes me. Texte aus „Frauen und Film“ Helke Sander In Print bei Archive Books und elektronisch bei Eeclectic erschienen

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