k icj!!! um 4.04 Uhr

Die Ratgeberin Unsere Autorin wollte mit dem Buch „Klarträumen für Anfänger“ fliegen lernen und traf dabei Angela Merkel
Susanne Berkenheger | Ausgabe 14/2016 1

Wieder liegt eine Nacht verpasster Chancen hinter mir. Ich bin am Ende. Seit einer Woche versuche ich, im Traum zu bemerken, dass ich träume, um dadurch dünner, schlauer, muskulöser und spiritueller zu werden oder einfach mal rumzufliegen. Dann sei Schlafen endlich keine Zeitverschwendung mehr, wirbt Charlie Morley in seinem Ratgeber Klarträumen für Anfänger.

Wenn ich das mal früher gewusst hätte! Als Kind hatte ich dauernd Klarträume, erkannte aber ihren Nutzen nicht. Auf der Flucht vor Ungeheuern suchte ich meist fieberhaft nach harten Gegenständen, um reinzubeißen. Das war mein Aufwachtrick. Nicht selten wachte ich dadurch aber nur in einem zweiten Albtraum auf, den mein hinterlistiges Unterbewusstsein aus Watte gestaltet hatte, aus gemeiner, furchteinflößender Watte. Um aus diesem Traum aufzuwachen, musste ich mich in die Tiefe stürzen. Unangenehme Sache! Denn: Was, wenn ich doch nicht träumte? Den Rest des Tages kaute ich Legosteine, um vielleicht ein drittes Mal aufzuwachen. Grässlich.

Dank Charlie Morley kenne ich jetzt einen eleganteren Realitätstest, die Weird-Methode: Dazu hält man Ausschau nach Sachen, von denen man denkt: He, das gibt’s doch nicht, träum ich vielleicht? Dann betrachtet man zweimal in rascher Abfolge die eigene Hand. Sieht sie beim zweiten Mal irgendwie komisch aus, fehlen Finger oder sind sie durch Babyelefanten ersetzt worden, weiß man: Okay, ich träume. Die Weird-Methode übe ich jetzt fleißig. Wenn ich mir das im Wachzustand angewöhne, werde ich es auch im Traum tun. Dadurch wird mein Bewusstsein aktiviert und lässt mich wissen: „Ja, jetzt kannst du losfliegen.“

Lästig ist, dass ich ein Traumtagebuch führen muss. Gleich nach der ersten Nacht fand ich vier eng vollgekritzelte Seiten vor, alle total unleserlich. Denn ich hatte keine Lust, um 2.03, 3.14, 3.33, 4.04 und so weiter das Licht anzuknipsen. Inzwischen tippe ich die Träume ins Smartphone, wodurch ich nachts noch länger wach bin und morgens noch geräderter. Bevor ich aufstehe, lese ich die sinnlosen Traumfragmente, um mich zu erinnern. Mal gucken.

Heute Nacht ist mir die Merkel erschienen: In ihrer Merkel-Art saß sie an einem Tisch und beamte eine Folge Star Trek. Vor sich hatte sie eine Seife in Form von Miss Piggy platziert, die sich später als ihre Visitenkarte entpuppte. Der Eintrag endet mit: „k icj!!!“ Keine Ahnung, was mir das mitteilen soll. Benebelt schleppe ich mich vier Stockwerke runter zur Zeitung im Briefkasten, vor dem der rauchende vietnamesische Koch von Sushi24 in einer eigentümlichen Sprache telefoniert. Vietnamesisch? Crazy! Zwei Airbnb-Gäste kommen mir entgegen, sie stoßen noch merkwürdigere Laute aus. Ist das überhaupt noch eine Sprache? Total verrückt! Ich muss träumen! Aber der Handrücken-Test sagt Nein! Wie bizarr ist das denn? Ich mach den Test gleich noch mal. Wieder dasselbe. Sicher ein Streich meines perfiden Unterbewusstseins. Ich könnte jetzt ins Treppengeländer beißen, aber dann droht mir wieder dieser Wattetraum. Also sag ich mir: Bleib ruhig. Du weißt es auch ohne Tests: Du träumst, was sonst! Da spüre ich einen großen Frieden in mir, denn jetzt kann ich tun, was ich schon immer tun wollte: Ich fliege das Treppenhaus hoch, hinein in die Wohnung und ins Bett, um dort in einen tiefen, bewusstlosen Schlaf zu sinken. Wenn ich aufwache, will ich alle meine Träume, diesen inklusive, vergessen haben. Das wird absolut traumhaft!

Susanne Berkenheger verteilt als Die Ratgeberin regelmäßig für den Freitag gute Ratschläge

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06:00 09.04.2016

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